Das ist die These: Leonardo soll den hübschen 10-jährigen Salai aus einem homoerotischen Bedürfnis heraus bei sich aufgenommen haben, als er 38 Jahre alt war. Als Salai dann älter wurde, wandte sich Leonardo wider Erwarten nicht von ihm ab, obwohl Salai erwachsen, großspurig und unbegabt war und ihn überdies auch noch bestahl. Denn trotzdem liebte Leonardo Salai und lebte mit ihm in einer eheähnlichen Gemeinschaft. Als Leonardo starb, hinterließ er Salai das gemeinsame Haus in Mailand. Salai überwand den Tod Leonardos nicht und starb fünf Jahre später in einer gewaltvollen Auseinandersetzung.
Wer war Salai?
Salai (ital. 'kleiner Teufel, Kobold') war der Rufname von Gian Giacomo Caprotti, den Leonardo ihm im Alter von ca. 14 Jahren gab. Er wurde um 1480 in Oreno bei Monza geboren. Über Salais Familie ist nur wenig bekannt. Er war der Sohn von Pietro und einer Caterina, die zufällig denselben Vornamen trug, wie die Mutter Leonardos. Der Leonardo Biograf Charles Nicholl vemutet aufgrund der Bezeichnung von Salais Vater in einem juristischen Dokument, als "Pietro, Sohn des verstorbenen Herren Johannes", dass Salais Großvater etwas Land und einen gewissen Status besessen haben muss. Jedenfalls war Pietro bereit, Leonardo für die Aufnahme Salais zu bezahlen und muss daher etwas Geld besessen haben. Außerdem hatte Salai noch zwei Schwestern.
Laut Vasari soll Leonardo Salai 1490 noch im Knabenalter als Schüler aufgenommen haben: "Während seines Mailänder Aufenthaltes nahm Leonardo einen Jüngling dieser Stadt, Salai, zu seinem Schüler". Leonardo selbst notiert sich: "Jacomo [Giacomo] kam zu mir ins Haus am Magdalenentag [22. Juli] 1490, 10 Jahre alt".
Welche Aufgaben Salai in der Werkstatt genau übernahm, ist nicht bekannt. Denkbar ist zunächst eine Anstellung als Dienstbote, Laufbursche und Modell. Sicher stand auch eine Ausbildung als Maler im Raum. Es gibt Dokumente, die wichtige Botengänge von Salai belegen, z.B. für Leonardos Briefwechsel mit Isabelle d’Este oder für die heikle Nachfrage nach einer ausgebliebenen Gewässerschenkung bei den französischen Besatzern in Mailand (1508). Salais Schaffen als Maler gilt hingegen als unbedeutend. Es wird angenommen die „Monna Vanna“ wäre sein Werk (oben), überhaupt kann man ihm kein Gemälde zweifelsfrei nachweisen.
Salai starb 1524 eines gewaltvollen Todes, fünf Jahre nach Leonardos Tod. Der Grund der Auseinandersetzung ist unbekannt. Salai war mit einer Bianca de Anono verheiratet, wie aus dem Schreiben des Notars Crevenna vom 01.04.1525 bekannt ist. Dieser vermittelte in einem Erbstreit zwischen Salais Frau und seinen beiden Schwestern und stellte an diesem Tag eine Liste von Salais Nachlass auf. Salai wurde nur 44 Jahre alt und hinterließ keine Nachkommen.
Salai, der Dieb
Salais Charakter galt anfangs als rebellisch. Im Juli 1491, etwa 1 1/2 Jahre nach Salais Aufnahme in seine Werkstatt, notierte Leonardo sich in einer berühmten Auflistung welch finanzieller Schaden ihm durch Salai entstanden war. Vermutlich hatte er vor, sich den Betrag von Salais Vater erstatten zu lassen. Einige Autoren, so auch Charles Nicholl, lesen aus Leonardos Anklage unverständlicherweise einen homoerotisch-zärtlichen Grundton heraus:
"Am zweiten Tag danach ließ ich ihn zwei Hemden, eine Hose und ein Wams zuschneiden, und als ich das Geld für diese Sachen beiseite legte, stahl er dieses Geld aus meiner Tasche, und es gelang mir nie, ihn zu einem Geständnis zu bewegen, obwohl ich fest davon überzeugt war. (4 Lire)
Am folgenden Tag ging ich zu einem Abendessen bei Giacomo Andrea, und der genannte Giacomo aß inzwischen für zwei und richtete Schaden für vier an. Denn er zerbrach drei Krüge, verschüttete den Wein, und danach ging er mit zum Abendessen, wo ich [Satz unvollendet].
Weiter: am 7. September stahl er dem Marco, der bei mir wohnte, einen Griffel im Wert von 22 Soldi, der aus Silber war, und stahl ihn aus seiner Werkstatt. Nachdem der besagte Marco lange danach gesucht hatte, fand er ihn in der Truhe des besagten Giacomo versteckt. (1 Lira)
Am 26. Januar des folgenden Jahres, als ich mich im Haus von Messer Galeazzo da Sanseverino aufhielt, um sein Turnierfest vorzubereiten, und als sich einige Pagen entkleideten, um einige Kleider von Wilden anzuprobieren, die bei diesem Fest auftraten, näherte sich Giacomo der Geldbörse eines von ihnen, die mit anderen Kleidern auf dem Bett lag, und nahm das Geld heraus, das er darin fand. (2 Lire, 4 Soldi)
Außerdem: Nachdem ich von Meister Agostino von Pavia in dem besagten Haus ein Geschenk von türkischem Leder für ein Paar Stiefel erhalten hatte, stahl Giacomo es mir im Laufe des Monats und verkaufte es für 20 Soldi an einen Schuster, worauf er, wie er mir selbst gestand, mit dem Geld Aniskuchen kaufte. (2 Lire)
Als Gian Antonio am 2. April einen silbernen Griffel auf einer seiner Zeichnungen liegen ließ, stahl dieser Giacomo ihm den Griffel, der 24 Soldi wert war. (1 Lira, 4 Soldi)"
Leonardo fasst den damaligen Charakter Salais in einer Randnotiz der Aufstellung mit vier Worten zusammen: "diebisch, verlogen, trotzig, gefräßig". Der Schaden der Leonardo durch die Aufnahme Salais entstanden war, betrug also mehr als 10 Lire und 8 Soldi. In heutiger Währung entspricht dies einem Betrag von über 4000,- Euro (Die Umrechnung wird im Artikel "Leonardos Finanzen" erklärt). Salais diebisches Verhalten hielt wohl mehrere Jahre an, denn noch sechs Jahre später notiert sich Leonardo am 4.4.1497 in einer erneuten Aufstellung der Unterhaltskosten: "Salai stiehlt Geld". Doch scheint er ihm sein Verhalten schließlich verziehen zu haben, da Salai bis kurz vor Leonardos Tod bei ihm blieb.
Leonardos Großzügigkeit
Zusätzlich zu den genannten Kosten macht Leonardo noch weitere 32 Lira an Kosten geltend (ca. 13.000 Euro), die für sonstige Bekleidung Salais, unter anderem 24 paar Schuhe, ausgegeben wurden. Diese Ausgabe muss im Kontext gesehen werden. Leonardo war Mitglied des Hofes von Mailand und er konnte seine Boten nicht im ärmlichen Zwirn zum Herzog schicken. Darüber hinaus war Leonardo dafür bekannt, sich nur in edlen Stoffen zu kleiden, und die Mitglieder seiner Werkstatt ebenso auszustatten. Er hat also nicht nur Salai in der Art eingekleidet. Unklar ist inwieweit der Vater Salais vorab von diesen zusätzlichen Kosten informiert war, und ob er sie je beglichen hat.
Leonardos Leben mit Salai
Es existieren keine Dokumente, die eine innige persönliche Beziehung der beiden nahelegen. Dass Leonardo den zehnjährigen Knaben zu sich nahm, kann mit sozialer Verantwortung, Lehreifer oder Mitgefühl für die Lebensumstände des bis dahin vermutlich in Armut lebenden Jungen erklärt werden. Dass Salai bis zu Leonardos Tod dessen Schüler blieb, ist nicht ungewöhnlich, denn auch Francesco Melzi blieb solange bei ihm. Der adelige Melzi aus den vornehmsten Kreisen Mailands war ebenso als Knabe Leonardos Schüler gewordem.
Salai war kein herausragender Maler und es wäre ihm sicher schwer gefallen in einem Umfeld starker Konkurrenz ein Auskommen zu erwirtschaften. So könnte Salai keine andere Wahl gehabt haben, als weiter in den Diensten Leonardos zu stehen. Doch diese Mitarbeit in Leonardos Werkstatt als eheähnliche Gemeinschaft zu verstehen und ihr eine sexuelle Komponente zu geben, scheint willkürlich. Zumindest ist dies nicht belegbar.
Leonardos Testament – Die großzügige Schenkung an Salai
Die angeblich amouröse Beziehung von Leonardo und Salai soll eine großzügige Schenkung belegen, die in Leonardos Testament bestimmt wurde. Wird das vollständige Testament gelesen, wird klarer, dass Leonardo Salai kein großzügiges Erbe einräumte. Er schenkt ihm dasselbe, was er auch seinem Diener Vilanis schenkte. Der Hauptteil des Vermögens ging an Melzi und Leonardos Geschwister. Hieraus lässt sich vermutlich eher ableiten, in welcher Beziehung Leonardo und Salai standen.
„[Leonardo da Vinci] vermacht […] seinem Diener Battista de Vilanis für immer und ewig die Hälfte, d.h. die Hälfte des Gartens, den er vor den Toren von Mailand besitzt, und die andere Hälfte desselben Gartens seinem Diener Salai; In diesem Garten hat der besagte Salai ein Haus errichtet und gebaut, das ebenfalls dem besagten Salai, seinen Erben und Nachfolgern für immer gehören und verbleiben soll, als Entschädigung für die guten und willkommenen Dienste, die ihm seine Diener, die besagten de Vilanis und Salai, von nun an und für immer geleistet haben.“
Der "Garten vor den Toren von Mailand" war eine Schenkung des Mailänder Herzogs an Leonardo (1497), zwei Jahre vor dessen Sturz durch die Franzosen. Es ist bezeichnend, dass sowohl Vilanis als auch Salai das Mailänder Grundstück gleichberechtigt erben und beide als Diener bezeichnet werden. Die "guten und willkommenen Dienste" werden von vielen Autoren als sexuelle Gefälligkeiten Salais ausgelegt. Dabei wird häufig der Kontext des langjährigen Angestelltenverhältnisses, sowohl zu Salai, als auch zu Vilanis weggelassen. Die "guten und willkommenen Dienste" sind dann auch nicht vielmehr als eine Höflichkeitsfloskel, gerichtet an beide, Vilanis und Salai, im Kontext einer großzügigen Schenkung und bar jeder sexuellen Komponente.
Gleichwohl hat Salai aufgrund der jahrzentelangen Gefolgschaft eine besondere Stellung innegehabt, denn er hat einige wertvolle Gemälde besessen, die in dem erwähnten Rechtsstreit nach seinem Tod vergleichsweise hoch bewertet werden. Es wird vermutet, dass es sich um einige Originale Leonardos handelte. So soll sich unter anderem die Mona Lisa in seinem Besitz befunden haben ("1 Gemälde, nach hinten gerückte Frau, genannt La Joconda, 100 Scudo", aus den notariellen Akten von Pietro Paolo Crevenna: Salais Nachlass).
Die Mona Lisa als Porträt Salais
Oft ist zu lesen, der Mann Salai könnte für das Frauenporträt "Mona Lisa" Modell gestanden haben. Ein Hinweis darauf soll der Name Mona Lisa sein, der ein Anagramm zu „Mon Salai“ ist (frz. „Mein Salai“). Allerdings hat Leonardo das Gemälde nie so benannt, der erste, der das Werk Mona Lisa nennt ist Giorgio Vasari. Im Umfeld Leonardos wurde das Porträt vermutlich Gioconda genannt.
Außer "Mon Salai" sind auch "Nom Alias" (frz. ‚Aliasname‘) und "Mon Alias“ (frz. ‚Mein Alias‘) sinnvolle Anagramme zu Mona Lisa. Dann hätte Leonardo sich selbst gemeint. Und das nur, wenn angenommen wird, dass die Mona Lisa nicht die Mon(n)a Lisa del Giocondo zeigt.
Weitere Porträts und Zeichnungen von Salai
Es wird auch behauptet, Salai habe für "Johannes der Täufer" Modell gestanden. Wer eine Ähnlichkeit im Gesicht der Mona Lisa und von Johannes dem Täufer erkennt, darf glauben, dass Salai für beide Gemälde Modell stand. Was die Sache erschwert, ist der Umstand, dass bis heute unklar ist, wie Salai überhaupt aussah.