Das Osmanische Reich hatte 1453 Konstantinopel erobert, das heutige Istanbul. 50 Jahre später plante der Sultan Bayezid II. ein gewaltige Brücke, die den historischen Stadtkern mit den nördlichen Stadtteilen verbinden sollte. Diese waren durch einen etwa 250m breiten Meeresarm getrennt, dem goldenen Horn. Im Istanbuler Topkapi Museum ist die Abschrift eines Briefes erhalten, den Leonardo an den Sultan des osmanischen Reiches gesendet haben soll. Leonardos Brief wird auf den Sommer 1503 datiert, und steht damit im zeitlichen Zusammenhang mit der Brücke für Cesare Borgia:
"Ich, Euer Diener, habe gehört, dass Ihr beabsichtigt, eine Brücke von Stambul nach Galata zu bauen, und dass Ihr dies noch nicht getan habt, weil Ihr niemanden gefunden habt, der dazu in der Lage ist. Ich, dein Diener, weiß, wie es gemacht werden kann. Ich würde sie so hoch wie ein Gebäude bauen, so dass niemand sie überqueren könnte, weil sie so hoch ist ... Ich würde sie so bauen, dass Schiffe unter ihr hindurchfahren können, auch wenn alle Segel gesetzt sind ... Ich werde eine Zugbrücke bauen, damit ihr bis zur anatolischen Küste gelangen könnt, wenn ihr wollt. Möge Gott, dass du meinen Worten glaubst, meinen Worten glauben und in mir deinen Diener sehen, der dir immer zu Diensten ist".
In einem seiner Notizbücher fertigte Leonardo zu dieser geplanten Brücke eine Zeichnung an, der er einige Maße hinzufügte: "Brücke von Pera in Konstantinopel. 40 Ellen breit, 70 Ellen hoch über dem Wasser, 600 Ellen lang, nämlich 400 über dem Meer und 200 an Land, wo sie sich stützt." 1 Elle entsprach etwa einem halben Meter. Demnach sollte die Brücke eine Länge von 300m haben. Damit wäre sie die größte Brücke der damaligen Welt geworden. Auf Leonardos Brief ist keine Antwort des Sultans bekannt, auch gibt es keine Hinweise auf einen Aufenthalt Leonardos in Istanbul.
Michelangelos Brücke für den Sultan
Es ist bemerkenswert, dass Michelangelo, der berühmte Bildhauer und spätere Architekt am Petersdom in Rom, etwa zur selben Zeit wie Leonardo daran gedacht haben soll, eine Brücke über das Goldene Horn zu errichten. Leonardo und Michelangelo waren zu dieser Zeit in Florenz und malten für denselben Saal an zwei jeweils unvollendet gebliebenen Gemälden (Leonardos "Schlacht von Anghiari" und Michelangelos "Schlacht von Cascina"). Der vielzitierte Biograf Vasari erwähnt das in seiner Michelangelo Biografie von 1550.
"In Florenz war Michelangelo darauf bedacht, im Lauf von drei Monaten, die er dort verweilte, den Karton für den großen Saal zu vollenden. Unterdessen erhielt die Signoria drei Breves mit dem Verlangen, Michelangelo nach Rom zurückzuschicken. Daraus erkannte dieser die Wut des Papstes, und da er seiner Sicherheit misstraute, soll er sogar den Gedanken gehabt haben, nach Konstantinopel zu gehen, um dem Groß-Sultan zu dienen, der ihn durch Vermittlung einiger Franziskanermönche begehrte, um durch ihn eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen. Aber Soderini beredete ihn, den Papst, wenn auch wider Willen, aufzusuchen, und zwar zu seinem Schutz in öffentlichem Dienst als Gesandter der Stadt".