Die vorliegende Übersetzung aus dem Englischen basiert auf der vielzitierten Übersetzung von Norman de Garis Davies aus dem altägyptischen Text, der in seinem Werk 'The Rock Tombs of El-Amarna Part VI, Tombs of Parennefer, Tutu and Aÿ, Chapter IV Hymns and Prayers' von 1908 veröffentlicht wurde und bezieht sich auf die lange Version aus dem Grab von Eje II. (Aÿ). Der Originaltext von Norman de Garis Davies Übersetzung ist in der englischen Version dieser Seite nachzulesen.
Eine Anbetung an Re-Horachti-Aton 1, der für immer und ewig lebt, der lebendige und große Aton, der während des Sedfestes 2 anwesend ist, Herr über alles, was Aton umgibt, Herr des Himmels, Herr der Erde, Herr des Hauses von Aton in Achet-Aton 3, des Königs von Süd- und Nordägypten 4, der in Wahrheit lebt, Herr der beiden Länder, Nefer-Kheperu-Ra-Ua-En-Ra 5, der Sohn der Sonne, der in Wahrheit lebt, Herr der Diademe, Echnaton, groß in seiner Dauer. Und der Hauptfrau des Königs, die er liebt, Herrin der beiden Länder, Nefer-Neferu-Aton 6, Nofretete, die ewiges Leben, Gesundheit und Jugend hat.
Der Träger des Fächers in der rechten Hand des Königs, Aufseher über alle Pferde Seiner Majestät, die Zufriedenheit im ganzen Land verschafft, der Liebling des guten Gottes, der Vater des Gottes, Aÿ 7 sagt:
Dein Aufgang ist schön am Horizont des Himmels, o lebender Aton, der Leben spendet. Wenn du am östlichen Horizont aufgehst, erfüllst du jedes Land mit deiner Schönheit. Du bist prächtig, groß, strahlend, erhebst dich über jedes Land. Deine Strahlen umarmen die Länder bis ans Ende von allem, was du erschaffen hast. Du bist Ra, du lenkst sie nach ihrer Anzahl und machst sie deinem geliebten Sohn untertan. Fern bist du, doch auf der Erde sind deine Strahlen. Du bist auf ihren Gesichtern, und sie schauen auf deinen Lauf.
Wenn du untergehst am westlichen Horizont, ist die Erde in Dunkelheit, dem Tode gleich. Sie liegen in einer Kammer mit verbundenen Köpfen. Kein Auge sieht das andere. Auch wenn all ihr Gut, das unter ihren Köpfen liegt, ihnen genommen wird, merken sie es nicht. Jeder Löwe kommt aus seinem Versteck und alle Schlangen beißen, denn die Dunkelheit ist deren Hinterhalt. Stille liegt über dem Land, denn der, der sie erschaffen hat, ruht in seinem Horizont.
Wenn das Land heller wird, gehst du am Horizont auf und leuchtest als Aton am Tag. Du vertreibst die Dunkelheit. Wenn du deine Strahlen sendest, wird gefeiert in den beiden Ländern. Die Sterblichen erheben sich und stellen sich auf ihre Füße, denn du hast sie erhoben. Sie reinigen ihre Glieder und legen ihre Kleidung an. Ihre Arme sind erhoben im Lobpreis deines Aufgangs. Das ganze Land verrichtet seine Arbeit. Tiere aller Art ruhen auf ihren Weiden, Bäume und Gras wachsen grün, Vögel flattern in ihren Nestern und ihre ausgestreckten Flügel lobpreisen deinen Geist. Alles Vieh ist auf den Füßen, alle Arten von fliegenden und flatternden Wesen sind mit Leben erfüllt, wenn du für sie aufgehst. Ebenso die Schiffe, die den Fluss hinauf- und hinunterfahren, denn jede Straße öffnet sich bei deinem Aufgang. Die Fische in den Flüssen gleiten, um dich zu begrüßen.
Deine Strahlen dringen in die Tiefe des Meeres. Sie erzeugen Leben in Frauen, bringen in der Menschheit Samen hervor, geben dem Sohn Leben im Mutterleib, beruhigen ihn mit dem, was sein Weinen besänftigt, nähren ihn im Mutterleib, hauchen Atem ein, um allem Leben zu geben, was du erschaffen hast. Kommt er aus dem Mutterleib, öffnest du seinen Mund in der richtigen Weise und sorgst für seine Bedürfnisse.
Das junge Vogelküken im Ei, das zirpt in seiner Schale, du gibst ihm etwas im Inneren, um ihm Leben einzuhauchen. Du gibst ihm seine volle Form, so dass es die Schale von innen nach außen durchbrechen kann. Wenn es aus dem Ei kommt, kann es schon kräftig zirpen und es rennt auf seinen Füßen, wenn es daraus hervorkommt.
Wie vielfältig sind die Dinge, die du geschaffen hast! Sie sind vor den Augen verborgen, o einziger Gott, dem kein anderer ebenbürtig ist. Du hast sie für dein Herz geschaffen, als du allein warst. Menschen, Vieh, alle Arten von Tieren, alles, was auf der Erde geht, und so viele, die in der Luft mit ihren Flügeln fliegen, die Länder von Syrien, Nubien und das Land Ägypten. Du ordnest jedem Menschen seinen Platz zu. Du erfüllst ihre Bedürfnisse, indem du jedem Menschen seine Nahrung gibst und berechnest seine Lebensfrist.
Ihre Zungen sind verschieden in der Sprache, ihre Natur und sogar ihre Hautfarben sind unterschiedlich. Denn auf diese Weise unterscheidest du die fremden Völker.
Du machst den Nil in der Unterwelt und bringst ihn hervor nach deinem Belieben, um der Menschheit Leben zu geben, die du für dich erschaffen hast. Ihr aller Herr, der sich abmüht an ihnen, sowie der Herr jedes Landes. Der für sie aufgeht, der Aton des Tages, der große Ehrfurcht verdient. Selbst die fernen Länder erfüllst du mit Leben. Du hast einen Nil im Himmel erschaffen, der zu ihnen hinabfließt und auf den Bergen Wellen schlägt, wie das große Meer und der ihre Felder in ihren Siedlungen bewässert. Wie ausgezeichnet sind deine Wege, Herr der Ewigkeit!
Du bist ein Nil im Himmel für die fremden Länder und für alle wilden Tiere, die auf Füßen gehen. Ein Nil, der für Ägypten aus der Unterwelt entspringt.
Deine Strahlen nähren jedes Feld: Wenn du aufgehst, leben sie und gedeihen für dich. Du hast die Jahreszeiten erschaffen, damit sich all das entwickeln kann, was du erschaffen hast: den Winter, um sie abzukühlen, und die Sommerhitze, damit sie dich kosten können. Du hast den Himmel weit entfernt gemacht, von dem du scheinst und von dem aus du auf alles blickst, was du erschaffen hast.
Du bist eins. Aber du erstrahlst in deinen wechselnden Gestalten als der lebendige Aton, der aufgeht, glänzt, sich entfernt und wieder näher kommt. Du hast Millionen von Gestalten aus deinem einzelnen Selbst geschaffen – Städte, Dörfer, Felder, Straßen und Flüsse. Alle Augen sehen sich dir gegenüber. Du bist Aton hoch oben über dem Tageslicht.
Wenn du gehst – und alle Männer, deren Gesichter du geschaffen hast, damit du nicht allein dich selbst siehst – auch dann bist du in meinem Herzen. Es gibt keinen, der dich kennt, außer deinem Sohn. Du hast ihn in deinen Wegen und deiner Macht geschult.
Auf dich stützt sich das Land, so wie du es erschaffen hast.
Wenn du aufgehst, leben sie,
wenn du untergehst, sterben sie.
Du selbst bist die Länge der Tage,
von dir kommt das Leben.
Die Augen sind auf deine Schönheiten gerichtet, bis du untergehst,
dann werden alle Arbeiten beiseite gelegt.
Du gehst auf der rechten Seite unter 8
Bei deinem Aufgang bringst du dem König Glück. Und allen, die auf ihren Füßen laufen.
Seit du die Grundlagen der Welt festgelegt hast, hast du dich für deinen Sohn erhoben, der aus deinem Körper hervorging, der König des Südens und des Nordens, Nefer-Kheperu-Ra 5, der in Wahrheit lebt, der Herr der Diademe, Echnaton, groß in seiner Dauer. Und für die große Frau des Königs, die er liebt, die Herrin der beiden Länder, die ewig lebt und erblüht, für immer.
1 Re-Horachti-Aton
Re [oder Ra, der Sonnengott im ursprünglichen Vielgöttersystem der Ägypter],
Horachti [Unterform des Gottes Horus, in der Verehrung als Gott des Lichts],
Re-Horachti [spätere Zusammenführung der beiden Götter zu einem neuen Gott],
Aton,
also etwa "Re und Horachti, die Aton sind"
2 Sedfest, wichtiges Zeremoniellfest für ägyptische Pharaonen, um ihre Herrschaft zu feiern, ihre Eignung unter Beweis zu stellen und auf ihre göttliche Abstammung zu verweisen. Meist nach 30 Jahren an der Macht durchgeführt, seltener früher. Nach seinem 30-jährigen Thronjubiläum feierte Echnatons Vater das Sedfest fortan alle drei Jahre. Echnaton behielt dies bei, und richtete sein erstes Sedfest bereits nach 3 Jahren aus
3 Achet-Aton, heute Amarna. Von Echnaton gegründete neue Hauptstadt Ägyptens, nach seinem Tod verlassen
4 Die Teilung in Nord- und Südägypten bezieht sich auf die unterschiedliche Geographie des Landes am Nil. Im Norden fächert sich der Nil zum fruchtbaren Nildelta auf, bevor er in das Mittelmeer fließt. Der Süden hingegen ist geprägt von felsigen Wüstenland, das nur in einem schmalen Streifen um den Nil herum fruchtbar ist. Historisch lassen sich in beiden geographischen Regionen kleinere Königreiche nachweisen, die erst unter dem dem ersten Pharao Narmer vereinigt wurden. Der Pschent, eine der traditionellen Pharaonenkronen erinnert an diese Zusammenführung der beiden Landesteile und setzt sich aus zwei Kronen zusammen, die rote Krone des Nordens und die weiße Krone des Südens. Ebenso die Symboltiere Geier (Süden) und Kobra (Norden), deren stilisierte Köpfe an der Stirnseite der Krone angebracht wurden
5 Nefer-Kheperu-Ra-Ua-En-Ra, der Königsname Echnatons.
Nefer [schön, vollkommen]
Kheperu [Erscheinungen, Verkörperungen],
Ra [oder Re, der Sonnengott im ursprünglichen Vielgöttersystem der Ägypter],
Ua [sein, ist],
En [der, des],
Ra [oder Re, der Sonnengott im ursprünglichen Vielgöttersystem der Ägypter],
also "Die vollkommene Verkörperung des Ra, ist er, [der des] Ra"
6 Nefer-Neferu-Aton, der Königinnenname von Nofretete
Nefer [schön, vollkommen]
Neferu, Plural von Nefer
Aton
also "schöne Schönheiten Atons"
7 frühere Schreibweise für Pharao Eje II. aus dessen Grab die Atonhymne stammt. Er war Mitglied des Hofes von Echnaton und nach dem frühen Tod von Echnatons Sohn Tutanchamun selbst Pharao
8 Der fruchtbare Nil war der Lebensmittelpunkt der Ägypter. Ihr geographisches Weltbild war der Blick vom Nildelta auf das Landesinnere, daher geht die Sonne rechts unter, also im Westen. Und sie geht links auf, also im Osten