Brief von Leonardo da Vinci an Ludovico Sforza

Leonardos Motivation

Leonardo schrieb diesen Brief 1482 im Alter von 30 Jahren. Er hatte bis dahin sein ganzes Leben um und in Florenz gelebt. Seine Ausbildung bei Meister Andrea del Verrochchio war abgeschlossen und er hatte in Florenz, nun als freier Maler, bereits zwei Gemäldeaufträge begonnen: "Der Heilige Hieronymus" und die "Anbetung der Könige". Doch der hohe Konkurrenzdruck durch andere Maler in Florenz könnte Leonardo veranlasst haben, sich für den Hof des Fürsten von Mailand zu bewerben. Mailand war zu der Zeit eine der fünf größten Städte Europas, und das mächtigste Herzogtum in Italien. Pro Forma gehörte es zwar zum heiligen römischen Reich deutscher Nation, war aber de facto unabhängig.

Sicher war Leonardo bewusst, dass dort von ihm erwartet werden würde, ein Reiterstandbild für den Herzog Ludovico Sforza anzufertigen, für welches bereits der Vater des Fürsten, Francesco Sforza, vergeblich fähige Künstler gesucht hat. Ludovicos Vater Francesco war eigentlich ein Söldnerführer aus dem Landadel, konnte aber durch militärischen Ruhm und eine geschickte Heirat mit der Tochter des damaligen Mailänder Herzogs die Macht im Herzogtum erlangen.

Sein Sohn Ludovico Sforza musste seine Stellung als Herzog von Mailand in stetigen Kriegen behaupten, bis er schließlich von den Franzosen besiegt, vertrieben und später eingekerkert wurde.

Erfolg des Briefes 

Auf diese beiden Aspekte, den stetigen Abwehrkampf des Herzogs einerseits und den Wunsch nach einer monumentalen Reiterstatue andererseits, zielte Leonardo mit diesem Brief ab. Er muss den Zeitgenossen wie die Bewerbung eines Ingenieurs in der Tradition von Archimedes vorgekommen sein, weniger wie die eines Künstlers, so sehr preist Leonardo sein ingenieurtechnisches Können an.

Ob der Brief dem Herzog je überreicht wurde oder nur eine gedankliche Skizze blieb, wird von Kunsthistorikern bis heute diskutiert. Wann genau Leonardo vom Herzog engagiert wurde, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit sagen, denn über Details aus Leonardos Leben gibt es auch hier nur einige wenige und vage Quellen.

Keinesfalls hat dieser Brief jedoch zu einer sofortigen Berufung an den Hof des Herzogs geführt, da Leonardo zwar 1482, dem Jahr des Briefes, nach Mailand zog, aber zunächst als selbstständiger Maler den Auftrag für die Felsgrottenmadonna annahm (1483-1486). Leonardos Tätigkeit am Hofe Ludovicos kann erst ab 1487 nachgewiesen werden, also ca. 5 Jahre nach diesem Brief. Leonardo diente dem Herzog dann bis zu dessen Vertreibung durch die Franzosen im Jahr 1499 für mindestens 12 Jahre.

Der Originaltext des Briefes

Monseigneur,

überzeugt, dass die Vorspiegelungen von allen denen, welche sich Meister in der Kunst des Erfindens von Kriegsgerät nennen, in Wirklichkeit nichts Nützliches oder Neues geleistet wird, was nicht schon gewöhnlich ist, beeile ich mich gegenwärtig, ohne jemanden schaden zu wollen, Eurer Herrlichkeit meine Geheimnisse zu entschleiern und sie, wenn es Ihnen gefällt, zur Ausführung zu bringen; denn ich wage zu hoffen, dass alle Dinge, welche ich in diesem kurzen Brief einreiche, das verlangte Resultat erreichen.

1. Ich weiß zu konstruieren sehr leichte Brücken, welche man leicht von einem zum anderen Ort transportieren kann, und mit Hilfe welcher es oft möglich wird, den Feind zu verfolgen und ihn in die Flucht zu jagen. Dieselben sind sehr sicher und gegen Feuer geschützt, und widerstandsfähig im Wasser. Sie lassen sich leicht aufschlagen und abbrechen. Ich habe auch ein Mittel, die Brücken des Feindes zu zerstören und anzuzünden.

2. Ich habe ein Mittel gefunden, die Wasser bei einer Belagerung abzuleiten, Fallbrücken zu machen und eine Reihe Instrumente für solche Gelegenheit.

3. Wenn die Höhe der Mauern oder die Stärke der Position eines Platzes nicht erlaubt, in einer Belagerung mit den Kanonen zu nahen, habe ich ein Mittel gefunden, jeden Turm oder andere Befestigung, sobald sie nicht auf Felsen gebaut ist, zu ruinieren.

4. Ich verstehe auch eine Art Bombarde zu fabrizieren, sehr leicht und bequem zu transportieren, welche entflammte Stoffe schießt, um Schrecken unter die Feinde zu verbreiten mit Hilfe eines großen Rauches, ihnen Schaden zuzufügen und sie in Unordnung zu bringen.

5. Ferner eine Methode, ohne Lärm die unterirdischen Gänge zu graben, um in einen Graben oder ein Flussufer zu gelangen.

6. Kräftige Wagen, offen, defensiv und offensiv, mit Artillerie versehen, dringen in die Mitte der Feinde ein; keine Waffenmasse gibt es, sie zu brechen, und dicht dahinter kann Fußvolk folgen ohne Schaden und Hinderniss.

7. Ich kann auch Bombarden gießen, wenn es nötig ist, Mörser und Feldgeschütze in schöner und nützlicher Form und für den gewöhnlichen Gebrauch.

8. Dort, wo die Bombarden nicht angewendet werden können, fertige ich andere Geschütze von wunderbarem Effekt und starkem Gebrauch. Je nach Erfordernis werde ich die Offensivwaffe bis ins Unendliche variieren.

9. Wenn das Geschick einer Seeschlacht droht, so habe ich eine Reihe Waffen und Instrumente für Angriff und Verteidigung in Bereitschaft; ebenso Schiffe, welche dem Feuer der größten Artillerie widerstehen und Pulver und Feuerarten.

10. In Friedenszeiten wird es nützlich sein, zu allgemeinem Nutzen Architektur zu pflegen, Gebäude für Private und die Öffentlichkeit, und die Wasser von Ort zu Ort zu führen. Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch an einer Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden soll.Wenn einige dieser Sachen, von denen ich geredet habe, unmöglich und unausführbar erscheinen sollten, so biete ich mich an, sie auszuführen in Eurem Park oder an einem Ort, wo eure Exzelenz will, - womit ich ergebenst mich so viel als möglich empfehle.

 

– Leonardo da Vinci