Weitere Bezeichnungen
Felsengrottenmadonna / Madonna in der Grotte / Die Madonna der Felsen / Madonna mit dem Kind und dem Johannesknaben / La Vierge aux Rochers (frz.) / Virgin of the Rocks (engl.)
Leonardo hat das Werk – wie alle seine Gemälde – nie selbst benannt. Die neuere Bezeichnung „Felsgrottenmadonna“ (ab dem 19. Jahrhundert) leitet sich vom auffälligen Hintergrund des Gemäldes ab
Künstler
Leonardo da Vinci (1452–1519)
Datierung
1483–1486
Technik
Öl auf Holz (1806 vom Holz gelöst und auf Leinwand übertragen)
Maße
ca. 122 × 199 cm
Bildgattung
Altarbild – Madonnenbild – Sacra Conversazione (Heilige Konversation)
Kurzbeschreibung
Die Madonna kniet in einer Felsengrotte, flankiert links von Johannes dem Täufer, rechts das Jesuskind, daneben kniet ein Engel
Epoche
Renaissance
Provenienz
Musée du Louvre, Paris (Inventarnummer: 777)
Besitzer
Frankreich
Marktwert
Unverkäuflich
Versicherungswert
2011 Teil der Leonardo-Ausstellung in der National Gallery London. Die gesamte Leihgabe war mit rund 3 Mrd. £ staatlich versichert. Für das Gemälde selbst wird daher ein Versicherungswert von mehreren hundert Millionen Euro angenommen, der Verkaufswert dürfte weit höher liegen.
Besonderheiten
Betonung der Naturdarstellung (Felsen, Vegetation)
Uneindeutigkeit der Figuren
Verdeckte Konstruktionslinien, die für die Komposition zentral sind
Versteckte Motive
Keine Signatur
Es existiert eine zweite Version in der National Gallery London
Felsgrottenmadonna
von Leonardo da Vinci
Gedrängt von meinem sehnsüchtigen Wunsch und Verlangen, die große Fülle der mannigfaltigen und seltsamen Formen zu sehen, welche die kunstreiche Natur hervorbringt, gelangte ich, nachdem ich schon eine Weile zwischen den dunklen Felsen umhergerirrt war, zum Eingang einer großen Höhle. Ich blieb eine Zeit lang davor stehen, gebührlich staunend und ohne Kunde über sie, dann beugte ich meinen Rücken, mit der linken Hand auf das Knie stützend und mit der rechten beschattete ich meine gesenkten und gerunzelten Augenbrauen. Ich beugte mich mal hierhin, mal dorthin, um auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei. Aber das blieb mir wegen der großen Dunkelheit versagt, die dort drinnen herrschte. Nachdem ich eine Weile so verblieben war, kamen zwei Gefühle in mir auf: Furcht und Verlangen: Furcht vor der bedrohlich dunklen Höhle und das Verlangen zu erforschen, ob nicht etwas Wunderbares darin verborgen wäre.
Bildbeschreibung
Eine dunkle Grotte. Sie ist nach oben hin geöffnet. Von oben links fällt Licht herein. Im Hintergrund Felsenformationen, die durch eine große Öffnung in der Ferne den Blick freigeben über einen kleinen Fluß auf ein Meer. In der felsigen Grotte sind zahlreiche Pflanzen zu erkennen.
Im Zentrum des Gemäldes ist eine kniende Frau auf den Betrachter ausgerichtet. Sie ist von anmutiger Schönheit. Ihr dunkelblondes Haar fällt in sanften Locken über ihre Schultern. Sie trägt einen überlangen dunkelblauen Mantel, der auf der Innenseite mit einem orange leuchtenden Stoff gesäumt wurde. Auf Brusthöhe wird er von einer Brosche zusammengehalten, die mit einem großen, glasklaren Edelstein geschmückt ist. In ihm spiegelt sich ein Fenster außerhalb des Bildraums.
Um die Frau herum sind drei weitere Figuren angeordnet. Sie blickt auf einen halbnackten, goldlockigen Knaben zu ihrer Rechten und greift ihn an der rechten Schulter. Er kniet nach rechts gerichtet mit einem Bein auf einem kleinen Felsen über dem Boden. Ein beinah transparent gemaltes, eng anliegendes dünnes Leder bedeckt Teile seines Oberkörpers. Seine beiden Hände sind unterhalb seines Gesichtes ineinander gefaltet. Er schaut ausdruckslos auf einen nackten goldlockigen Knaben unterhalb, zur linken der Frau im Mantel. Dieser sitzt im Schneidersitz auf ihn ausgerichtet und stützt sich mit der Linken auf den Boden, während er seine Rechte in segnender Geste in Richtung des anderen Knaben erhebt. Die Frau im Mantel hält ihre flach nach vorn ausgestreckte linke Hand schützend über seinen Kopf.
Hinter ihm stützt eine weibliche Figur ihn an der Hüfte. Ihr linkes Knie ist hinter ihm auf dem Boden aufgesetzt, ihr rechter Fuß ist weit nach vorn gerichtet. Sie trägt ein grünes Gewand, das über der linken Schulter kunstvoll gefaltet wurde und einen roten Mantel, der über ihren Rücken fällt. An ihm sind Engelsflügel zu erkennen. Mit ihrer Rechten zeigt sie bedeutungsvoll auf den Knaben auf dem Felsen. Sie schaut auf Betrachtende und lächelt.
Vor der Szene tut sich ein Abgrund auf, der das Publikum von den Figuren trennt.
Auftraggeber
Leonardo hatte seine Heimatstadt Florenz im Jahr 1482 im Alter von 30 Jahren verlassen. Kurze Zeit später, am 25. April 1483 unterzeichnete er den Vertrag für seinen ersten großen Auftrag in seiner neuen Heimat Mailand.
Das Gemälde wurde als Teil eines Altars für die Kapelle der Unbefleckten Empfängnis konzipiert. Sie befand sich innerhalb der damals größten Franziskanerkirche Mailands, San Francesco Grande, die kurz zuvor umgebaut worden war. Die Kapelle wurde vom Laienorden der "Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis" unterhalten – einer Vereinigung wohlhabender Mailänder Bürger. Leonardo sollte die zentrale Haupttafel des neuen Altars anfertigen. Zu dem Auftrag gehörten auch zwei Seitentafeln mit musizierenden Engeln, die Leonardo an zwei ortsansässige Maler delegierte, die Brüder Ambrogio und Evangelista de Predis. Der gesamte Altar umfasste noch 18 weitere, sehr viel kleinere Tafeln, die um Leonardos Beitrag herum angebracht wurden, aber von anderen Malern stammten. Die größten von ihnen maßen etwa ein Drittel der Höhe der musizierenden Engel der Predis-Brüder. Leonardos Gemälde war also das zentrale Hauptwerk. Außerdem sollten Schnitzereien und Vergoldungsarbeiten am Altar durchgeführt werden. Der Auftrag war mit 200 Dukaten durchschnittlich hoch vergütet, die über die Dauer von 20 Monaten in monatlichen Raten bezahlt werden sollten. Eine Klausel erlaubte eine spätere Nachzahlung, sollten die Kosten höher ausfallen. Der Auftrag hatte einen hohen Prestigewert.
Nach Vollendung des Werkes um 1486 kam es zu Streitigkeiten über die Bezahlung: Die vereinbarten 200 Dukaten (700g Gold, ca. 70.000,- €/ Stand 2025) erschienen Leonardo zu gering, da sie seine Unkosten kaum deckten. In einem Bittschreiben an den Mailänder Herzog Ludovico Sforza führte er aus, dass die Bruderschaft “wie Blinde von der Farbe rede” und er selbst einen Wert von 300 Dukaten (ca. 100.000,- Euro) für angemessen halte – davon allein 100 Dukaten für das Madonnenbild. Er schlug vor, den Wert von unabhängigen Gutachtern schätzen zu lassen und bat darum, dass ihm das Bild überlassen werde, falls die Bruderschaft sich weigere, mehr zu zahlen.
Es folgte ein langwieriger Rechtsstreit, der sich über 25 Jahre hinzog. Am Ende erhielt die Bruderschaft eine zweite, leicht veränderte Fassung des Gemäldes. Heute gilt die qualitativ bessere Fassung im Louvre in Paris als die ursprünglich von Leonardo gemalte Version. Die zweite, in der National Gallery in London befindliche Fassung entstand unter Mitwirkung seiner Werkstatt.
Die Seitentafeln wurden beim späteren Entfernen aus dem Altar im oberen Bereich beschnitten. Ursprünglich war der nach oben abschließende Bogen vollständig. Das auffällige Grün des Engels greift im Zusammenspiel mit der Farbwahl des rechten, roten Engels das Farbmotiv des Engels der Louvre-Version auf, der ebenfalls in einem rot-grünen Gewand dargestellt ist
Sie unterscheidet sich von der Louvre-Version in mehreren Details – etwa bei den Gesten der Figuren und im Hintergrund – und zeigt weniger von Leonardos typischen weichen Schattierungen (sfumato). Der Engel trägt hier keine rot-grünen Gewänder mehr, wodurch die finale Altarkomposition weniger harmonisch wirkte
Evangelista de Predis hat das Auftragsende nicht mehr erlebt. Er starb bereits 1491. Eventuell kommt auch sein Bruder Giovanni Ambrogio als Autor dieses Engels in Frage
Figuren und Bildszene
Die Darstellung selbst hat keine direkten biblischen Bezüge, sondern bezieht sich auf das Protoevangelium des Jakobus, einer außerbiblischen Legende, nach der sich Jesus Christus und der mit ihm verwandte Johannes der Täufer im Kindesalter in einer Höhle begegnet sein könnten.
Die dargestellten Personen
Die vier Figuren sind biblische Gestalten, die der Vorstellungswelt der Auftraggeber entsprachen. Die Darstellung einer Maria und des Jesus wurden vertraglich vorgegeben, außerdem mehrere Engel und zwei Propheten. Leonardo aber wich in der Ausführung von den Vorgaben ab und bestimmte die Figuren nach seinen eigenen Vorstellungen.
Maria, Mutter Jesus
Im Zentrum kniet Maria. Sie ist die Mutter von Jesus und empfing Jesus durch das Wunder der unbefleckten Empfängnis.
Die Marienverehrung spielte für die Auftraggeber eine besonders wichtige Rolle.
Jesus
Der rechte Knabe ist Jesus, Sohn Gottes und Retter der Menschheit. Er vollführte zahlreiche Wunder und wurde am Kreuz hingerichtet, weil er das Volk verführt haben soll. Nachdem er starb, kam es zum Wunder seiner Auferstehung.
Die Darstellung des Jesuskindes war vom Orden ausdrücklich gefordert, da das Bild als Altarbild einer christlichen Kapelle diente.
Johannes der Täufer
Der linke Knabe ist Johannes der Täufer. Seine Mutter, die ältere Elisabet und die junge Maria waren Verwandte (lk 1,36). Sie wurden auf wundersame Weise kurz nacheinander schwanger. Johannes war sechs Monate älter als Jesus. Sein Geburtstag (24. Juni) wird genau ein halbes Jahr vor Weihnachten gefeiert.
Johannes kündigte als Prophet das baldige Kommen Gottes an und taufte Jesus und andere Menschen. Er wurde später als Aufrührer verhaftet und enthauptet.
Johannes der Täufer war nicht nur Schutzheiliger von Florenz, Leonardos Heimatstadt, sondern auch Patron des Ordens der Unbefleckten Empfängnis, der das Bild in Auftrag gab.
Ein Engel
Der rechts dargestellte Engel lässt sich nicht eindeutig identifizieren. Im Zusammenhang mit Johannes dem Täufer wird häufig Uriel genannt, der vierte Erzengel und Engel des Lichts. Möglich ist aber auch eine Deutung als Erzengel Gabriel, dem Engel der Verkündigung, der sowohl Elisabet als auch Maria deren wundersame Schwangerschaft ankündigte und als ihr Beschützer galt.
Um welche Szene handelt es sich?
Das Protoevangelium des Jakobus war für den auftraggebenden Orden – glühende Marienverehrer – von hoher Bedeutung, weil es mehr Einzelheiten aus dem Leben Marias erzählt als die Bibel. Leonardo war bei der Themenwahl relativ frei und entschied sich für eine Episode, die ihm erlaubte, eine größtmögliche Vielfalt an Naturelementen darzustellen. Er wählte eine Episode aus dem Protoevangelium kurz nach der Geburt Jesu. Zu der Zeit kursierten Prophezeiungen über einen neuen “König der Juden” (Mt 2). König Herodes fühlte sich bedroht und ließ in seinem Reich alle männlichen Kinder bis zwei Jahre töten ("Kindermord von Bethlehem").
Im Neuen Testament wird berichtet, dass Maria daraufhin mit Jesus und ihrem Mann Josef nach Ägypten floh. Die “Flucht nach Ägypten” und insbesondere die „Rast auf der Flucht nach Ägypten“ sind seit jeher beliebte Motive der Malerei.
Von einer Flucht von Johannes und seiner Mutter Elisabet wird im Neuen Testament hingegen nicht berichtet.
Flucht von Elisabet und Johannes
Das Protoevangelium des Jakobus ergänzt diese Überlieferung: Es berichtet, dass Elisabet mit dem Knaben Johannes vor den Kindermorden ins Gebirge floh. Jedoch fanden sie dort zunächst keinen Unterschlupf. Dann heißt es weiter:
Und sogleich spaltete sich der Berg und nahm sie auf. Und jener Berg war ihnen von göttlichem Licht erfüllt, denn ein Engel des Herrn war mit ihnen und beschützte sie.
Das Protoevangelium erwähnt diese Höhle jedoch nur im Zusammenhang mit Elisabet und Johannes, nicht mit Maria und Jesus. Eine Begegnung der vier Personen auf der Flucht ist aufgrund ihrer Verwandtschaft zwar denkbar, wird dort aber nicht erzählt. Die Begegnung der beiden Familien in einer Höhle ist somit eine Bilderfindung Leonardos – und die einzige Darstellung dieser Art.
Geburt des Jesuskindes
Das Protoevangelium des Jakobus erwähnt eine Höhle außerdem in einem anderen Zusammenhang. Abweichend von der biblischen Version wird Jesus nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle geboren. Eine zufällig vorbeikommende Salome kann nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat, prüft dies ungläubig und erkennt schließlich das Wunder. Ein Engel erscheint und erklärt, dass das neugeborene Kind der Retter der Welt sei.
Wenig später erscheinen bei derselben Höhle die Heiligen Könige und bringen dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe, da ihnen ein Stern über der Höhle den Weg gewiesen hat.
Eine Höhle hat demnach im Protoevangelium des Jakobus sowohl für Jesus (Ort der Geburt) als auch für Johannes (Zufluchtsort) eine zentrale Bedeutung.
Die Madonna ist von einem dunklen Wald und Felsen umgeben. Fra Filippo Lippi war einer der Lehrer von Leonardos Mitschüler Botticelli. Besonders an dieser Darstellung ist, dass der neugeborene Jesus nicht wie üblich in einer Krippe oder in einem Stall gezeigt wird, sondern inmitten eines Waldes
Mantegnas Werk zeigt die Madonna – abweichend von vielen Darstellungen dieser Zeit – nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle. Mantegna war stark von der florentinischen Kunst beeinflusst
Wandlungsfähigkeit der Figuren
Das Gemälde Leonardos ist vor allem dadurch bekannt, dass die Zuordnung der Personen nicht eindeutig ist. Grundsätzlich sind links Johannes und rechts das segnende Christuskind dargestellt. Doch der Jesusknabe kann ebenso als Johannes wahrgenommen werden – und umgekehrt. Diese Uneindeutigkeit betrifft auch die beiden weiblichen Figuren. Sie entsteht durch die Anordnung der Gruppe, ihre Gesten, die fehlenden oder uneindeutigen Attribute, ihr Erscheinungsbild und Anspielungen auf Details der christlichen Überlieferung.
Die Knabenfiguren
Leonardo verzichtete bewusst auf die üblichen Heiligenattribute und erzeugt absichtlich Mehrdeutigkeit. So trägt Johannes hier weder ein Fell aus Kamelhaar noch hält er den langen Johannesstab. Auch die Heiligenscheine, die sonst Maria, Jesus und Johannes kennzeichnen, fehlen. Damit widerspricht Leonardo der damals üblichen Symbolik christlicher Malerei.
Außerdem kommt es zu auffälligen Umkehrungen:
- Johannes wird erhöht über Jesus dargestellt
- Johannes wird teilweise vom schützenden Mantel der Maria bedeckt, während das Christuskind gefährlich nah am Abgrund sitzt
- Johannes ist Maria so nahe, dass sie ihn berühren kann, das Christuskind ist weiter von ihr entfernt
- Der rechte Engel zeigt nicht bedeutungsvoll auf Jesus, sondern auf Johannes
- Johannes wird von Maria und Jesus direkt angeschaut. Er ist die einzige Figur, auf die zwei Personen blicken
Durch diese Konstellationen wirkt der linke Knabe wie die Hauptfigur der Szene, wie sonst für Jesus üblich.
Die Uneindeutigkeit der beiden Knaben wird zusätzlich betont, denn ihre Gesichter zeigen eine sehr ähnliche, beinahe ausdruckslose Mimik. Beide blicken ohne Entzücken und nehmen damit ihr späteres Schicksal vorweg: Johannes wird enthauptet, Jesus ans Kreuz geschlagen.
In zeitgenössischen Darstellungen werden die Hände Jesu, der von Johannes dem Täufer getauft wird, üblicherweise so gezeigt wie bei Leonardos Johannesknaben. Umgekehrt entspricht die Gestik des Jesusknaben hier der eines segnenden Johannes. Die Szene kann nun auch so verstanden werden: Das linke, etwas höher platzierte Kind – wie für Jesusdarstellungen üblich – nimmt, nun als Jesus, in betender Haltung die Taufe des rechten Johannes entgegen. Zugleich ist die Handhaltung des rechten Kindes wiederum typisch für Jesusdarstellungen („Segnender Jesus“). Leonardo spielt also bewusst mit der religiös-tradierten Bedeutung von Gesten.
Er löst das Wechselspiel auf, indem er das linke Kind an den Bildrand setzt und es damit etwas aus dem Zentrum rückt, während das rechte Kind näher an der Bildmitte sitzt und zudem etwas heller erscheint. Auch der kniende Körper der Madonna ist auf das rechte Kind gerichtet. Diese Details helfen Betrachtenden, den rechten Knaben schließlich wieder als Jesus zu identifizieren.
Leonardos Darstellung weicht von der Ikonographie ab. Er zeigt einen transparenten und daher kaum erkennbaren Umhang des jungen Täufers
Hier trägt der knieende Johannesknabe den typischen Schurz und den langen Johannesstab
1615,
Rubens verzichtete auf den Stab, dafür ist der Umhang als Kamelfell erkennbar, das der Überlieferung nach Johannes der Täufer trug
Die betende Handhaltung Christi ist beispielhaft für Darstellungen der Taufe Christi durch Johannes den Täufer (rechts)
Die Handhaltung des Christus ist beispielhaft für diese Form der Darstellung. Leonardo verwendet sie für den Jesusknaben
Die Frauenfiguren
Nicht nur die Knaben wirken wandlungsfähig, auch die Identität der beiden Frauen ist nicht eindeutig bestimmbar. Leonardo demonstriert an den Frauenfiguren, wie er sich eine moderne Bilderzählung vorstellt: Er legt überlieferte Episoden aus dem Leben der Dargestellten übereinander und vereint sie zu einem Bild, das alle Geschichten gleichzeitig erzählt. Diese Art der Bildkonzeption war damals neuartig.
Der Engel wird zu Elisabet
Das Protoevangelium berichtet, dass Elisabet mit Johannes vor Herodes’ Häschern in eine Höhle floh. Leonardos Bild setzt voraus, dass Maria und Jesus, die sich ebenfalls auf der Flucht nach Ägypten befinden, dort mit ihnen zusammentreffen.
Es liegt nahe, dass Johannes’ Mutter Elisabet anwesend sein muss – sie wird ihr Kleinkind kaum aus den Armen gegeben haben. Demnach könnten die beiden weiblichen Figuren Maria und Elisabet sein.
Die Flügel des rechten Engels sind vor dem Felsen kaum zu erkennen. Die Farbtöne und der Schatten sind so gewählt, dass sie leicht übersehen werden können. Leonardo hat den Engel also bewusst menschlicher wirken lassen. Im Zusammenhang mit der Erzählung des Protoevangeliums kann diese Figur dann nur Elisabet sein.
Sowohl Elisabet, als auch Maria sind mit dem Erzengel Gabriel verbunden: Er erschien zuerst Elisabets Mann und verkündete ihm Elisabets wundersame Schwangerschaft. Sechs Monate später erschien er Maria und verkündete ihr die Geburt des Messias. In Darstellungen der Madonna mit dem Jesusknaben wird ihr daher oft der Erzengel Gabriel zur Seite gestellt – traditionell in männlicher Gestalt. Umso auffälliger ist nun die weibliche Erscheinung des Engels. Leonardo bricht also auch hier mit der Konvention und gibt der Figur eine weibliche Erscheinung – passend zu ihrer Deutung als Elisabet.
Maria wird zu Elisabet
Dass Leonardo bewusst Uneindeutigkeit erzeugte, zeigt auch die Farbwahl des Mantels von Maria. Der Orden hatte festgelegt, dass die Madonna mit einem blauen Umhang gemalt werden müsse – Blau war die ikonographische Farbe für Mariengewänder. Leonardo wich auch hier von den Vorgaben ab: Der Umhang der Frau im Zentrum ist überwiegend in Grüntönen gemalt, wie eine Untersuchung der Farbwerte zeigt, und nur in den dunklen Bereichen tatsächlich dunkelblau. Dass der Mantel dennoch blau wirkt, liegt an dem Komplementärkontrast, den Leonardo durch die vielen Orangetöne in der Umgebung (Haut und Innenfutter des Mantels) erzeugt. Erst in der Londoner Version ist der Mantel dann wirklich blau. Leonardo wollte also auch hier keine eindeutig erkennbare Maria zeigen.
Wollte Leonardo die beiden Frauen tatsächlich als Elisabet und Maria darstellen, musste er die biblischen Angaben zum Alter der beiden beachten: Elisabet war eine Frau im “vorgerückten Alter” (Lk 1,18). Sie war sogar so alt, dass ihr Mann nicht glaubte, dass sie je wieder schwanger werden könnte.
Maria hingegen war sehr viel jünger. Laut den Angaben im Protoevangelium wurde sie mit 16 Jahren schwanger. Elisabet muss demnach sichtbar älter gewesen sein als Maria. Im Gemälde wirken die beiden Frauen nicht gleich alt, die rechte Figur erscheint jünger. Es müsste sich demnach um Maria handeln, die dann – wie zu vermuten – nah bei ihrem Kind, dem Jesus, abgebildet wäre. Elisabet wäre dann die zentrale Frauenfigur mit ihrem Kind, dem Johannes, unter dem Arm.
So entstünde auch eine Art Chronologie: Das Bild ließe sich von oben nach unten wie ein Stammbaum lesen – die ältere Elisabet gebar Johannes, kurz darauf gebar Maria Jesus.
Der Engel wird zu Salome
Die Mehrdeutigkeit der Figuren des Altarbildes treibt Leonardo auf die Spitze, als er dem Engel einen zeigenden Finger aufmalt. Radiologische Untersuchungen des Gemäldes haben ergeben, dass dieser sich auf der Unterzeichnung nicht finden lässt, in der späteren Londoner Version fehlt er ebenfalls.
Die Franziskaner vom “Orden der unbefleckten Empfängnis” waren die Auftraggeber des Gemäldes. Sie diskutierten damals die Lehre von der „unbefleckten Empfängnis“ Marias. Hauptquelle dafür war das Protoevangelium des Jakobus. Jakobus erzählt, dass nachdem Maria Jesus in der Höhle geboren hatte, ihre Amme eine Salome traf und ihr davon erzählte, dass eine Jungfrau ein Kind geboren hat. Salome zweifelte stark an der Geschichte und bestand darauf, die Jungfräulichkeit der Maria selbst zu prüfen:
So wahr der Herr, mein Gott, lebt: Wenn ich nicht meinen Finger hinlege und ihren Zustand untersuche, werde ich nicht glauben, daß eine Jungfrau geboren hat. Und die Hebamme ging hinein und sagte: 'Maria, lege dich bereit. Denn ein nicht geringer Streit erhebt sich um dich.' Und Maria hörte es und legte sich bereit. Und Salome legte ihren Finger hin zur Untersuchung ihres Zustandes.
Nach der Prüfung bereute Salome ihre Zweifel und ein Engel erschien ihr, der sie aufforderte, das Kind in den Arm zu nehmen. Sie nahm es auf und sprach: “Huldigen will ich ihm, denn Israel ist ein König geboren worden.”
Im Kontext der Höhle, der Anwesenheit Marias und dem Fingerzeig konnte der Engel in Leonardos Gemälde den Franziskanern nun wie die ungläubige Salome erscheinen, die die Jungfräulichkeit Marias prüft. Ihr Finger zeigt nicht mehr auf den Johannesknaben, sondern auf den Schoß der Maria. Ihr Lächeln drückt sowohl Zweifel als auch Freude über das bestandene Wunder aus. So verweist Leonardo auf das Thema, das seine Auftraggeber besonders beschäftigte: die unbefleckte Empfängnis Marias.
Der Engel wird zu Gabriel
Lukas, der Verfasser des nach ihm benannten Evangeliums, schildert das Leben Jesu im Neuen Testament. Einer antiken Legende zufolge malte er zu Lebzeiten Mariens ein Porträt von ihr und dem Jesusknaben – das sogenannte Lukasbild –, weshalb er bis heute als Schutzpatron der Maler gilt. Zahlreiche europäische Malergilden trugen seinen Namen (z. B. „Compagnia di San Luca“ in Italien, „Sint-Lucasgilde“ in den Niederlanden oder „Lukasgilde“ in Deutschland). Leonardo selbst war Mitglied der „Compagnia di San Luca“ von Florenz.
Die „Verkündigung“ ist eine Erzählung des Lukasevangeliums (Lk 1,11 ff.) und wird nur dort thematisiert. Zunächst kündigt der Erzengel Gabriel dem alten, kinderlosen Ehepaar Zacharias und Elisabet die Geburt ihres Sohnes Johannes an. Sechs Monate später erscheint Gabriel dann der Maria und verkündet ihr die Geburt des Messias. In der Malerei wurde diese „Verkündigung Mariens“ zu einem eigenen Bildtypus, der Maria meist lesend in heiligen Schriften zeigt, während der Erzengel ihr in einem überdachten Innenraum seine Botschaft bringt.
Vor dem Hintergrund der Mehrdeutigkeiten in Leonardos Felsgrottenmadonna lässt sich der rechte Engel als Verkündigungsengel lesen. Er hat Maria, die zugleich als Elisabet erscheint, soeben ihre Schwangerschaft verkündet. Als Elisabet erlebt sie in einer Verkündigungsvision ihren künftigen Sohn Johannes, den sie mit der Rechten zum segnenden Jesusknaben weist. Als Maria erlebt sie während der Verkündigung ihren künftigen Sohn Jesus, den sie mit der Rechten zur Taufe durch Johannes führt. Der Engel zeigt auf den schwangeren Bauch der Elisabet/Maria und ist zugleich von der frohen Botschaft erfüllt (altgr. ángelos = „Bote“, euangélion [lat. evangelium] = „frohe Botschaft“).
Diese Deutung wird durch ein bemerkenswertes Detail gestützt: Eine zentral positionierte Brosche, die den dunkelblauen Mantel der Madonna zusammenhält. Bei genauerem Hinsehen spiegelt sich in dem glasklaren Edelstein das Fenster eines Zimmers, das außerhalb des Bildraums liegt. Es ist ein mystisches Fenster, da das Bild selbst keine Erklärung dafür gibt. Es deutet an, dass es sich hier um eine Vision handelt. Entweder ist die felsige Höhle die Wirklichkeit und das gespiegelte Zimmer eine Vision – oder umgekehrt: Die Madonna und die Spiegelung der Brosche zeigen die Wirklichkeit, während die Höhle (und die Figuren um sie herum) eine Vision ist.
Der Edelstein zeigt eine auffällige Reflexion. Das klare geometrische Muster und die streng senkrechten und waagerechten Linien können nicht vom Cabochonschliff des Edelsteins stammen (ovale Form, flache Unterseite und eine gleichmäßig nach außen gewölbte, sogenannte mugelige Oberseite). Die Reflexion auf dem Edelstein lässt sofort an ein Fenster denken, das sich aus Sicht der Madonna rechts befinden muss. Die Position des angenommenen Fensters deckt sich mit dem Winkel des Lichts, das im Gemälde von links einfällt. Die Spiegelung eines Fensters auf der Brosche ist überraschend, da die Gemäldeszene eine Höhle in der freien Natur zeigt und keine Hinweise auf ein Zimmer oder dergleichen gibt
Massys war ein Zeitgenosse Leonardos. Ein Detail dieses berühmten Gemäldes zeigt eine Reflexion, die der Brosche in Leonardos Madonna ähnelt. Maler dieser Zeit begannen mit konvexen Formen zu experimentieren
Die Brosche und das Atelier des Künstlers
Wie so oft bei Leonardo gibt es nicht nur die eine Erklärung für Besonderheiten in seinen Werken. Dass der von Zeitgenossen als besonders humorvoll beschriebene Leonardo ein reflektierendes Fenster malt, dass nur bei genauerem Hinsehen als winziges Detail auf dem zwei Meter hohen Gemälde zu erkennen ist, kann als einer der für Leonardos Gemälde typischen Scherze gelten. Er verweist damit auf den Umstand, dass es sich um ein so täuschend echt wirkendes Gemälde handelt, dass Betrachtende durch den Verweis auf das fensterbelichtete Atelier des Künstlers darauf hingewiesen werden müssen, dass sie nicht Teil der Bildwelt des Gemäldes sind, sondern von außerhalb, in einem Zimmer mit einem Fenster, auf eine bemalte Holztafel schauen. Es ist daher bemerkenswert, dass der Engel in Richtung des durch das Fenster einfallenden Lichts zeigt und gleichzeitig auf Betrachtende außerhalb des Bildraums blickt.
Zugleich bezieht sich die Fensterdarstellung auf eine Passage in Leonardos berühmten "Buch von der Malerei". Dort erklärt Leonardo Regeln zur Anlage eines Künstlerateliers. An einer Stelle heißt es, dass der Arbeitsplatz im Atelier des Malers stets von links oben her beleuchtet sein solle. Von links damit der Schatten der arbeitenden Hand nicht das Werk überlagert, von oben, weil das die natürliche Richtung des Lichts wäre. Die Spiegelung in der Brosche der Felsgrottenmadonna gibt Betrachtenden damit einen Einblick in das Atelier des Künstlers: das Fenster befindet sich links hinter ihm, vor ihm sein Werk. Spätere niederländische Malergenerationen (vor allem Jan Vermeer) spielen darauf in ihren Gemälden an, wo das Licht meist durch ein Fenster auf der linken Seite in die Zimmer fällt. Es ist unklar, ob Vermeer Leonardos Schriften kannte oder intuitiv Regeln befolgte.
Für Leonardo selbst galt diese Regel nicht, er war Linkshänder. Damit der Schatten seiner Hand ihn beim Malen nicht störte, musste sich das Fenster zu seiner Rechten befinden, nicht zu seiner Linken.
Das Licht fällt durch das Fenster links
Fazit zur Wandlungsfähigkeit der Figuren
Leonardo erzählt in der Felsgrottenmadonna also mindestens drei Geschichten:
- die Verkündigung der Geburt von Johannes und Jesus durch den Erzengel Gabriel (Lukasevangelium)
- die jungfräuliche Geburt in der Höhle und den Test Salomes (Protoevangelium des Jakobus)
- die Flucht Elisabets und Johannes des Täufers in eine Höhle, wo sie auf Maria und Jesus treffen (Protoevangelium des Jakobus)
Diese Art vom Verschmelzen verschiedener Erzählungen in einem Bild ist typisch für Leonardos Gemälde. Er wurde damit meisterhaft den Ansprüchen gerecht, die seine Auftraggeber an ihn stellten. Ihm gelang es, die Erzählung von Johannes dem Täufer und Maria – beide von den Auftraggebern besonders verehrt – vor die Erzählung von Jesus zu stellen, ohne diesen bedeutungslos werden zu lassen, und zugleich auf die Frage der „unbefleckten Empfängnis“ hinzuweisen, die die Franziskaner damals diskutierten und nach der ihr Orden benannt war.
Das erste eigenständige und vollendete Gemälde Leonardos zeigt schließlich seine Haltung zu der Frage, wie Bilderzählungen auf moderne Art komponiert sein müssen. Das Revolutionäre an seinem Werk wird deutlich, wenn es mit den Besten seiner Zeit verglichen wird.
Das Werk entstand etwa zeitgleich im Auftrag des Papstes und befindet sich direkt neben Michelangelos berühmten Gemälden in der sixtinischen Kapelle in Rom. Botticelli war ein ehemaliger Mitschüler Leonardos in Verrocchios Werkstatt (Florenz). Das Gemälde vereinigt mehrere Szenen aus Moses Leben (Moses wird im grün/gelben Umhang dargestellt). Derartige Anordnungen waren in der Renaissance weit verbreitet. Leonardo brach bewusst mit dieser Tradition, denn es war sein Anspruch möglichst viele Geschichten in einer Darstellung zu vereinen
Symbolik
Leonardo hat das Gemälde sehr sorgfältig komponiert. Nichts wirkt zufällig, besonders die Details scheinen bewusst gewählt.
Das Licht
Das Licht ist das selbstverständlich wiederkehrende Motiv Leonardos und dient als Symbol für das Licht Gottes, das sogar tiefste Finsternis erhellen kann. Es wird sowohl mit Johannes, der zwar nicht selbst das Licht war, aber Zeugnis ablegen sollte für das Licht (joh 1, 5-8), als auch mit Jesus, dem "Licht der Welt" (joh 8,12), assoziert. Ihre nackten hellen Körper weisen auf diesen Umstand hin.
Das Meer
Bei dem Meer im linken Bildhintergrund soll es sich ebenfalls um einen Verweis auf Maria handeln. Leonardo hatte eine Vorliebe für Wortspiele, so umgab er im Porträt der Ginevra de' Benci die Dargestellte mit einem riesigen Wacholder (ital. 'Ginepro'), oder er malte die Cecilia Gallerani mit einem Wiesel (altgr. 'galéē') als die Dame mit dem Hermelin. So auch hier, denn links hinter der Maria erhebt sich das unendliche Meer (ital. 'Mare'). Leonardo hätte kein Wasser außerhalb der Höhle zeigen müssen, um die apokryphe Geschichte des Jakobus zu erzählen.
Der Fels
Der umgebende Fels ist ein Symbol für den Glauben an Gott. Er dient als Zufluchtsort vor den Gefahren der Welt und trennt das Gute der Welt vom Bösen um ihn herum. Leonardo schließt den Fels nicht nach oben hin, sondern öffnet ihn, damit, wie es im apokryphen Text heißt, "Licht durchscheinen [kann], denn ein Engel des Herrn war mit ihnen und beschützte sie".
Die Höhle
Die Höhle als Zufluchtsort ist dem Protoevangelium des Jakobus entnommen, von dem sich Leonardo inspirieren ließ. In diesem Text spaltet sich der Berg und bietet Elisabet und ihrem Sohn Johannes Schutz vor den Kindsmördern des Herodes.
Bei Jakobus heißt es außerdem, Jesus sei nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle zur Welt gekommen. Damit ist die Höhle ein Symbol der Geburt Christi, also der Menschwerdung Gottes (Jesus wird als Gottes Sohn bezeichnet).
Das finale Wunder des Jesus ist seine Auferstehung. Nachdem er gekreuzigt wurde und verstarb, wurde er der Bibel nach drei Tage in einer Höhle aufgebahrt. Dann ist er von den Toten auferstanden und hat die Höhle verlassen.
Nach Jakobus apokrypher Legende ist die Höhle damit sowohl ein Symbol für den Beginn (Geburt), als auch das Ende der Jesus Erzählung (Aufbahrung und Auferstehung).
Die Brosche
Die Brosche, die den dunkelblauen Mantel der Maria zusammenhält besteht aus einem sehr großen, transparent erscheinenden Edelstein, der von zwanzig kleineren Edelsteinen oder Perlen umfasst wird. Bei dem zentralen Edelstein könnte es sich um einen sehr großen Diamanten handeln oder aber um einen leicht gelblich schimmernden Opal. Ein Diamant dieser Größe hätte einen enormen Wert und würde auch heute noch zu den größten Diamanten der Welt zählen. Im Fall eines Opals wäre der Edelstein um ein Vielfaches günstiger, aber immer noch sehr wertvoll. Seine Größe und Reinheit verweisen auf die körperliche und spirituelle Reinheit der Maria, wie sie im Protoevangelium des Jakobus geschildert wird.
Die Pflanzen
Das Licht ist auch die Ursache dafür, dass in der kargen Felsgrotte Pflanzen gedeihen können. Die genaue Bestimmung der Pflanzen ist Gegenstand fortwährender Debatten, doch deutet viel darauf hin, dass die Pflanzen bewusst ausgewählt worden sind und über ihre Symbolik auf das zukünftige Schicksal von Maria, Jesus und Johannes hindeuten.
Symbol der Reinheit, zugleich Hinweis auf den zukünftigen Schmerz Marias
Die Augen
Leonardo zeigt in dem Altargemälde insgesamt sieben Augen. Die Zahl Sieben ist in der christlichen Tradition stark aufgeladen: Die Bibel beginnt mit der Schöpfung der Welt in sieben Tagen und endet in der Offenbarung des Johannes mit der Öffnung eines Buches mit sieben Siegeln.
In der Felsgrottenmadonna liegen vier Augen auf einem exakten Kreis, dessen Durchmesser genau der halben Bildbreite entspricht. Vier ist die Anzahl der Evangelien (lat. „frohe Botschaft") im Neuen Testament.
Die Zahl der sichtbaren Augen entspricht den sieben Augen in Leonardos anderem großformatigen Altargemälde, der Anna Selbdritt: Auch dort sind vier Figuren dargestellt, eine davon ein Lamm. Ebenso wie in der Felsgrottenmadonna ist ein Auge verdeckt – hier das rechte Auge des Jesuskindes, dort das rechte Auge des Lammes. Das Lamm symbolisiert die Opferbereitschaft und Passion Jesu. Die Anna Selbdritt entstand etwa zwanzig Jahre nach der Felsgrottenmadonna. Es ist daher bemerkenswert, dass Leonardo beide Gemälde über die Zahl der Augen (sieben) und ein verdecktes rechtes Auge – einmal bei Jesus, einmal beim Lamm – miteinander verbindet . Es zeigt, dass Leonardos Gemälde nicht für sich allein zu betrachten sind, sondern aufeinander Bezug nehmen.
Auch in der Anna Selbdritt zeigt Leonardo zwanzig Jahre später vier Figuren: Anna, ihre Tochter Maria, deren Sohn Jesus und ein Lamm. Das rechte Auge des Lammes ist verdeckt, so dass erneut sieben Augen sichtbar sind. Es entsteht der Eindruck, Leonardo habe die Gemälde bewusst miteinander in Beziehung gesetzt. Ebenso wie bei der Felsgrottenmadonna verzichtet er auf die traditionellen Heiligenattribute
Bildkomposition
Das Gemälde war ursprünglich als zentrale Bildtafel einer Altaranlage in der damals größten Kirche Mailands vorgesehen. Als Leonardo den Auftrag zur Felsgrottenmadonna übernahm, war der Altar bereits im Rohbau konstruiert. Seine Werkstatt übernahm die Bemalung der Mitteltafel sowie der beiden flankierenden Tafeln mit musizierenden Engeln, während die einrahmenden 18 kleineren Tafeln von anderen Malern ausgeführt wurden. Dies zeigt, dass Leonardo hinsichtlich des Bildformats keinen Spielraum hatte, sondern den von der Altarkonstruktion vorgegebenen Raum nutzen musste.
I Goldener Schnitt
Die Felsgrottenmadonna zeigt den Goldenen Schnitt deutlich als zentrale Proportion. Dies hängt unmittelbar mit dem Format des Altars zusammen, für den das Gemälde ursprünglich vorgesehen war.
Grundformat und Abweichungen vom Idealmaß
Das Grundformat des Gemäldes wurde von der Architektur des Altars bestimmt, der für die Mitteltafel ein Rechteck im Goldenen Schnitt vorsah, ein sogenanntes Goldenes Rechteck. Es sollte nach oben hin von einem halkreisförmigen Rahmen teils verdeckt werden. Leonardo greift die Proportion auf und spielt mir ihr.
Die Höhe des Gemäldes verhält sich zur Breite annähernd genau im Goldenen Schnitt. Die äußeren Abmessungen bilden demnach ein Goldenes Rechteck (orange gestrichelte Linie). Leonardo legte das Bild etwas höher an, vermutlich um etwas Spiel bei der Ausrichtung des Gemäldes im Altarrahmen zu haben. Dadurch weicht das Gesamtformat geringfügig vom Goldenen Schnitt ab (0,6074 statt 0,6108 = ca. 0,6% Abweichung)
Geometrische Konstruktionen und Bildbezüge
- wird die Höhe des Goldenen Rechtecks im Goldenen Schnitt geteilt, befindet sich dieser genau oberhalb der Figurengruppe am Kopfende der Madonna (obere orange Linie)
- wird unterhalb dieser Linie ein Kreis mit dem Durchmesser der Breite des Gemäldes gesetzt, fasst er die Figurengruppe ein, was vor allem am Fuß des linken Kindes sichtbar wird (unterer weißer Kreis)
- wird der Major des Goldenen Schnitts der Bildhöhe erneut im Goldenen Schnitt geteilt, verläuft der Goldene Schnitt nun direkt durch die Augen des linken Kindes (blauer Punkt) und tangiert die Schulter des Engels (untere orange Linie)
- wird auf diese Linie ein Kreis mit dem Durchmesser der Breite des Gemäldes gesetzt (oberer weißer Kreis) verläuft dieser durch das linke Auge des Engels (blauer Punkt)
- wird der der obere Kreis so nach oben geschoben, dass er den tatsächlichen oberen Rand des Gemäldes berührt, d.h. nicht den des Goldenen Rechtecks, verläuft er nun durch das rechte Auge des Engels (Mouseover)
Goldener Schnitt in Londoner-Version und anderen Werken
Aufgrund des Rechtsstreits wurde die Louvre-Version der Felsgrottenmadonna nie im Altar von San Francesco Grande aufgestellt. Stattdessen erhielt der Orden die Londoner Version. Diese ist rund zehn Zentimeter niedriger, zeigt oben kaum noch Himmel und liegt mit einem Seitenverhältnis von 0,613 näher am Ideal des Goldenen Schnitts (0,618) als die Louvre-Version (0,607). Das Fehlen von Details am oberen Bildrand der Louvre-Fassung deutet darauf hin, dass dieser Bereich von vornherein hinter der Rahmung verborgen bleiben sollte. Der Louvre präsentiert das Werk heute tatsächlich so, dass der oberste Teil verdeckt ist, d.h. genau der Teil über der gestrichelten Linie.
Der ursprüngliche Altar hat sich nicht erhalten. Möglicherweise war er nach oben hin ungenau gefertigt oder im Detail unvollendet. Leonardo könnte deshalb das Gemälde bewusst etwas höher geplant haben, um Spielraum für die vertikale Positionierung im Rahmen zu schaffen. Auch nach unten hin läuft das Bild fast schwarz aus, was ebenfalls dafür spricht, dass Leonardo dort Reserve einkalkulierte.
Aus geometrischer Sicht lässt sich feststellen, dass das Gemälde in Bezug auf die Anlage des Goldenen Rechtecks von unten nach oben komponiert ist. Dies zeigen etwa die Schnittpunkte des Goldenen Schnitts im Auge des Täufers und im linken Auge des Engels. Dass ein exakt vom oberen Bildrand gezogener Kreis das rechte Auge des Engels trifft, während sich sonst keine weiteren geometrischen Beziehungen von oben nach unten ergeben, ist wohl als Leonardos Hinweis auf die ungenaue Rahmung und seinen umfassenden Sinn für Details zu verstehen. Dass es sich bei der Verwendung des Goldenen Schnitts im Gemälde nicht um Zufälle handelt, belegen die Verwendung des Goldenen Schnitts in seinen anderen Gemälden und weitere geometrische Zusammenhänge innerhalb der Felsgrottenmadonna selbst (s. nächster Abschnitt).
Es ist typisch für Leonardo Geometrie mit der Darstellung zu verbinden. Die Augen des Hermelins werden vom Goldenen Schnitt der Bildbreite bzw. der Bildhöhe geschnitten
Das Kopfstück ihres Halsschmucks teilt die Höhe des Gemäldes im Goldenen Schnitt (untere orange Linie). Wird der Major erneut im Goldenen Schnitt geteilt, verläuft er durch den namensgebenden Kopfschmuck der Porträtierten, das Ferronière (obere orange Linie)
Die Säulenfüße am Bildrand befinden sich im Goldenen Schnitt der Bildhöhe. Wird der Major erneut im Goldenen Schnitt geteilt, verläuft er durch beide Augen der Mona Lisa. Die Mittelsenkrechte schneidet ihr linkes Auge
Es ist klar erkennbar, dass das Gemälde auf einer rechteckigen Tafel aufgetragen war und im oberen Bereich die Teile ausgelassen wurden, die später vom Altarrahmen verdeckt werden sollten
II Goldene Spirale
Bei einem Goldenen Rechteck stehen die Seiten zueinander im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Die Felsgrottenmadonna wurde als Goldenes Rechteck angelegt, das vertikal nach unten ausgerichtet wurde. Durch stetige Teilung eines Goldenen Rechtecks im Goldenen Schnitt entsteht je Teilung ein Quadrat und ein kleineres Goldenes Rechteck. Wird in ein so entstandenes Quadrat ein Viertelkreis eingezeichnet entsteht eine Goldene Spirale (untere Abbildung). In der Renaissance war eine standardisierte Näherungskonstruktion üblich, die tatsächliche logarithmische Kurve verläuft minimal anders.
Anwendung der Goldenen Spirale in der Felsgrottenmadonna
Leonardo hat den Verlauf der Goldenen Spirale in einem Goldenen Rechteck berücksichtigt, was besonders am Verlauf der Diagonalen der Spirale deutlich wird, von denen es nach Definition nur zwei geben kann - eine längere und eine kürzere:
- die Goldene Spirale trifft das verdeckte rechte Auge des Jesusknaben
- die längere Diagonale schneidet die Brosche am Mantel der Madonna und tangiert ihr rechtes Auge
- die kürzere der Diagonalen kann so parallel nach oben verschoben werden, dass sie sowohl die Halsbrosche der Madonna, als auch das rechte Auge des Täufers schneidet (Mouseover, gestrichelte Linie)
Werden die Erkenntnisse aus I hinzugezogen
- Goldener Schnitt der Bildhöhe durch das linke Auge des Täufers (blauer Punkt)
- auf dem Goldenen Schnitt der Bildhöhe aufsetzender Kreis schneidet das linke Auge des Engels (Mouseover)
wird nun deutlich, dass die Augen aller vier Figuren über den Goldenen Schnitt verbunden sind.
Wenn ein goldenes Rechteck im Goldenen Schnitt geteilt wird (blaue horizontale Linie), entstehen erneut ein Goldenes Rechteck (das untere, orangefarbene Rechteck) und ein Quadrat (darüber). Die blaue horizontale Linie entspricht der Linie durch das linke Auge des Johannesknaben.
Der Goldene Schnitt kann die Höhe des Goldenen Rechtecks auch so teilen, dass sich das Quadrat unten befindet und das farbige Rechteck darüber
Die Goldene Spirale entsteht, wenn sich der Radius eines Kreises bei jeder Drehung um 90 Grad um den Faktor des Goldenen Schnitts verkleinert. In der Renaissance wurde sie – wie hier gezeigt – meist durch eine Näherungskonstruktion gebildet: ein Goldenes Rechteck wird fortlaufend im Verhältnis des Goldenen Schnitts in kleinere Goldene Rechtecke unterteilt. Diese Rechtecke teilen sich dieselben beiden Diagonalen, ihr Schnittpunkt markiert den Mittelpunkt der Spirale
Der linke Teil der Banderole zeigt eine Goldene Spirale. Die Verwendung des Goldenen Schnitts und seiner Variationen ist eine beliebte Gestaltungsregel in der Malerei und wird zudem oft als Gestaltungselement eingesetzt
III Stetige Halbierung
Neben dem Goldenen Schnitt nutzte Leonardo in der Felsgrottenmadonna auch das Prinzip der stetigen Halbierung. Durch wiederholte Teilungen von Höhe und Breite entstehen zusätzliche Bezugslinien, die sich eng mit den Figuren, Händen und Augen verbinden.
Proportionen durch Halbierung und Teilung der Bildfläche
Neben dem Goldenen Schnitt zeigt das Gemälde auch das Prinzip der stetigen Halbierung:
- Der Durchmesser des oberen Kreises teilt das Gemälde in den oberen Bogen und ein darunterliegendes Rechteck. Die halbe Höhe dieses Rechtecks verläuft exakt entlang des Zeigefingers des Engels (rote Horizontale, blauer Punkt).
- die Mittelsenkrechte tangiert den linken Rand der Halsbrosche der Madonna
- links und rechts von der Mittelsenkrechten lässt sich die Bildbreite in Viertel teilen (weiße vertikale Linien). Die linke Vertikale schneidet das linke Auge des Täufers, die rechte Vertikale das rechte Auge des Engels
- wird das dritte Viertel von links in Achtel halbiert, führt diese Linie durch das linke Auge des Jesuskindes
- wird das fünfte Achtel von links in Sechszehntel halbiert, tangiert diese Linie den Daumen der Madonna und verläuft durch die beiden segnenden Finger des Jesuskindes
Die so entstandenen Unterteilungen der Bildbreite zeigt der Maßstab über der Figurengruppe (schwarz-weiße Linie). Außerdem kommt es erneut zum Goldenen Schnitt:
- wird die Höhe des Rechtecks unter dem halbkreisförmigen Teil des Gemäldes im Goldenen Schnitt geteilt, trifft diese Linie das linke Auge des Engels (Mouseover, orange Linie)
Der längste Finger des segnenden Jesus (Mittelfinger) und der rechte Ellbogen des Johannesknaben liegen exakt auf einer Höhe
- der Zeigefinger des Engels befindet sich im Goldenen Schnitt zwischen dieser Höhe und dem linken Auge des Engels (Mouseover)
- der linke Mittelfinger des Jesusknaben markiert exakt 2/3 der Bildbreite
Es wird erneut deutlich, welch bedeutende Rolle den Augen und Händen in der Bildkomposition zukommt. Sie sind nicht nur – wie oben gezeigt – gezeigt am Goldenen Schnitt ausgerichtet, sondern markieren auch vertikale und horizontale Teilungen. Die zwei segnenden Finger, die sich exakt unter einem linken Daumen der Madonna befinden können als Hinweis Leonardos auf die beiden Proportionen verstanden werden, die für die Bildkomposition von zentraler Bedeutung sind: Die Strecke zwischen 1 Daumen (Madonna) und 2 Fingern (Jesus) wird durch einen Zeigefinger (Engel) im Goldenen Schnitt geteilt.
Symbolische Bedeutung: Hände, Finger und das Schicksal des Täufers
Die vier Hände des Bildzentrums können durch nur zwei Linien verbunden werden: eine horizontale Linie entlang des Zeigefingers des Engels hin zu den gefalteten Händen des Johannes. Und eine vertikale Linie bei 9/16 der Bildbreite vom Daumen der Madonna hin zu den segnenden Fingern des Jesuskindes. Die visuelle Ästhetik des Gemäldes findet ihren Widerhall in der zugrunde liegenden Geometrie.
Die horizontale Verlängerung des Zeigefingers des Engels (rote Horizontale) verläuft nicht nur direkt oberhalb der gefalteten Hände des Johannesknaben, sondern auch genau unterhalb seines Kopfes. Der auf seinen Hals deutende Zeigefinger des Engels (vom altgr. ángelos = “Bote”) verweist so auf das dramatische Schicksal des Täufers. Er wurde wegen des Vorwurfs des Aufruhrs eingekerkert und auf Wunsch der schönen Salome und auf Befehl von König Herodes enthauptet, nachdem sie vor ihm getanzt hatte. Diese Salome ist nicht identisch mit der Salome aus dem Protoevangelium des Jakobus. Dieser Herodes ist nicht identisch mit dem Herodes, der dem Neuen Testament nach die Kindermorde von Bethlehem verursachte. Die Enthauptung von Johannes dem Täufer ist ein wiederkehrendes Motiv in der Malerei. Das letzte Gemälde Leonardos zeigt ebenfalls eine Parallele hinsichtlich einer Konstruktionslinie unterhalb des Hauptes von Johannes.
Vertikale und Horizontale liegen im Goldenen Schnitt von Bildhöhe und Bildbreite. Eine Parallele zu der Linie von deren Schnittpunkt zum Zeigefinger verläuft vom Daumen ausgehend direkt unterhalb des Kopfes. In Verbindung mit dem auffallend schräg gehaltenen Kopf spielt Leonardo damit auf die Enthauptung des Täufers an. Die zwei Finger auf der Brust erinnern an die Segnung des Jesuskindes in der Felsgrottenmadonna
Die Enthauptung des Täufers auf Wunsch von Salome, Tochter der Herodias, ist ein wiederkehrendes Motiv in der Malerei. Hier wird Salome neben ihrer Mutter gezeigt, die den Kopf des Täufers vor sich hält. Salome betrachtet sein Haupt nachdenklich, während sie den verdeckenden Vorhang zur Seite zieht, um das dahinter Verborgene sichtbar zu machen
IV Winkel und Dreiecke
Neben Proportionen und Teilungen nutzte Leonardo in der Felsgrottenmadonna auch Winkelbeziehungen. Die Augen der vier Figuren sind so angeordnet, dass sich daraus symbolische Winkel und Dreiecke ergeben, die wiederum eng mit klassischen geometrischen Formen wie dem regelmäßigen Fünfeck verbunden sind.
Symbolische Winkel und geometrische Bezüge
Leonardo hat die Augen der Personen in der zentralen Figurengruppe über symbolische Winkel miteinander verbunden, die in einen umgebenden Kreis eingeschrieben sind. Die Augen der vier Personen sind die Grundlage für vier Dreiecke, die ebenfalls in symbolischen Winkeln angelegt wurden.
- die Augen der vier Personen können in einen Kreis eingeschrieben werden, der exakt halb so groß ist, wie der nach oben abschließende obere Kreis, d.h. er ist ist halb so breit wie das Gemälde (hellblauer Kreis)
- der Mittelpunkt des Kreises befindet sich in senkrechter Linie unter dem linken Auge der Madonna. Zudem ist er so positioniert, dass ein Durchmesser des Kreises das rechte Auge der Madonna und die Mittelsenkrechte des Gemäldes schneidet (gestrichelte Vertikale). Dafür wurde der Kreis um 6° gedreht
- eine Drehung des Kreises um weitere 3,5° bildet einen Durchmesser, der die Augen von Engel und Täufer verbindet (gestrichelte Horizontale)
- Vom rechten Auge der Madonna führt ein 36° Winkel zum rechten Auge des Täufers, von ihrem linken Auge ein 72° Winkel zum linken Auge des Jesus (orange Linien). Der 72° Winkel ist der Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen Fünfecks (der 36° Winkel die Hälfte, dementsprechend der Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen 10-Ecks). Ein regelmäßiges Fünfeck kann nur in Kenntnis der Konstruktion des Goldenen Schnitts konstruiert werden
- Vom Auge des Engels spannt sich ein 108° Winkel auf (Mouseover, blaues Dreieck). Er zeigt zum Auge des Jesus und zum Schnittpunkt des Kreises mit dem 72° Winkel Blick der Madonna zum Jesus (rechte orange Linie). Der 108° Winkel (Innenwinkel) ist wie der 72° Winkel (Mittelpunktswinkel) in der geometrischen Symbolik unmittelbar mit dem regelmäßigen Fünfeck verbunden
Symbolische Dreiecke in der Komposition
Die Augen sind so im Umkreis platziert worden, dass sich daraus symbolische Dreiecke bilden lassen (Mouseover):
Gelbes Dreieck: 45°, 90°, 45°
Grünes Dreieck: 60°, 45°, 75°
Blaues Dreieck: 30°, 60°, 90°
Die Spitze des gelben Dreiecks (45°, 90°, 45°) weicht um 3,5° vom rechten Auge der Madonna ab, doch ist das Dreieck zu auffällig, um unerwähnt zu bleiben. Das Prinzip übereinander gelegter Dreiecke mit symbolischen Winkeln ist auch aus anderen Gemälden Leonardos bekannt.
Beide Dreiecke haben ihre Basis auf der Auglinie von Täufer und Engel. Die Positionierung demonstriert den Satz des Thales, nachdem alle von einem Halbkreis umschriebenen Dreiecke rechtwinklig sind
Die Spitze des Fingers des Engels berührt die rechte Seite des Dreiecks genau. Es ist die Seite mit dem 45°-Winkel (unten) und dem 60°-Winkel (oben). Ein Dreieck mit genau diesen Winkeln erscheint auffallend häufig in Leonardos Gemälden.
Mathematisch bemerkenswert: Unter allen spitzen Dreiecken (d.h. alle Winkel sind kleiner als 90°) ist das 45°-60°-75°-Dreieck das einzige, mit dem sich ein Quadrat lückenlos kacheln lässt (nachgewiesen von Miklós Laczkovich, 1990).
Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Leonardo das bereits gewusst hat. Wahrscheinlicher ist, dass ihn die innere Symmetrie der Zahlen faszinierte: Ausgehend von 60° erhält man durch Addition bzw. Subtraktion von 15° die Innenwinkel eines Dreiecks, von denen zwei unmittelbar mit Figuren der klassischen Geometrie verbunden sind: 45° als Diagonalwinkel des Quadrats und 60° als Innenwinkel des gleichseitigen Dreiecks. Das entspräche dem Muster des blauen Dreiecks aus 30°, 90° und 60°: Dem Grundwinkel 60° werden 30° subtrahiert bzw. addiert
Augen und Ohren des Hermelins bilden zwei Dreiecke. Das obere ist das speziell von Leonardo verwendete (45°,75°,60°). Das untere hat die Innenwinkel 30°,120° und 30°
Augen und Mittelscheitel bilden ein spezielles Dreieck (75°,60° und 45°), das das namensgebende Ferroniere links tangiert. Die Augachse und das Stirnband sind um genau 3,5° nach rechts oben geneigt (blaue und untere weiße Linie)
Das spezielle Dreieck (60°,45°,75°) verbindet hier die Spitze des Gebindes, sowie die Mittelpunkte der Spiralen am Ende des Spruchbandes
Versteckte Motive
Eine Besonderheit der Gemälde Leonardos sind versteckte Motive, die nicht sofort erkennbar sind. Sie treten meist erst durch Einweihung, Meditation, Wissen oder genauere Untersuchung hervor. Diese Motive stehen bei Leonardo selten für sich allein, sondern ergänzen die Bilderzählung, indem sie weitere Erzählebenen hinzufügen.
Leonardo trennte nicht zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein nach vorn gerichteter Mund ist so platziert, dass er die Augen eines Gesichts bildet. Jenseits der bloßen Ähnlichkeit könnte Leonardo damit andeuten, dass das Auge – wie der Mund – Nahrung aufnimmt, allerdings im Sinne geistiger Nahrung, etwa beim Lesen von Büchern
Die Beine der hinteren Anna könnten ebenso die Beine einer stehenden Maria sein
Die linke Gesichtshälfte schaut frontal auf Betrachtende. Die rechte Gesichtshälfte schaut nach rechts
Leonardo empfahl im "Buch von der Malerei" eine Mauer zu betrachten, um die Phantasie anzuregen:
Ebenso kannst du dort verschiedene Schlachten und Gestalten mit lebhaften Gebärden, seltsame Gesichter und Gewänder und unendlich viele Dinge sehen, die du dann in vollendeter Form und guter Gestalt wiedergeben kannst.
Leonardo hat die Figuren im Vordergrund bereits "in vollendeter und guter Gestalt" wiedergegeben, diese Einschränkung war seiner Meinung nach wichtig, um gute Maler von schlechten zu unterscheiden. Möglicherweise ist die Felsgrottenmadonna aus einer solchen Meditation entstanden. Denn im Bildhintergrund spielen fantastisch gestaltete Felsformationen mit Täuschungen der Wahrnehmung.
Die Katze
Wenige Jahre zuvor entstandene Zeichnungen Leonardos zeigen, dass er das Motiv einer Madonna mit Jesusknaben mit dem einer Katze verbinden wollte. Nach heutigem Wissen hat Leonardo ein solches Gemälde jedoch nie realisiert. Die Darstellung einer Katze in diesem Zusammenhang ist ungewöhnlich: Üblicherweise wird der Jesusknabe mit einem Lamm dargestellt, das sein späteres Leiden symbolisiert. Katzen hingegen sind sprichwörtlich für ihr gutes Sehen bekannt – man spricht von „Katzenaugen“ oder „Augen wie ein Luchs“ (der Luchs zählt, wie die Hauskatze, zu den Kleinkatzen).
Insgesamt existieren sechs Skizzen dieser Art
Drachen (2. Reihe von unten, rechts) erscheinen meist als geflügelte Echsen und hätten – wie kleinere Katzenarten – vertikal geschlitzte Pupillen, Großkatzen wie Löwen (Panthera Leo) dagegen runde
Sehen im Dunkeln der Höhle
Die Blickachse von Täufer und Engel ist um 9,5° nach rechts oben geneigt (6° + 3,5°, siehe Animation IV). Im Hintergrund der Landschaft erscheinen zwei markante Felsen, deren Silhouette bewusst hervorgehoben zu sein scheint. Auffällig ist, dass ihre Spitzen parallel zur Blickachse von Täufer und Engel liegen und ebenfalls durch einen 9,5°-Winkel verbunden sind (Animation A). An dieser Stelle ist es wichtig, sich die geometrischen Beziehungen zwischen Händen und Augen im Gemälde in Erinnerung zu rufen. Betrachtende kommen nicht umhin, in den beiden symmetrischen Felsen ein Paar Augen zu sehen und assoziieren in diesen symmetrischen Formen leicht ein Paar Augen: dunkle Felsen als Pupillen, umgeben vom hellen Licht als das Weiß des Auges.
Die vertikal geschlitzte Form wirkt für ein menschliches Augenpaar jedoch irritierend. Vertikal geschlitzte Pupillen sind im Tierreich äußerst selten (kleine Katzenarten, Schlangen, einige Echsen). Sie ermöglichen vor allem nachtaktiven Räubern extreme Lichtanpassung bei Dunkelheit und scharfes Fokussieren auf kurze Distanz – wie z.b. Betrachtende des Gemäldes die Brosche der Madonna aus sehr kurzer Distanz betrachten müssen, um “auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei” (Einstiegszitat oben). Geschlitzte Augen sind daher ein Symbol für extreme Lichtanpassung bei absoluter Dunkelheit und Fokussierung.
Passend zu dieser Vermutung findet sich oberhalb der Madonna ein lichtdurchfluteter Bereich in katzenhafter Gestalt.
Bemerkenswert ist, dass gerade diese drei Partien – die „Augenfelsen“ im 9,5°-Winkel, dem Winkel zwischen den rechten Augen von Johannesknabe und Engel – sowie die Katzen-Silhouette links zugleich die stärksten Hell-Dunkel-Kontraste der Höhle markieren (A Mouseover). So führt Leonardo Betrachtende dazu, über die Analogie von Form, Kontrast und Winkelbezug nachzusinnen und "auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei".
Die Spitzen beider Felsen sind im selben 9,5° Winkel miteinander verbunden wie die rechten Augen des Johannesknaben und des Engels
Nur wenige Tiere haben vertikal geschlitzte Augen: kleine Katzen, einige Schlangen und Echsen
Die helle Fläche erinnert an die Silhouette einer Katze
Die Silhouette dieser Katze entspricht der Form links oberhalb der Madonna
Die Taufe
Als Schutzpatron seiner Heimatstadt Florenz war Johannes der Täufer (ital. ‘San Giovanni’) für Leonardo von großer Bedeutung. Johannes erhielt seinen Beinamen, weil er zur Zeit des Auftretens Jesu die Gläubigen taufte – und schließlich auch Jesus selbst. Damals erfolgte die Taufe durch Untertauchen im fließenden Wasser – als symbolische Reinigung von Sünden und zur Vorbereitung auf die Ankunft des Messias.
In Florenz wurde Johannes besonders verehrt:
- Der Johannistag ist bis heute der wichtigste Stadtfeiertag in Florenz, mit Prozessionen und den Wettkämpfen des "Calcio storico" (ein Vorläufer von Fußball/ Rugby)
- Nach Johannes waren viele öffentliche Orte benannt, darunter Plätze, ein Stadttor, Zünfte und Bruderschaften
- Johannes war auf jedem Florin abgebildet, der berühmten Goldmünze von Florenz, die aufgrund der Handelsmacht der Stadt zur bedeutendsten Währung im europäischen Handel wurde
- Johannes war auch das berühmte achteckige Baptisterium San Giovanni geweiht, die reich verzierte Taufkirche direkt neben der Kathedrale von Florenz.
Leonardos erste nachweisbare Mitarbeit an einem Gemälde ist Verrocchios Taufe Christi, die Johannes bei der Taufe Jesu zeigt. Leonardos letztes Gemälde stellt wiederum Johannes den Täufer dar.
Die Form der Felsen erinnert an eine nach oben geöffnete Hand. Das sie umfließende Wasser verstärkt Assoziationen zu einer Taufe
Es braucht nur wenig Fantasie die linke schwarze Fläche als Profil eines Kopfes zu erkennen
Die Wandernden
Das Buch Tobit gehört zu den deuterokanonischen Schriften der Bibel, das heißt: Es ist Teil der katholischen und orthodoxen Bibel, jedoch nicht der hebräischen.
Es erzählt die Geschichte des frommen Tobit, der erblindet und seinen Sohn Tobias aussendet, um Geld von einem Verwandten zurückzuholen. Auf der Reise begleiten ihn der als junger Mann erscheinende Erzengel Raphael und ein Hund. Am Fluss Tigris fängt Tobias einen Fisch und entnimmt ihm auf Anraten seines Begleiters Herz, Leber und Galle. Als sie bei dem Verwandten in Ecbatana ankommen, soll Tobias dessen Tochter Sara heiraten. Sie war bereits siebenmal verwitwet, da ein Dämon jeden ihrer Ehemänner in der Hochzeitsnacht umbrachte. Raphael rät Tobias, im Schlafgemach Herz und Leber auf ein Räucherbecken zu legen, woraufhin der Dämon vertrieben wird. Nach der Rückkehr heilt Tobias die Blindheit seines Vaters, indem er ihm die verbliebene Fischgalle auf die Augen streicht. Am Ende offenbart sich Raphael als Engel. Die Wanderung steht sinnbildlich für den Lebensweg unter göttlicher Führung, begleitet von Treue (Hund) und Heilung (Engel, Fisch).
Im Kontext der Felsgrottenmadonna kann die Wanderung des Tobias als Aufforderung verstanden werden, Blindheit und Dämonen durch den Weg in die Natur zu überwinden. Leonardo selbst betonte, dass die Natur die Lehrmeisterin aller Dinge sei, und unternahm regelmäßig kurze Reisen ins ländliche Umland, um sie zu studieren. Die Felsgrottenmadonna ist das Ergebnis dieser Naturstudien und war das erste Gemälde, das die Natur so detailliert und naturgetreu zeigte, dass sie nicht mehr nur bloße Dekoration, sondern gleichberechtigter Bildinhalt wurde.
Die Umrisse der dunklen Felsen erinnern an zwei Figuren, die von hinten auf einer Wanderung gezeigt werden. Die linke Figur besitzt einen großen, kurzhaarigen Kopf und trägt kleine Engelsflügel; die rechte Figur hat langes, glattes Haar und einen langen, dunklen Umhang, der bis zum Boden reicht. Im religiösen Kontext des Gemäldes und mit Blick auf Leonardos Umfeld drängt sich das Bildmotiv von Tobias und dem Engel auf
Andrea del Verrocchio war der Lehrmeister Leonardos. Das Gemälde zeigt eine typische Darstellung der Tobias-Erzählung: den Erzengel Raphael im Gespräch mit Tobias. In der Forschung wird diskutiert, ob Leonardo einzelne Partien – etwa den Hund, den Fisch oder die Locken des Tobias – gemalt haben könnte
Filippinos Vater, Filippo Lippi, war der Lehrmeister von Sandro Botticelli und zählte – ebenso wie Verrocchio – zu den bedeutendsten Malern im Florenz jener Zeit. Filippino Lippi war mit dem etwa gleichaltrigen Leonardo da Vinci befreundet. Die auffällige Ähnlichkeit der Kompositionsstruktur zu Verrocchios Darstellung weist auf eine bewusste Auseinandersetzung mit diesem Werk hin
Melancholia
Leonardo ließ biografische Erfahrungen in sein Werk einfließen. Die Felsgrottenmadonna war sein erster Auftrag in Mailand, nachdem er 1482 Florenz im Alter von 30 Jahren verlassen hatte. Oft wird angenommen, Leonardo habe diesen Schritt getan, weil es ihm aufgrund der vielen Konkurrenten schwerfiel, lukrative Aufträge zu erhalten. Dabei werden jedoch zwei bedeutende Ereignisse übersehen, die seine Wahrnehmung des Lebens in Florenz tief geprägt haben müssen.
Florenz – Kerkerhaft und Gewaltexzesse
Sechs Jahre zuvor, 1476, geriet Leonardo in eine Intrige gegen die herrschende Medici-Familie. Zusammen mit drei weiteren Personen – darunter ein Verwandter der Mutter des Medici-Herrschers – wurde er aufgrund eines anonymen Anzeigentextes der Homosexualität beschuldigt und mehrere Wochen lang eingekerkert. Zwar wurde er schließlich freigesprochen, doch muss dieses Erlebnis Leonardo tief erschüttert haben.
Zwei Jahre später, 1478, kam es im Rahmen der Pazzi-Verschwörung während der Sonntagsmesse in der Kathedrale von Florenz zu einem brutalen Attentat auf die Medici-Familie. Eine rivalisierende Bankiersfamilie versuchte, die Macht an sich zu reißen, und ermordete den Bruder des Herrschers, während Lorenzo de’ Medici selbst nur knapp dem Tod entkam. In der Folge kam es in Florenz zu regelrechten Treibjagden auf die Gegner der Medici, bei denen zahlreiche Mitverschwörer gelyncht wurden. Das Chaos und die Gewalt dieser Tage müssen erneut einen tiefen Eindruck bei Leonardo hinterlassen haben.
Der Engel als Antwort an die Ankläger
Vor diesem Hintergrund erscheint das rot-grüne Gewand des Engels in der Felsgrottenmadonna in neuem Licht. Es bildet einen auffälligen, farbenfrohen Kontrast zu dem ansonsten in dunklen Tönen gehaltenen Gemälde. Das kräftige Rot des Umhangs überbetont die Form ihres Gesäß – insbesondere durch den unnatürlich kreisrunden Faltenwurf an ihrem Po. Die untere Falte zwischen Gesäß und Oberschenkel könnte nur entstehen, wenn das linke Bein nach außen gespreizt wäre und der Stoff vom Oberschenkel gestützt würde, das ist aber nicht der Fall. Die Körperhaltung des Engels wirkt dadurch beinahe sexualisiert. Diese Annahme wird durch die Stellung des rechten Fußes gestützt, der unter dem linken Ellbogen kaum wahrnehmbar im Dunkel liegt. Seine Ausrichtung sowie die senkrechte Stellung des rechten Unterschenkels zeigen, dass sie ihr Knie in einer öffnenden Bewegung nach rechts bewegt hat und damit das rechte Bein vom Körper spreizt. Die betont feminine, nahezu sexualisierte Pose des Engels erscheint so als mögliche Antwort auf die Ankläger Leonardos in Florenz, die ihn der Homosexualität beschuldigt hatten.
Die Felsen als Spiegel der Kerkerhaft
Über der Madonna öffnet sich die dunkle Felswand wie der Ausdruck einer inneren Landschaft. Wie bereits gezeigt, sind die Gesteinsformationen keine zufälligen Erscheinungen, sondern tragen zur inhaltlichen Aussage des Bildes bei. Die Proportionen und Umrisslinien des breiten Felsens hinter dem Kopf der Madonna lassen an das Profil einer Groteske denken: Ihr Unterkiefer ist durch das auf ihr lastende Gewicht nach hinten gedrückt, die Lippen erscheinen platt gepresst. Darunter liegen zwei kreisrunde Felsen; der rechte von ihnen wirkt wie die Schulter eines nach unten hängenden Arms. Woran mag die Groteske denken? Die beiden kreisrunden Gesteinsformen direkt unter ihr erinnern an einen nackten Po. Zeigt Leonardo hier sich selbst – liegend auf einer Kerkerpritsche, nachdenklich über seine Anklage sinnend? Über das, „was den Florentinern so gut gefällt – das Spiel von hinten?“ Diese Gestalt jedenfalls wirkt wie ein Sinnbild der Schwermut, jener stillen Begleiterin schöpferischer Geister, die in der Renaissance als Zeichen geistiger Tiefe galt.
Der Fuß des Engels und die Ausrichtung des Unterschenkels lassen darauf schließen, dass sie ihr rechtes Knie nach außen spreizt
Es braucht nicht viel Fantasie, in der Gesteinsformation das Profil einer Groteske zu erkennen, die auf dem Bauch liegt und melancholisch vor sich hinstarrt. Ihre angedeutete linke Schulter scheint dabei von einer Liege herabzuhängen
Die beiden glatten symmetrischen Steine erinnern in ihrer halbkugelförmigen Gestalt an ein entblößtes Gesäß, die vertikalen Linien darüber lassen an den Faltenwurf eines Gewands denken, das soeben hochgezogen den Blick auf einen nackten weiblichen-prallen Po freigibt
Madonna Fels
Auch heute noch wird in der Kunstgeschichte der interregionale Austausch von Gedanken und Ideen – meist in Form von Kunstwerken – im späten Mittelalter und in der Renaissance oft unterschätzt.
In Bezug auf Wohlstand und kulturellen Reichtum war die Region um Flandern (im heutigen Belgien) mit ihren Handelsmetropolen Gent und Brügge das nordeuropäische Pendant zur norditalienischen Region mit Mailand, Florenz und Venedig. Zwischen diesen Handelszentren bestand ein enger Austausch: So unterhielt etwa die einflussreiche Medici-Bank in Brügge eine Filiale. Zugleich entstand in dieser Zeit der paneuropäische Kunsthandel, durch den die nordalpine Malerei der Niederlande auch in Italien bekannt wurde und dortige Künstler zu einer neuen Qualität inspirierte.
In der Malerei brillierten die flämischen Meister durch die Weiterentwicklung der Ölmalerei, die eine weitaus realistischere Ausarbeitung ermöglichte als die in Italien übliche Freskotechnik. Leonardo da Vinci selbst lobte in seinem Buch von der Malerei den berühmten Jan van Eyck als Erfinder der Ölmalerei. Lange Zeit galt die flämisch-niederländische Malerei (van Eyck, Memling u. a.) als führend in Europa – bis Leonardo mit der Felsgrottenmadonna eine bis dahin unerreichte Eleganz und Schönheit erreichte, verbunden mit einer virtuosen Komposition und einer neuen Auffassung von Natur und Licht. Seine wesentliche Leistung bestand darin, den Figuren durch dynamische Grazie und Anmut mehr Leben einzuhauchen als den oft starr oder in steif betender Haltung dargestellten Figuren der nordalpinen Malerei. Entscheidend ist dabei die Betonung des Lächelns – jenes feinen Ausdrucks innerer Bewegung, der für Leonardos Figuren so charakteristisch wurde.
Die Felsformation erinnert an eine Person mit einem bodenlangen Umhang
Eine Dame blickt aus einer nach oben geöffneten Höhle auf zwei Löwen, vom Fels bewahrt vor den Übeln der Welt. Der Löwe ist als „Marzocco“ das Wappentier von Florenz und als „flämischer Löwe“ das Symbol vieler flämischer Städte (u.a. Brügge, Memlings Wirkungsstätte). Die Szene könnte auf die durch die Alpen getrennten, aber durch Handel verbundenen Städte Flanderns und Italiens anspielen. Für die Felsgrottenmadonna bedeutsam ist die Pfote des rechten Löwen, die auf einem Stein ruht, wie der Johannesknabe. Beide Löwen trennt ein tiefer Graben, wie der zwischen Betrachter und Höhle in Leonardos Werk
Bembo war ein Diplomat der Republik Venedig. Er hielt sich längere Zeit in Florenz und Brügge auf und verkehrte dort als Botschafter in den höchsten Kreisen. So hatte er in Florenz engen Kontakt zu den Medici und bewegte sich in denselben Kreisen wie Leonardo.
Am burgundischen Hof in Brügge wiederum galt Bembo als Kunstmäzen und unterstützte insbesondere Hans Memling
Ein konkretes Beispiel für den Austausch zwischen nordalpinen und italienischen Künstlern zeigt diese Zeichnung. Sie wird nicht Leonardo selbst zugeschrieben, sondern einem seiner Schüler – vermutlich Francesco Melzi. Vermutlich kopierte Melzi eine heute verlorengegangene Vorlage Leonardos
Heute lässt sich nicht mehr mit Sicherheit nachvollziehen, ob die Zeichnung oder das Gemälde zuerst entstand. Leonardo hatte jedoch bereits in früheren Skizzen ähnliche groteske Köpfe und Karikaturen entworfen. Das Werk zeigt exemplarisch, wie eng der künstlerische Austausch zwischen Italien und den nordalpinen Ländern in dieser Zeit war
Massys wurde in Leuven (Löwen) im heutigen Belgien geboren und erhielt dort seine Ausbildung. Später zog er nach Antwerpen, wo er zu einem der führenden Maler seiner Zeit wurde.
Das Gemälde zählt zu den bedeutendsten Werken der flämisch-niederländischen Malerei. In der unteren Bildmitte ist ein konvexes Glas zu sehen, in dem sich ein Fenster spiegelt – ein Detail, das an die Spiegelung des Fensters in der Brosche der Felsgrottenmadonna erinnert (siehe oben)
Der Schöpfer
Ein kurzer Text aus den Aufzeichnungen Leonardos wird häufig mit der Felsgrottenmadonna in Verbindung gebracht:
[…] gelangte ich, nachdem ich schon eine Weile zwischen den dunklen Felsen umhergerirrt war, zum Eingang einer großen Höhle. Ich blieb eine Zeit lang davor stehen, gebührlich staunend und ohne Kunde über sie, dann beugte ich meinen Rücken, mit der linken Hand auf das Knie stützend und mit der rechten beschattete ich meine gesenkten und gerunzelten Augenbrauen. Ich beugte mich mal hierhin, mal dorthin, um auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei. Aber das blieb mir wegen der großen Dunkelheit versagt, die dort drinnen herrschte. Nachdem ich eine Weile so verblieben war, kamen zwei Gefühle in mir auf: Furcht und Verlangen: Furcht vor der bedrohlich dunklen Höhle und das Verlangen zu erforschen, ob nicht etwas Wunderbares darin verborgen wäre
Leonardo selbst hat diesen Text nie ausdrücklich auf die Felsgrottenmadonna bezogen. Doch aufgrund seiner kunstvoll-poetischen Sprache liegt es nahe, ihn in Beziehung zu diesem Gemälde zu setzen. Fast scheint es, als habe Leonardo diese kurze Episode als Ergänzung oder innere Entsprechung zur Felsgrottenmadonna notiert.
Tatsächlich lässt sich im oberen Drittel des Gemäldes – in den unnatürlich querliegenden Felsformationen, die rechts oben eher an Balken erinnern – eine Figur erkennen, die der Person aus Leonardos poetischem Text ähnelt. Sie könnte als Alter Ego den Maler selbst darstellen, der mit einer erschaffenden Geste den Raum unter seiner Hand im Prozess der Schöpfung in etwas Wunderbares verwandelt. Ebenso ließe sich die Figur als Sinnbild der Betrachtenden deuten: jene, die sich über die Dunkelheit der Höhle beugen, „um auszumachen, ob drinnen etwas zu erkennen sei“.
Einen weiteres Hinweis für eine Absicht Leonardos eine solche Figur darzustellen liefert eine bekannte Karikatur Leonardos, die ein Gesicht zeigt, das der Gesteinsformation auffallend ähnelt. Die Zeichnung diente vermutlich der höfischen Unterhaltung am Mailänder Hof und könnte im Zusammenhang mit der Vertreibung der Zigeuner im Jahr 1493 durch ein Edikt des Herzogs entstanden sein. Sie war bereits zu Lebzeiten weithin bekannt, und zahlreiche Künstler nahmen darauf Bezug – darunter Giorgione, Dürer (der Italien bereiste) und der bereits erwähnte Massys.
Die Felsen unter dem Rundbogen formen eine perspektivisch vergrößerte Hand und den grotesken Kopf eines älteren Mannes. Die Figur schaut von oben in die Höhle, um "zu erforschen, ob nicht etwas Wunderbares darin verborgen wäre"
Die Karikatur eines Mannes (im Vordergrund) bei einer Wahrsagerin (rechts), der von einem Komplizen (links) bestohlen wird, umgeben von einem Wahnsinnigen und einem starr blickenden Begleiter
Die Figur ähnelt dem verborgenen Motiv des grotesken Kopfes in der Felsgrottenmadonna, der aus Steinen geformt wird: frontal geneigter, kahler Kopf, betonte Augenbrauen, spitze Nase, breite Kieferknochen und breites Grinsen
Die Erleuchtung des Jesus Kindes
Leonardo war der Auffassung, dass menschliche Körper nur dann gut gemalt werden können, wenn ihre Anatomie bekannt ist. Er untersuchte sehr genau, welche Muskeln bei welchen Bewegungen angespannt werden und wie sie gemalt werden müssen, um den Eindruck einer bestimmten Bewegung realistisch darzustellen. Doch er spielte mit diesem Wissen und baute absichtlich Fehler ein – so grob, dass sie nicht einfach übersehen worden sein können.
Einer dieser „Fehler“ findet sich auch in der Felsgrottenmadonna. In den Blickpunkt rückt dabei ein unscheinbarer dunkler Fleck auf der linken Schulter des Jesuskindes. Er ist anatomisch inkorrekt: Eine Vertiefung kann es an dieser Stelle nicht geben, da der Bereich vom sogenannten Deltamuskel überspannt wird – allenfalls wäre eine schmale, vertikal verlaufende Vertiefung denkbar.
Der Zweck dieser Vertiefung wird deutlich, wenn das Gemälde in einem dunklen Raum betrachtet und eine Kerze in der Nähe aufgestellt wird. Der Effekt, in Animation B simuliert, zeigt, dass das Jesuskind auffallend heller gemalt wurde als die übrigen Figuren. Der eigentliche Kopf des Kindes scheint im Dunkel des Hintergrunds fast zu verschwinden, während sich die Schulterpartie darunter zu einem neuen Kopf formt. Die vermeintlich fehlerhafte Vertiefung in der Schulter übernimmt dabei die Funktion eines Augenpaars – das Jesuskind scheint nun, unbeeindruckt von den Gesten um es herum, neugierig nach rechts zu blicken.
Das Frühwerk Leonardos zeigt bereits wie genau Leonardo die menschliche Anatomie untersuchte
Leonardo kokettierte mit seinen anatomischen Kenntnissen: Dem Täufer fehlt das rechte Schlüsselbein, das bei dieser Körperhaltung eigentlich deutlich hervortreten müsste
Die Zeichnung zeigt gut wie Leonardo Figuren komponierte. Er legte meist mehrere Ansichten einer Figur übereinander, um eine Bewegung zu simulieren, eine Ansicht führte er aus. Andere ließ er in Schatten übergehen oder verwandelte sie in Gegenstände des Bildhintergrunds rund um die Figur
Das kleinformatige Porträt entstand nach der Felsgrottenmadonna. Es ist das einzige Porträt Leonardos, das eine Spiegelung in den Pupillen zeigt. Fast scheint es, als hätte Leonardo in dem nach rechts blickenden Jesuskind sein nächstes Werk bereits vor Augen gehabt
Die Pupillen spiegeln was die Dame sieht. Sie scheint aus einer dunklen Höhle heraus auf den Ausgang zu blicken. Dort erscheint die die Silhouette eines Hut tragenden Kopfes
Dass Leonardo hier tatsächlich zeigen wollte was die Dame sieht, zeigt sich darin, dass die Spiegelung im anderen Auge dieselbe Szene zeigt. Das zunächst sehr unscheinbare Detail ist eine erstaunliche Parallele zur Spiegelung des Fensters in der Brosche der Felsgrottenmadonna
Provenienz
Die Besitzverhältnisse der Londoner Version sind durchgehend nachweisbar, die der Pariser Version vor 1625 noch nicht eindeutig geklärt.
Die Londoner Version
Die Londoner Version befand sich in der Kapelle des Ordens in der Kirche San Francesco Grande bis die Kapelle um 1576 abgerissen wurde. Danach verblieb das Gemälde im Besitz des Ordens der unbefleckten Empfängnis. 1785 wurde das Werk an einen englischen Kunstsammler verkauft und fortan mehrfach in England gehandelt. Der letzte private Besitzer war Sir Henry Charles Howard, 18. Earl of Suffolk, 11. Earl of Berkshire. Er verkaufte das Gemälde 1880 an die National Gallery in London. Auch die von den Brüdern Predis gefertigten Seitenflügel gelangten 1898 in ihren Besitz. Die National Gallery in London stellt das Gemälde ganzjährig im Room 66 aus.
Die Version im Louvre
Die Auftraggeber gelangten nie in den Besitz der Louvre-Version. Was nach der Fertigstellung mit dem Gemälde geschah, ist unklar. Über die Frage, wie es dorthin gelangte, werden zwei Theorien diskutiert.
Theorie I - Hochzeitsgeschenk für den deutschen König
Im Codex Magliabechiano, den viele als Manuskript des berühmten Leonardo-Biografen Vasari ansehen, heißt es:
Er [Leonardo] malte ein Altarbild für Ludovico, den Herrscher von Mailand, und alle, die das Bild gesehen haben, erklären es für eines der schönsten und ungewöhnlichsten Werke, die man in der Malerei finden kann. Es wurde von besagtem Herzog an den Kaiser nach Deutschland geschickt
Mit diesem Altarbild kann nur die Felsgrottenmadonna gemeint sein, denn es ist nicht bekannt, dass Leonardo in Mailand an einem anderen Altarbild gearbeitet hat. Demnach hätte Leonardo das Gemälde den Auftraggebern nie übergeben, sondern es stattdessen an den Mailänder Herzog verkauft.
Ludovico Sforza war unter zweifelhaften Umständen Herrscher von Mailand geworden und wollte seine Position durch eine prestigeträchtige Verbindung mit dem deutschen Königshaus festigen. Das Herzogtum Mailand war zwar faktisch unabhängig, jedoch seit Jahrhunderten formal ein Lehen des Heiligen Römischen Reichs. Der Herzog erkaufte sich die unstandesgemäße Hochzeit seiner Nichte Bianca Maria Sforza mit dem in Geldnot geratenen deutschen König Maximilian I. und wurde im Gegenzug als Herzog von Mailand bestätigt.
Die Felsgrottenmadonna könnte demnach als Teil der Mitgift nach Deutschland gelangt sein. 1494 heirateten Bianca Maria Sforza und Maximilian I., der von 1508 bis 1519 auch römisch-deutscher Kaiser war.
Kaiser Maximilian I. entstammte dem Haus Habsburg, das zu dieser Zeit die deutschen Kaiser stellte. Es ist denkbar, dass die Felsgrottenmadonna als Mitgift späterer Habsburger Heiraten nach Frankreich kam – etwa durch die Eheschließung des französischen Königs Franz I. mit Eleonore von Österreich im Jahr 1530. Franz I., von 1516 bis 1519 der letzte Dienstherr Leonardos, war ein glühender Bewunderer seiner Kunst. Er erwarb auch die übrigen Gemälde Leonardos, die sich heute im Louvre befinden.
Alternativ könnte das Gemälde über die Heirat des französischen Königs Karl IX. mit Elisabeth von Österreich (1570) nach Frankreich gelangt sein.
Abgesehen vom Eintrag im Codex Magliabechiano existieren jedoch keine Belege dafür, dass die Felsgrottenmadonna tatsächlich als Hochzeitsgeschenk Ludovico Sforzas nach Deutschland gesandt wurde.
Theorie II - Verbleib in Mailand
Die Aussage im Codex Magliabechiano könnte sich nicht auf die Felsgrottenmadonna beziehen oder – wie in anderen Fällen – Hörensagen falsch wiedergeben. Demnach wäre das Gemälde in Mailand verblieben und dort vom französischen Königshaus entweder erworben oder während der französischen Besetzung des Herzogtums (1499–1512) konfisziert worden.
In der Folge könnte es wieder in Leonardos Besitz gelangt sein, da er von 1508 bis 1512 für den französischen Statthalter von Mailand tätig war und enge persönliche Beziehungen zum französischen Königshaus pflegte, das etwa in einem Erbschaftsstreit um 1507 zu seinen Gunsten intervenierte.
Dagegen spricht, dass der Diplomat Antonio de Beatis, der Leonardo 1517 kurz vor dessen Tod am französischen Hof besuchte, in seinem Reisebericht die Gemälde im Besitz Leonardos aufzählt – darunter La Belle Ferronnière, Anna Selbdritt, Mona Lisa und Johannes der Täufer –, die sich alle heute im Louvre befinden. Die Felsgrottenmadonna erwähnt er jedoch nicht.
Dies könnte bedeuten, dass sie sich bereits im Besitz des französischen Königs befand – oder, wie der Codex Magliabechiano nahelegt, sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch in Deutschland befand.
Teil der königlichen Sammlung in Frankreich
Erstmals in Frankreich nachweisbar ist die Felsgrottenmadonna im Jahr 1625, als sie als Teil der königlichen Sammlung auf Schloss Fontainebleau katalogisiert wurde. Die Sammlung gelangte um 1682 unter Ludwig XIV. nach Versailles und wurde nach der Französischen Revolution in den Louvre überführt, wo sie bis heute ausgestellt ist.
1806 wurde das Gemälde vorsichtig von seiner ursprünglichen Holztafel gelöst und auf Leinwand übertragen. 2011 wurden die Londoner und die Pariser Version der Felsgrottenmadonna erstmals nebeneinander in der National Gallery in London gezeigt.
Heute befindet sich das Gemälde im Saal 710 der Grande Galerie des Louvre.
Kunsthistorische Bedeutung
Die Felsgrottenmadonna war in jeder Hinsicht ein revolutionäres Werk.
Nie zuvor gekannte Qualität der Darstellung
Leonardo legte in der Darstellung der Szenerie größten Wert auf die naturgetreue Wiedergabe von Licht, Wasser, Gestein, Pflanzen und menschlicher Gestalt. Eine solche Qualität war zuvor in der Malerei nie erreicht worden.
Neu war auch, die Natur selbst zum gleichwertigen Bildinhalt zu erheben. Bis dahin war es üblich gewesen, die Madonna in einem Innenraum oder in einer architektonisch bestimmten Landschaft zu zeigen.
Leonardos erstes eigenständiges Werk wurde rasch berühmt und vielfach kopiert – doch die Lebendigkeit und technische Meisterschaft des Originals blieb unerreicht.
Verzicht auf biblische Ikonographie
Die Felsgrottenmadonna ist das erste Werk, das eine ursprünglich religiöse Szene von der rein biblischen Bedeutungsebene löst und sie in eine neue, humanistische Sichtweise überführt – auf den Menschen selbst gerichtet.
Die Figuren besitzen für sich genommen keinen zwingenden biblischen Bezug. Unvoreingenommenen Betrachtern kann die Szene wie eine zeitlose Familiendarstellung erscheinen – frei von den als vergänglich empfundenen Symbolen kirchlicher Dogmatik. Leonardo verzichtet bewusst auf typische Elemente der Ikonographie wie Heiligenscheine, Stäbe oder Kreuze, und selbst die Engelsflügel sind so zart gemalt, dass sie leicht übersehen werden.
Dennoch bleibt der religiöse Bezug gewahrt: Durch subtile Symbolik und kompositorische Anspielungen wird deutlich, dass Leonardo die Madonna mit dem Jesus- und dem Johannesknaben sowie einem Engel zeigt. Seine Zeitgenossen erkannten dies sofort – doch zugleich öffnete das Werk eine neue Dimension des Sehens, in der das Göttliche und das Menschliche untrennbar verschmelzen.
Anfang und Ende
Leonardo war etwa 30 Jahre alt, als er 1483 mit der Arbeit an der Felsgrottenmadonna begann – seinem ersten nachweisbar eigenständigen und vollendeten Gemälde. Es zeigt den Johannesknaben, den Schutzpatron seiner Heimatstadt Florenz.
Sein letztes Werk, Johannes der Täufer (um 1513–1519), etwa 30 Jahre später entstanden, zeigt dieselbe Gestalt – nun als erwachsenen Propheten, vergeistigt, leuchtend und von mystischer Aura umgeben.
Dieser zeitlich-thematische Zusammenhang legt nahe, beide Gemälde als Anfang und Ende eines Zyklus zu begreifen. Die Felsgrottenmadonna zeigt den Johannes kurz nach seiner Geburt, zum Beginn seines Wirkens. Und Leonardos letztes Werk zeigt die mystische Verklärung des Täufers kurz vor dessen grausamen Ende. So entsteht der Eindruck, Leonardo habe seine sieben zweifelsfrei echten Gemälde bewusst als eine zusammenhängende Erzählung angelegt.
Diese Abfolge zeigt eine bemerkenswerte Systematik: Den beiden großen Gruppenbildern (Felsgrottenmadonna und Anna Selbdritt) folgen jeweils zwei kleinere Porträts. Ein symbolisch deutender Zeigefinger erscheint nur in drei Werken – im ersten (Felsgrottenmadonna), im zentralen Hauptwerk (Abendmahl) und im letzten Gemälde (Johannes der Täufer).
Damit schließt sich ein Kreis: Anfang, Mitte und Ende bilden eine in sich geschlossene geistige und kompositorische Ordnung – das Vermächtnis eines Künstlers, der das Sichtbare mit dem Unsichtbaren zu vereinen suchte
Die Brosche in Leonardo zugeschriebenen Gemälden
Die Brosche der Felsgrottenmadonna erscheint in drei weiteren Gemälden, die heute Leonardo zugeschrieben werden – auch wenn die Autorschaft Leonardos nicht unstrittig ist. Die Brosche ist nie ganz identisch, die Ähnlichkeit aber auffällig. Die Größe des zentralen Edelsteins im Verhältnis zur Körpergröße der Figuren variiert nur leicht, die Anzahl der umfassenden kleineren Edelsteine ist jedoch stets unterschiedlich. Es wirkt fast so, als solle gerade diese Ähnlichkeit die zweifelsfrei echte Felsgrottenmadonna mit den strittigen Gemälden Leonardos in Verbindung bringen.
Im Blickpunkt steht dabei unter anderem das Gemälde "Salvator mundi", das teuerste jemals versteigerte Gemälde (~500 Mio Dollar). Es ist erstmals durch eine Fotografie von etwa 1900 nachweisbar, wurde um 2005 wiederentdeckt und aufwändig restauriert. So aufwändig, dass Kritiker meinen, es wäre kein Werk Leonardos, sondern das seiner Restauratorin Dianne Modestini. Auch weitere Indizien, etwa geometrische Unstimmigkeiten, lassen Zweifel an Leonardos Urheberschaft aufkommen.
Die Autorschaft Leonardos für die drei Gemälde ist umstritten
um 1475-1478
Der zentrale Edelstein wird hier von 26 kleineren Edelsteinen (oder Perlen) umfasst
Der zentrale Edelstein wird hier von 15 kleineren Edelsteinen (oder Perlen) umfasst
Der zentrale Edelstein wird hier nicht mehr von kleineren Edelsteinen (oder Perlen) umfasst
Der ist nicht universal, welcher nicht alle Dinge, die zur Malerei gehören, auf gleiche Weise liebt. Es gefallen einem beispielsweise die Landschaften nicht, er glaubt, sie seien ein Gegenstand, der in kurzer Zeit und mit Leichtigkeit zu erforschen ist. Wie unser Botticelli sagte, strengt man sich dafür vergeblich an, man brauche nämlich nur einen Schwamm, der mit verschiedenen Farben getränkt ist, an die Wand zu werfen, und der lasse dann dort einen Flecken zurück, in dem man eine schöne Landschaft erblicke.
Es stimmt wohl, daß man in einem solchen Flecken verschiedene phantastische Gebilde dessen sehen kann, was man in ihm suchen will, das heißt Menschenköpfe, verschiedene Tiere, Schlachten, Felsklippen, Meere, Wolken, Wälder und andere ähnliche Dinge mehr. Und es geschieht wie beim Klang der Glocken, aus dem du heraushören kannst, was dir gefällt.
Aber mögen diese Flecken auch deine Phantasie anregen, so lehren sie dich doch in keiner Weise, wie man eine Einzelheit ausarbeitet. Und der erwähnte Maler machte sehr dürftige Landschaften.
Unter diesen Vorschriften soll aber eine neue Erfindung in der überlegenden Betrachtung nicht fehlen, die, wenn sie auch ärmlich und beinahe lächerlich erscheint, dennoch von größtem Nutzen ist, den Geist zu mannigfachen Erfindungen anzuregen.
Und das geschieht, wenn du manches Gemäuer mit verschiedenen Flecken oder mit einem Gemisch aus verschiedenartigen Steinen anschaust. Wenn du dir gerade eine Landschaft ausdenken sollst, so kannst du dort Bilder verschiedener Landschaften mit Bergen, Flüssen, Felsen, Bäumen, großen Ebenen, Tälern und Hügeln verschiedener Arten sehen. Ebenso kannst du dort verschiedene Schlachten und Gestalten mit lebhaften Gebärden, seltsame Gesichter und Gewänder und unendlich viele Dinge sehen, die du dann in vollendeter Form und guter Gestalt wiedergeben kannst.
Mit solchem Gemäuer und Steingemisch geht es wie mit den Kirchenglocken, du findest in ihrem Schlagen jeden Namen und jedes Wort, das du dir vorstellst.
Literatur
Websites der ausstellenden Museen: Louvre-Museum, Paris und National Gallery, London
Frank Zöllner, Leonardo, Taschen (2019)
Martin Kemp, Leonardo, C.H. Beck (2008)
Charles Niccholl, Leonardo da Vinci: Die Biographie, Fischer (2019)
Johannes Itten, Bildanalysen, Ravensburger (1988)
Die Bibel, Einheitsübersetzung, Altes und Neues Testament, Pattloch Verlag (1992)
Besonders empfehlenswert
Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch – Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten, Schirmer/ Mosel (2019)
Leonardo da Vinci, Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, Schirmer/ Mosel (2011)