Das Fibonacci Retracement (engl. ‘Fibonacci-Spur Rückverfolgung’) ist eine nach dem mittelalterlichen Mathematiker Fibonacci benannte Methode der technischen Analyse, mit der im Börsenhandel versucht wird, in einem Kurschart zukünftige Kursverläufe vorherzusagen. Dafür werden Unterstützungs- und Widerstandsniveaus mit Hilfe des goldenen Schnitts eingezeichnet. Die Fibonacci-Zahlenfolge ist in diesem Zusammenhang mit dem goldenen Schnitt gleichzusetzen, sie steht im direkten Zusammenhang mit dem goldenen Schnitt (s. unten).
Vorbereitung
- in einem beliebigen Kurschart wird ein Zeitintervall bestimmt
- innerhalb dieses Intervalls wird der höchste und niedrigste Wendepunkt bestimmt (Hoch und Tief, schwarze Kreise)
- die Strecke zwischen Hoch und Tief wird im goldenen Schnitt geteilt, einmal nach oben und einmal nach unten (blau/orange, 1. und 2. Streifen von rechts)
- Beide Minor des goldenen Schnitts werden erneut im goldenen Schnitt geteilt, und zwar so, dass da, wo der Minor unten war, er nun oben ist, und da wo er oben war, er nun unten ist (blau/orange, 3. Streifen von rechts)
- der wiederholt durchgeführte goldene Schnitt teilt die Strecke zwischen Hoch und Tief nun bei 23,8 % und 38,2 % und 61,8 % und 76,4%, zusätzlich wird die halbe Höhe bei 50% eingezeichnet
Im professionellen Handel gibt es Tools, die diese Linien automatisiert einzeichnen. Lediglich der Hoch- und Tiefpunkt müssen dafür markiert werden.
Chartanalyse mit dem goldenen Schnitt
Verändert ein Börsenkurs seinen Trend, d.h. einem Allzeithoch folgt eine längere Abwärtsbewegung, vermuten Fibonacci-Händler, dass sich dieser Kursrücklauf an bestimmten Wendepunkten umdrehen wird, nämlich auf einer der Linien des golden Schnitts zwischen Hoch- und Tiefpunkt. Danach muss es ihrer Meinung nach wieder zu einer Aufwärtsbewegung kommen.
Ganz allgemein kann sich der Kurs im Beispielchart (Mouseover) nur in drei Richtungen entwickeln: oben, unten oder seitwärts (rote, grüne und schwarze gestrichelte Linien). Fibonacci-Händler warten nun ab, bis der Kurs erstmals auf eine Linie des goldenen Schnitts trifft (Linie II, orange) und kaufen dann. Steigt der Kurs wieder, gehen sie davon aus, dass die Aufwärtsbewegung anhält und verkaufen frühestens bei der 100% Marke (Linie I, schwarz). Fällt der Kurs aber weiter, verkaufen sie zunächst mit leichten Verlusten und sind dabei der Meinung, der Kurs müsse jetzt bis zur 61,8% Marke fallen (Linie III, orange). Dort wiederholen sie den Kauf und sind der Meinung, der Kurs müsse nun wieder steigen und dann wieder bis zur 100% Marke. Fällt der Kurs jedoch abermals, verkaufen sie erneut mit minimalen Verlusten. Das Fallen auf die 50% Marke (Linie IV, schwarz) ist im Fibonacci Trading ein Anzeichen für bald steigende Kurse und damit grundsätzlich ein Kaufsignal. Fällt der Kurs deutlich unter die 50% Marke, verkaufen sie erneut und setzen nun nicht mehr auf steigende, sondern auf fallende Kurse. Für Aktienbörsen sind z.B. Leerverkäufe eine Möglichkeit, von fallenden Preisen zu profitieren. Sie sind jedoch sehr risikoreich.
Können Börsenkurse vorhergesagt werden?
Grundsätzlich können Kursverläufe nicht vorhergesagt werden. Vielmehr wirken so viele verschiedene Faktoren auf die Entwicklung von Börsenkursen ein, dass mit der heute zur Verfügung stehenden Rechenleistung eine präzise Vorhersage nicht möglich ist. Dennoch wird das Fibonacci Retracement häufig auch von professionellen Großinvestoren angewendet. Denn da so viele Händler sich danach richten, kann der Handel auf Basis des Fibonacci Retracements im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung funktionieren. Dass es sich um keine zuverlässige Methode zum Vermögensaufbau handelt, wird an der Tatsache deutlich, dass es aktuell keinen langfristig erfolgreichen Investor gibt, der behaupten würde, diese Handelsmethode wäre die Ursache seines Vermögens.