1501
Öl auf Holz, 50,2 × 34,6 cm
Privatbesitz
Dass dieses Gemälde ein Werk aus der Werkstatt Leonardos ist, gilt als unstrittig. Die wichtigste historische Quelle in diesem Zusammenhang ist der Briefwechsel vom Frühjahr 1501 zwischen Pietro de Nuvolaria und Leonardos Bewunderin Isabella d'Este, Herzogin von Mantua.
Der Briefwechsel von Isabella d'Este und Pietro de Nuvolaria
Isabella d'Este wollte sich unbedingt von Leonardo porträtieren lassen und bat Pietro sie über dessen aktuelle Projekte auf dem Laufenden zu halten. Am 3.4.1501 berichtet er im Wesentlichen davon, dass Leonardo an einer großformatigen Skizze zum Gemälde der Hl. Anna Selbdritt arbeitet, sich aber hauptsächlich mit der Geometrie beschäftigt, der "sein ganzes Streben gehört". Sonst hätte er "nichts gemacht, jedoch machen zwei seiner Schüler Bildnisse und bei einigen legt er bisweilen mit Hand an".
Einige Tage später, am 14.4.1501 schreibt er erneut und erwähnt ein kleines Bild für Robertet, einen Günstling des Königs von Frankreich, an dem gearbeitet wird. Er beschreibt es daraufhin so: "Das kleine Bild, das er gerade malt, ist eine Madonna, die dasitzt, als wollte sie Spindeln aufwickeln, der Knabe setzt einen Fuß in das Körbchen mit den Spindeln, er hat die Haspel ergriffen und betrachtet aufmerksam ihre vier Speichen, die ein Kreuz bilden. Und da er sich eben dieses Kreuz wünscht, lacht er und hält es fest, denn er will es nicht der Mutter geben, die es ihm, so scheint es, wegnehmen möchte".
Radiologische Untersuchungen konnten zeigen, dass sich ursprünglich der rechte Fuß des Knaben tatsächlich in einem Körbchen mit Spindeln befand, wie Pietro de Nuvolaria schreibt, aber dass dieses später übermalt wurde.
Aus der Werkstatt Leonardos
Es besteht heute daher kein Zweifel daran, dass das Bild für Robertet die heutige "Madonna mit der Spindel" zeigt. Zweifel gibt es jedoch an Leonardos Grad der Mitwirkung. Denn wie Pietro de Nuvolaria betonte, hatte Leonardo wegen seiner geometrischen Studien zu der Zeit wenig Muße für die Malerei, was es sehr wahrscheinlich macht, dass zwei seiner Schüler das Bildnis machten und Leonardo bei diesem bisweilen mit Hand angelegt hat.
Das würde auch erklären warum kaum ein Leonardo zugeschriebenes Werk sich aus so vielen Versatzstücken seiner zweifelsfrei echten Gemälde zusammensetzt. Es finden sich Elemente aus den Gemälden:
- Felsgrottenmadonna(1483-86): die Handhaltung ist identisch mit der der Felsgrottenmadonna (spiegelverkehrt und um 45° zur Seite gedreht), die Felsen im rechten Vordergrund erinnern an den vordersten Abgrund der Felsgrottenmadonna
- Mona Lisa (1503-19): die Brücke im linken Bildhintergrund entspricht der aus der Mona Lisa
- Anna Selbdritt (1502-19): die Landschaft im Hintergrund und die Kopfbedeckung der Madonna
- Johannes der Täufer (1513-19): der Winkel in dem der Stab des Täufers geneigt und gedreht ist, ebenso die Armhaltung des Kindes mitsamt dem Fingerzeig.
Das ist umso bemerkenswerter, als das alle Gemälde bis auf die Felsgrottenmadonna nachweislich erst nach der Madonna mit der Spindel entstanden sind. Leonardo scheint diese Elemente bereits hier vorwegzunehmen, was auch hier dafür spricht, dass Leonardo ein grundsätzliches Gesamtkonzept für seine eigenhändigen Werke hatte.
Neben der hier gezeigten Version der Madonna mit der Spindel existiert noch eine zweite, weniger gelungene Version (Buccleuch Version). Physikalische Untersuchungen konnten nachweisen, dass beide Gemälde gleichzeitig gemalt worden sind, da beide die gleichen später übermalten Korrekturen aufweisen.
Die zwei Gemälde der Madonna mit der Spindel wirken nun insgesamt wie eine Übungsaufgabe Leonardos an seine zwei besten Schüler ihn so gut wie möglich zu kopieren. Ganz im Verständnis von Pietro de Nuvolaria, der schreibt, dass Leonardo zu dieser Zeit keine Muße hatte, "jedoch machen zwei seiner Schüler Bildnisse und bei einigen legt er bisweilen mit Hand an". Wahrscheinlich stammt der Entwuf von Leonardo, doch abgesehen von einigen wenigen Korrekturen, gilt eine eigenhändige Arbeit Leonardos jedoch als ausgeschlossen. Das Werk wird daher meist mit dem Zusatz "aus der Werkstatt Leonardos" bezeichnet.