Der Physiker Werner Heisenberg gilt als Begründer der Quantenmechanik und erhielt dafür 1933 den Nobelpreis für Physik. Während des zweiten Weltkrieges arbeitete er auf deutscher Seite an Plänen zu einer Atombombe. Da er den materiellen und zeitlichen Aufwand dafür sehr hoch einschätzte, verzichtete die nationalsozialistische Regierung darauf, diese Bemühungen zu intensivieren. Der folgende Text ist eine Abschrift der letzten Minuten eines Radiointerviews, dass Heisenberg am 30.3.1968 mit Harald von Troschke führte.
Jeder Zeit sind andere Probleme gestellt, jeder anderen Zeit wieder andere und dann muss man sehen, wie sich’s weiterentwickelt.
Augenblicklich habe ich den Eindruck, dass auf dem Gebiet der Naturwissenschaft eben die Biologie im Zentrum des Geschehens steht und auf dem Gebiet der Politik eben diese Frage der sozialen Ordnung über den ganzen Welt- Erdball hinweg.
Und man muss offenbar jetzt darüber nachdenken, wie die Erde im Ganzen aussehen könnte, wenn es nicht mehr die Grenzen zwischen Nationen oder zwischen Religionen und so etwas gibt, sondern wenn alle Menschen sozusagen in derselben Sprache, ich mein nicht in der üblichen Wortsprache, sondern in derselben Art, denselben Wertbegriffen, über das Zusammenleben nachdenken. Und man kann ja gar nicht dran zweifeln, dass in den letzten 20 Jahren, seit dem großen Krieg, dass seit dem die Menschen schon sehr viel in ihren Wertbegriffen gelernt haben. Sie haben schon sehr stark umgedacht, sie haben schon gemerkt, dass es keinen Sinn mehr hat, etwa nur das nationale Interesse mit äußerster Gewalt voranzutreiben, ohne an die Interessen des Nachbarn zu denken, der ja ähnliche Interessen haben muss. Sondern man sieht ein, dass der Ausgleich der Interessen unter den Menschen, dass der am besten dadurch eben sich vollzieht, dass man sich gemeinsame Ziele setzt. Dass man sagt, ja wir wollen doch eigentlich das und das erreichen, und zwar offenbar gemeinsam erreichen, weil wir es ja gemeinsam viel leichter erreichen können als im Kampf gegeneinander. Aber diese Veränderung der Werte, also insbesondere der sozialen Werte oder der gesellschaftlichen Vorstellungen, an der kann ja jeder mitarbeiten und man kann beinah sagen, der arbeitet ja schon unbewusst fast jeder mit, der überhaupt über solche Dinge spricht. Und an dem Prozess lohnt es sich sehr teilzunehmen.
[Frage des Interviewers, ob er, Professor Heisenberg, als Naturwissenschaftler Sorge vor den Geistern habe, die gerufen (entfesselt) wurden, also ob er ein fortschrittsgläubiger Mensch sei]
[Ich bin] also in dem Sinn fortschrittsgläubig, dass ich glaube, dass erstens die Welt sich immer wieder ändert. Und zweitens, dass es besser ist, zu dieser Änderung ja zu sagen, als nein zu sagen. Dass es also besser ist zu sagen, wollen wir ruhig aus dieser Änderung nun das Beste machen, was zu machen ist.
Ich hab schon auch Angst davor, dass der zu schnelle Fortschritt der Wissenschaft eben zusammentrifft mit sehr altertümlichen Denkverfahren in breiten Volksmassen, so dass es da große Schwierigkeiten gibt. Aber ich seh nicht ein, dass das nun notwendig zu Katastrophen führen muss. Und ich seh die Schwierigkeiten auch gar nicht etwa nur bei der Atombombe, oder bei solchen Sachen.
Aber etwa wenn es nun jedem möglich sein sollte mit relativ billigen Mitteln, etwa Rauschgift herzustellen, dann ist wieder ein entsetzliches Problem für die Menschen gestellt. Nämlich wie schütze ich mich gegen eine solche Unvernunft, die zunächst scheinbar verlockend ist. Wie ja überhaupt viele Unvernunft immer am Anfang verlockend ist und nachher nicht mehr.
Aber immer dann, wenn Gefahr entsteht – also Hölderlin sagt, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch – also dann wird man ja auch gewarnt und versucht dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen und man muss halt immer hoffen, dass dann die Abwehrmaßnahmen doch erfolgreicher sind, als die Gefahr. Und daran muss man mittun. Und die Änderungen kann man doch nicht verhindern, also ist es besser zu ihnen ja zu sagen und eben daran zu arbeiten, dass sie in der richtigen Richtung gehen.