Vitruvianischer Mensch – Keyvisual

Der Vitruvianische Mensch

Der vitruvianische Mensch ist eine Zeichnung von Leonardo da Vinci. Das Studienblatt zeigt die idealen Proportionen eines Mannes, wie sie der antike Architekt Vitruv beschrieb. Die Zeichnung befindet sich heute im Museum Galleria dell’ Accademia in Venedig und wird aus Konservierungsgründen nur selten öffentlich ausgestellt.

In der Nacht von Sankt Andreas fand ich das Ende der Quadratur des Kreises, und zu Ende war das Licht und die Nacht und das Papier, auf das ich schrieb, und zu Ende die Stunde.

Leonardo da Vinci
Vitruvianischer Mensch – Leonardo da Vinci

Leonardo da Vincis Gemälde können nicht ohne Untersuchung der Bildgeometrie verstanden werden

I

Der Mittelpunkt des Kreises ist der Bauchnabel. Die gespreizten Beine sind um 1/14 der Körperhöhe angehoben und bilden ein gleichseitiges Dreieck (Mouseover). Der Fuß ist 1/7 des Mannes, ebenso der Abstand vom Scheitel der Brust zum Haaransatz (rote Linien)

II

Die Glieder des Menschen lassen sich in Viertel der Körperhöhe einteilen (blaue Linien). Und ebenso in Achtel (rote Linien).

III

Der goldene Schnitt der Höhe des Quadrats liegt im Bauchnabel. Außerdem lässt sich der goldene Schnitt in den Proportionen des Unterarms und des Oberkörpers zeigen (Mouseover)

IV

Die Länge der Hände beträgt 1/10 der Körperhöhe. Eine Hand ist demnach so groß wie ein Gesicht vom Kinn zum Haaransatz (ebenfalls 1/10).

V

Der Körper ist so hoch wie ein Mensch mit ausgesteckten Armen breit ist. Der Abstand vom Scheitel der Brust zum Kopfende beträgt 1/6 der Körperlänge. Ebenso wie die Breite der Hüfte. (weiße Linien)

VI

Bei den markierten Endpunkten der auffälligen Strecke am Hals kann es sich aus anatomischer Sicht nicht um die Rotationspunkte der Arme handeln. Stattdessen konstruiert Leonardo für die Geometrie symbolische Winkel (weiße Linien).

VII

Das Gesicht lässt sich zwischen Kinn und Haaransatz in drei gleich große Bereiche teilen. Die Ohren befinden sich im mittleren Bereich und sind so hoch wie dieser

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Vitruvianischer Mensch

Leonardo da Vinci
um 1490
Feder und Tinte auf Papier
34,4 × 24,5 cm
Galleria dell’ Accademia, Venedig

Beschreibung

Ein Blatt Papier. In der Blattmitte eine Zeichnung. Gezeigt wird ein älterer nackter Mann mit lockigem Haar in Frontalansicht. Arme und Beine sind in jeweils zwei Ansichten dargestellt. Sie sind so angeordnet, dass die seitwärts ausgestreckten Arme und die Körperhöhe des Mannes ein Quadrat aufspannen.

Eine zweite Ansicht überlagert die erste. Sie zeigt die erhobenen Arme und die gespreizten Beine des Mannes. Der Bauchnabel bildet den Mittelpunkt eines Kreises, der den Mann vollständig umschließt. Dabei haben Mann, Kreis und Quadrat drei gemeinsame Punkte am Mittelfinger der erhobenen Hände, sowie am rechten Zeh. Auf dem Mann selbst sind weitere Striche zu sehen, die seinen Körper in Abschnitte unterteilen.

Unterhalb der Zeichung wird eine horizontale Linie gezeigt. Sie ist so breit wie das durch den Mann aufgespannte Quadrat und durch Querstriche symmetrisch unterteilt.

Oberhalb und unterhalb der Zeichnung befinden sich handschriftliche Notizen in italienischer Sprache. Die Texte sind in Spiegelschrift geschrieben. Der Autor hat im oberen Teil die Schrift um den Kreis herumgeführt. In der unteren rechten Ecke ist die Zeichnung mit "Lionardo da Vinci" signiert.

Das Blatt ist insgesamt gut erhalten, weist hier und da aber Flecken und Verfärbungen auf.

Leonardos Beschriftung – Der Originaltext

Der besseren Übersicht wegen wird Leonardos Text hier in Absätze unterteilt.

Oberhalb der Zeichnung

"Vitruv, der Architekt, sagt in seinem Werk über Architektur, dass die Maße des menschlichen Körpers von der Natur folgendermaßen verteilt werden:
4 Finger ergeben eine Handfläche,
4 Handflächen ergeben einen Fuß,
6 Handflächen ergeben eine Elle;
4 Ellen ergeben die Größe eines Menschen. Und
4 Ellen ergeben einen Schritt, und
24 Handflächen ergeben einen Mann;
und diese Maße verwendete er in seinen Gebäuden.

[Hier endet das Zitat und Leonardo beginnt mit eigenen Feststellungen]

Wenn du deine Beine so weit öffnest, dass sie deine Höhe um 1/14 verringern, und deine Arme ausbreitest und anhebst, bis deine Mittelfinger die Höhe deines Kopfes berühren, musst du wissen, dass der Mittelpunkt der ausgebreiteten Gliedmaßen im Nabel liegt und der Raum zwischen den Beinen ein gleichseitiges Dreieck ist."

Unterhalb der Zeichnung

"Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße.

Vom Haaransatz bis zur Unterseite des Kinns ist ein Zehntel der Körpergröße eines Mannes;

von der Unterseite des Kinns bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Achtel der Körpergröße;

von der Oberseite der Brust bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Sechstel der Körpergröße eines Mannes.

Vom Scheitel der Brust bis zu den Haarwurzeln ist der siebte Teil des ganzen Mannes.

Von den Brustwarzen bis zum Scheitel des Kopfes ist der vierte Teil eines Mannes.

Die größte Breite der Schultern enthält in sich den vierten Teil des Mannes.

Vom Ellbogen bis zur Handspitze ist der fünfte Teil des Menschen,

und vom Ellbogen bis zur Achselhöhle ist der achte Teil des Menschen.

Die ganze Hand ist der zehnte Teil des Mannes;

der Anfang der Genitalien markiert die Mitte des Mannes.

Der Fuß ist der siebte Teil des Mannes.

Von der Fußsohle bis unterhalb des Knies ist der vierte Teil des Mannes.

Von unterhalb des Knies bis zum Beginn der Genitalien ist der vierte Teil des Mannes.

Der Abstand von der Kinnunterseite bis zur Nase und vom Haaransatz bis zu den Augenbrauen ist jeweils derselbe und wie das Ohr ein Drittel des Gesichts."

Der antike Architekt Vitruv

Die Idee zu dieser Proportionsstudie stammt nicht von Leonardo selbst, sondern von dem antiken Architekten und Ingenieur Marcus Vitruvius Pollio, genannt Vitruv (um 80-70 v. Chr. bis ca. 15 n. Chr.).

Vitruvs Hauptwerk "Zehn Bücher über Architektur"

Über Vitruvs Leben ist kaum etwas bekannt. Einzig sein Werk "Zehn Bücher über Architektur" (De architectura libri decem) ist durch zahlreiche Abschriften erhalten geblieben. Es gilt heute als das einzig erhaltene Buch über Architektur und Bauingenieurwesen aus der Zeit der griechisch-römischen Antike. Dazu soll es nach Aussage Vitruvs, die bis dahin einzige Zusammenfassung der damaligen Baukunst gewesen sein. Es enthält ebenso einige wenige biografische Angaben des Autors.

Hauptsächlich befasst sich das Werk mit dem Städtebau, Materialienkunde und Wasserversorgung. Der Begriff Architekt war für Vitruv weiter gefasst. So gibt es auch zwei Kapitel zur Astronomie, Zeitmessung und Maschinenbau.

Der wohlgeformte Körper

Im dritten Kapitel, dem vom Tempelbau, führt Vitruv die Lehre vom wohlgeformten Körper ein (homo bene figuratus). Er erkannte in den menschlichen Proportionen kosmische Regeln, die auf alle menschlichen Werke, z.B. die Architektur übertragen werden sollten.

Er stellte fest, dass sich der Mittelpunkt des Körpers im Bauchnabel befindet, ebenso dass die Höhe des Menschen gleich seiner Breite mit seitwärts ausgestreckten Armen ist.

Die Grundeinheit von Vitruvs Proportionslehre war die Breite eines Fingers. Er legte darauf aufbauend die Regeln fest, auf die sich Leonardo mit seiner Zeichnung bezieht:

1 Fingerbreite = 1/96 der Gesamtgröße
1 Handbreite = 1/24 der Gesamtgröße
1 Handspanne = 1/8 der Gesamtgröße
1 Unterarm = 1/4 der Gesamtgröße
1 Fuß = 1/6 der Gesamtgröße

Die Angaben sind in Vitruvs Buch umfangreicher und werden hier nur auszugsweise wiedergegeben. Grundsätzlich übernimmt Vitruv das antike griechische Maßsystem, das ebenfalls auf der Fingerbreite (daktylos) als kleinste Maßeinheit beruht. Auch bei den antiken Griechen entsprachen 96 Fingerbreiten der Breite eines Mannes mit ausgestreckten Armen (orguia).

Wiederentdeckung während der Renaissance

Vitruvs Schriften wurden in der Renaissance vermehrt gelesen und rezipiert. Auch Leonardo besaß ein Exemplar und glich es mit den Ergebnissen seiner eigenen Proportionsstudien ab.

Die erhaltenen Ausgaben von Vitruvs Werk sind nicht illustriert, was zu verschiedenen visuellen Interpretationen des Vitruvianischen Modells geführt hat. Vor allem war unklar, wo der Mittelpunkt des den Menschen umspannenden Quadrats liegen soll. Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Auslegungen der Vitruv'schen Regeln wird die Qualität von Leonardos Beitrag klarer.

Leonardos Korrekturen

Leonardo weicht in einigen Details von Vitruvs Angaben ab. Grundsätzlich hält er sich zwar an die Fingerbreite als Grundeinheit und verwendet ebenfalls 96 Einheiten in Breite und Höhe. Doch die Breite der Hände legt er nicht auf 1/8, sondern verkürzt sie zu ästhetischeren 10/96. Analog die Länge des Fußes: Vitruv nennt 1/6 der Körpergröße, Leonardo verkürzt auf 1/7.

Insofern ist Leonardos Zeichnung keine bloße Illustration der Angaben Vitruvs, sondern eine kritische Rezeption, die sich nicht davor scheut, eigene Erkenntnisse aus anatomischen und mathematischen Studien einfließen zu lassen.

Entstehungszeit und Eigentümer

Über die Entstehungszeit des Blattes ist nichts bekannt. Ebenso gibt es keine zeitgenössischen Quellen, die dessen Existenz belegen. Die Autorschaft Leonardos gilt in der Fachwelt dennoch als unbestritten. Im Blickpunkt steht dabei ein Buch des Mathematikers Luca Pacioli. Leonardos vitruvianischer Mensch soll als Illustration für dieses Buch entstanden sein.

Luca Paciolis Vitruv Studien

Ebenso wie Leonardo beschäftigte sich der Mathematiker Luca Pacioli mit den menschlichen Proportionen und den Lehren von Vitruv. Luca Pacioli war ein Schüler des Ausnahmemalers Piero della Francesca, und später ein bedeutender Mathematiker. Er schrieb zahlreiche Abhandlungen über die Geometrie. Heute noch bedeutend ist Paciolis Buch über die doppelte Buchführung, das die erste vollständige Zusammenfassung dieser Methode darstellt. Auch eine Zusammenfassung der damals bekannten Algebra stammt von ihm.

Luca Pacioli mit einem Schueler, Jacopo de Barbari, um 1495
Luca Pacioli mit einem unbekannten Schueler, Jacopo de Barbari, um 1495
Leonardo war zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes etwa 43 Jahre alt, Pacioli sieben Jahre älter. Bei der gläsernen geometrischen Figur links oben handelt es sich um ein Kuboktaeder, rechts unten ist ein Dodekaeder abgebildet

Leonardos Zusammenarbeit mit Pacioli

Um 1498 wurde Luca Pacioli vom Mailänder Herzog Ludovico Sforza eingeladen. Leonardo hielt sich zur selben Zeit am Hof des Herzogs auf und so lernte er Luca Pacioli kennen. Sie begannen eine mehrjährige Zusammenarbeit, die über die zwei gemeinsamen Jahre in Mailand hinausging.

Unter anderem fertigte Leonardo für Paciolis geplantes Buch "Divina Proportione" ('Göttliche Proportion') 60 Zeichnungen geometrischer Körper an.

Paciolis Buch "Divina Proportione"

Pacioli vollendete sein später sehr einflussreiches Buch um 1498. Es wurden zunächst nur drei Manuskripte handgefertigt, die als besonders schöne Probeexemplare für adelige Geldgeber dienen sollten, eines ging an den Herzog von Mailand.

In dem Buch setzt sich Pacioli mit den Gesetzmäßigkeiten geometrischer Körper, dem Goldenen Schnitt und den Anwendungen in der Architektur auseinander. Außerdem übernimmt er in weiten Teilen Aufsätze seines Lehrmeisters Piero della Francesca und erläutert zahlreiche Stellen aus Vitruvs Hauptwerk "Zehn Bücher über Architektur". Unter anderem die Stelle, die auch von Leonardo auf dem Blatt mit dem Vitruvianischen Menschen zitiert wird.

Platons Idee vom Mikro- und Makrokosmos

Das zeigt, dass Leonardos Studienblatt nicht für sich allein zu betrachten ist, sondern das Blatt ist Teil einer breiten Ausseinandersetzung der damaligen Gelehrten mit den Ideen der antiken Vordenker, speziell denen des Gelehrten Platon.

Platon, Vitruv, Pacioli und auch Leonardo waren der Auffassung, dass alle natürlichen Formen auf einfache geometrische Proportionen zurückzuführen seien. Ganz gleich, ob es sich dabei um die Größenverhältnisse der Planeten, oder die Länge ihrer Umlaufbahnen handelte (Makrokosmos). Oder ob es um die mannigfaltigen Formen von Pflanzenblüten, Insektenkörpern bis hin zu den kleinsten Teilen, den Atomen ging (Mikrokosmos). Und alle diese Proportionen waren der antiken Lehre nach in größtmöglicher Harmonie angelegt. Ganzzahlige Proportionen wie Hälften, Viertel und Achtel waren ebenso Teil der Erklärung der Naturgesetze, wie irrationale Zahlenverhältnisse wie die Kreiszahl Pi, der goldene Schnitt oder die Wurzel aus 2 (heute bekannt als Din A4 Format).

Der Mensch, als Teil der Natur, war nach damaliger Vorstellung ebenfalls in harmonischen Proportionen angelegt. Auch wenn Menschen durch geringe Abweichungen verschieden aussehen, sind sie im Mittel doch von gleicher Gestalt. So wie ein Pferd durch seine Proportionen eindeutig erkannt werden kann, wird auch das Aussehen einer Katze oder eines Sperlings durch die Proportionen der Glieder ihrer Körper bestimmt. Die am Menschen erkennbaren Proportionen sollten dann Vitruv zufolge auf alle architektonischen Entwürfe übertragen werden.

Leonardo war mit der antiken Vorstellung eines harmonisch proportionierten Universums vollkommen vertraut und zeigte dies stets in seinen Gemälden. Dass sein Vitruvianischer Mensch in überarbeiteter Form (d.h. ohne handschriftliche Erläuterungen) Teil von Luca Paciolis Buch "Divina Proportione" werden sollte, ist denkbar, lässt sich jedoch nicht belegen. Leonardos Zeichnung hätte Paciolis Ausführungen zu Vitruvs Proportionslehre sicher gut ergänzt.

Weitere Proportionsstudien

Der Vitruvianische Mensch ist nicht die einzige Proportionsstudie von Leonardo da Vinci. Wie seine Notizbücher zeigen, hat er sich öfters mit dem Thema beschäftigt.

Vitruvianischer Mensch Bildanalyse – vorbereitende Proportionsstudie
Vorstudie zum Vitruvianischen Mensch, Leonardo da Vinci zugeschrieben
Leonardo zeigt hier, dass die Höhe eines knienden Menschen um 1/4 verkürzt ist. Ebenso bei einem sitzenden Menschen, da der Abstand vom Fuß bis zum Knie (kniender Mensch) oder vom Knie bis zur Hüfte (sitzender Mensch) ein Viertel der Körperhöhe beträgt

Im Besitz von Francesco Melzi

Es wird vermutet, dass der Vitruvianische Mensch nach Leonardos Tod in den Besitz seines Schülers Francesco Melzi (1491-1570) überging. Melzi begleitete Leonardo bis zu dessen Tod und wurde dann der von ihm bestimmte Vollstrecker seines Testaments. Er begann die zahlreichen Schriften, Codices genannt, thematisch zu sortieren. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist Leonardos "Buch von der Malerei". Nach Melzis Tod verstreuten sich die Codices in ganz Europa. Dabei nahmen sie großen Schaden. Manche wurden in einzelne Seiten zerlegt, teilweise wurden selbst die einzelnen Blätter noch weiter zerschnitten. Auch gingen viele Skizzenblätter verloren. Experten schätzen den ursprünglichen Umfang der Codices auf 20.000 Seiten, von denen heute aber nur noch ca. 6.000 erhalten sind.

Im Besitz von Giuseppe Bossi

Was heute über den Verbleib des Vitruvianischen Menschen bekannt ist, stammt aus dem Tagebuch des italienischen Künstlers Giuseppe Bossi (1777-1815). Bossi schrieb in sein Tagebuch, er hätte das Blatt 1807, neben vielen anderen Leonardo Zeichnungen, von der Familie de Pagave erworben. Diese ihrerseits hätte die Zeichnungen von der Gräfin Anna Luisa Monti, Erbin des Kardinals Cesare Monti (1594-1650), erhalten. Über Bossis Aussagen hinaus lässt sich die Herkunft des Blattes nicht mit Quellen belegen.

Bossis Bedeutung für die Kunstgeschichte

Bossi war selbst ein berühmter Maler, der diverse Aufträge für die napoleonischen Besatzer Italiens ausführte. Unter anderem war er der künstlerische Leiter bei der Anfertigung einer Kopie des berühmten Abendmahls von Leonardo.

Bossi war daneben auch Kunstsammler. Vor allem interessierte er sich für die Werke der Renaissance und im speziellen für Leonardo, Raffael und Michelangelo. Er war außerdem daran beteiligt, die berühmten Künstlerviten Giorgio Vasaris zu verlegen. Die darin enthaltene Biografie Leonardos ist heute eine der ältesten Quellen für die Leonardo Forschung.

Bossi ist nicht unumstritten, da er für diverse Kunstfälschungen verantwortlich sein soll. So sollen zahlreiche Zeichnungen, die heute als Leonardo oder Raffael Zeichnungen gelten, eigentlich von ihm stammen.

Bossi starb 1815, dem Jahr von Napoleons finaler Abdankung, im Alter von nur 37 Jahren an Tuberkulose.

Im Besitz der Galleria dell’ Accademia

Nach Bossis Tod wurde das Blatt zunächst von seinen Erben versteigert. Sieben Jahre später, im Jahr 1822, erwarb es der Vizekönig des unter österreichischer Herrschaft stehenden Königreichs Lombardo-Venetien. Seitdem befindet es sich in der Galleria dell’ Accademia in Venedig.

Das Blatt wird aus Konservierungsgründen nur selten öffentlich gezeigt.

Bedeutung - Winkel, Form und Proportion

Der vitruvianische Mensch ist eine Veranschaulichung der menschlichen Proportionen, d.h. er zeigt die geometrischen Beziehungen seiner äußeren Glieder.

Der Maßstab

Die Strecke unter der Zeichnung funktioniert als Maßstab für die Proportionen des Vitruvianischen Menschen. Aus dessen Unterteilungen sind die Proportionen der darüberliegenden Zeichnung hervorgegangen.

Der Maßstab ist in 96 gleichgroße Einheiten unterteilt, die der Breite eines Fingers entsprechen. Die Einteilung nimmt damit Bezug auf das das antike griechische Maßsystem, das ebenfalls auf der Fingerbreite (daktylos) als kleinste Maßeinheit beruhte. 96 Fingerbreiten entsprachen der Breite eines Mannes mit ausgestreckten Armen (orguia).

Der Maßstab ist in der Mitte symmetrisch gespiegelt, so dass die Striche links und rechts den zur Zeit der Renaissance üblichen Längeneinheiten am Unterarm entsprechen

  • die kleinste Einheit ist die Breite eines Fingers (ganz links)
  • vier Fingerbreiten sind die Breite einer Handfläche (ohne Daumen)
  • sechs Handflächen ergeben eine Elle

Eine Elle (ital. 'Braccio') war ein mittelalterliches Längenmaß. Es meinte die Länge vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen. Im Mittelalter wurde, wie in der Antike, mit normierten Körpereinheiten gemessen. Im englischsprachigen Raum werden auch heute noch Entfernungen mit Fuß (engl. 'feet') angegeben.

I Der Umkreis

Leonardo lässt den Mann so die Arme heben, dass seine Mittelfinger eine horizontale Linie mit der Kopfhöhe des Mannes bilden (obere weiße Horizontale).

  • "Wenn du deine Beine so weit öffnest, dass sie deine Höhe um 1/14 verringern, und deine Arme ausbreitest und anhebst, bis deine Mittelfinger die Höhe deines Kopfes berühren, musst du wissen, dass der Mittelpunkt der ausgebreiteten Gliedmaßen im Nabel liegt [...]"

Der Mittelpunkt des Umkreises liegt im Bauchnabel (blauer Punkt).

Die Siebtel

Die Füße werden um 1/14 der Körperhöhe angehoben (untere weiße Horizontale), also der Hälfte von 1/7.

  • "Vom Scheitel der Brust bis zu den Haarwurzeln ist der siebte Teil des ganzen Mannes"
  • "Der Fuß ist der siebte Teil des Mannes"

Die Linien der Siebtel sind rot hervorgehoben.

Das gleichseitige Dreieck

  • "Wenn du deine Beine so weit öffnest, [...] musst du wissen, dass [...] der Raum zwischen den Beinen ein gleichseitiges Dreieck ist"

Die gespreizten Beine des Mannes bilden annähernd ein gleichseitiges Dreieck.

Leonardo weicht in der Zeichnung zweimal vom Text ab. Die Füße befinden sich nicht auf der gleichen Höhe, da das rechte Bein um ca. 5° nach innen gezogen wurde. Dadurch ist die Höhe dieses Fußes nicht um 1/14 verringert (untere weiße Linie).

Da das rechte Bein nach innen gezogen wurde, ist der Raum zwischen den Beinen nicht symmetrisch. Es entsteht somit kein gleichseitiges Dreieck. Dafür müsste das rechte Bein weiter oben sein. Der Vergleich wird bei Mouseover deutlich. Warum Leonardo in diesen Details vom Text abwich, ist unbekannt.

Die Siebtel lassen sich nicht auf den Maßstab übertragen, da 96 Fingerbreiten nicht ohne Rest durch 7 teilbar sind. Das gilt entsprechend für 14. 

II Die Viertel

Das Quadrat um den Mann ist der Ausgangspunkt einer stetigen Unterteilung durch Halbierungen

Das Quadrat

  • "Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße"

Der Satz ist der bekannteste des Blattes. Er dient als Überschrift des Textes im unteren Teil.

Die Hälfte

Das Quadrat um den Mann wird horizontal in zwei Hälften geteilt

  • "der Anfang der Genitalien markiert die Mitte des Mannes"

Die Viertel

Die Hälfte des umgebenden Quadrats wird erneut halbiert, so dass Viertel entstehen

  • "Von den Brustwarzen bis zum Scheitel des Kopfes ist der vierte Teil eines Mannes"
  • "Die größte Breite der Schultern enthält in sich den vierten Teil des Mannes"
  • "Von der Fußsohle bis unterhalb des Knies ist der vierte Teil des Mannes"
  • "Von unterhalb des Knies bis zum Beginn der Genitalien ist der vierte Teil des Mannes"

Leonardo hat die Viertelungen durch Striche auf dem Vitruvianischen Mann sichtbar gemacht (blaue Linien). Sie unterstreichen so die von Leonardo im Text gemachten Feststellungen.

Die Achtel

Die Viertel lassen sich zu Achteln halbieren, die um den Kopf herum auftreten (rote Linien).

  • "vom Ellbogen bis zur Achselhöhle ist der achte Teil des Menschen"
  • "von der Unterseite des Kinns bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Achtel der Körpergröße"

Bezug zum Maßstab

Die stetige Teilung der Seitenlänge des Quadrats durch 2 lässt sich direkt auf den Maßstab unterhalb der Zeichung übertragen. Die blaue Linie zeigt die Hälfte, links und rechts davon die Viertel und würden diese geteilt werden, wären es die Achtel bzw. die Breite von drei Handflächen. Diese Proportion wird 1:2 bzw. 2:1 genannt.

An dieser Stelle fällt auf, dass die Zeichnung drei Fehldarstellungen enthält.

  • Leonardo schreibt: "Vom Ellbogen bis zur Handspitze ist der fünfte Teil des Menschen". Doch zeichnet er davon abweichend den Abstand von Ellbogen bis zur Handspitze als ein Viertel ein (blaue Linie am Ellbogen).
  • der Abstand von Ellbogen zur Achselhöhle an beiden Armen ist nicht exakt gleich. Er ist auf der linken Seite etwas kürzer als auf der rechten (Mouseover, grüne Linie). Dadurch ist das Quadrat um den Kopf (Ein Viertel des Mannes) insgesamt leicht nach links gerückt. Der Strich am linken Ellenbogen ist auch leicht nach links gerückt
  • die linke und rechte Seite des umgebenden Quadrats neigen sich nach oben hin um etwa 0,3° zur Mitte (Mouseover, rote Linien). Dadurch wirkt das umgebende Quadrat, als sei es perspektivisch leicht nach hinten bzw. nach vorn gekippt. Es kann sich nicht um einen Fehler der digitalen Kopie handeln, da der umgebende Kreis im Gegensatz exakt rund ist.

Warum Leonardo genau diese Linien nicht so exakt zeichnet wie die übrigen, ist unbekannt.

III Goldener Schnitt

Im begleitenden Text erwähnt Leonardo den Goldenen Schnitt nicht, obwohl es sich um eine wichtige Erkenntnis aus der Zeichnung handelt.

Der vertikale Goldene Schnitt

  • der Mittelpunkt des umgebenden Kreises liegt sehr genau auf der Höhe des Goldenen Schnitts des Quadrats, also im Bauchnabel (blauer Punkt)

Weiterhin lässt sich durch stetige Teilung der Körperhöhe nach dem goldenen Schnitt feststellen, dass die Proportionen des Menschen sich mit dem goldenen Schnitt abbilden lassen (Mouseover).

 

Der horizontale goldene Schnitt

Der goldene Schnitt lässt sich am vitruvianischen Menschen nicht nur in der Körperhöhe zeigen, sondern auch in der Körperbreite.

  • die Achselhöhle liegt im Goldenen Schnitt der Körperbreite mit ausgestreckten Armen (dunkelblaue Linie an rechter Schulter bzw. obere Horizontale am Bauchnabel)
  • Wird eine Elle nach dem goldenen Schnitt geteilt, markiert der Goldene Schnitt den Übergang von Arm und Hand (rechte blaue und orange Fläche)
  • die Länge eines Daumens teilt die Länge der Hand ebenfalls im goldenen Schnitt (rechte und linke, blau/orange Linie)

Es ist unklar, inwieweit es in Leonardos Absicht lag, den Goldenen Schnitt aufzuzeigen, da er seine Markierungen stets nur ungefähr trifft, mehr oder weniger präzise. Einzig der Bauchnabel ist wirklich exakt im Goldenen Schnitt der Körperhöhe positioniert. 

Da die linke Schulter leicht nach links verschoben ist (grüne Linie), befindet sich der Schulterstrich dort nicht im goldenen Schnitt der Breite der umgebenden Quadrats (untere Horizontale am Bauchnabel). Außerdem wird der Übergang von Hand und Arm auf der linken Seite nur sehr ungefähr im goldenen Schnitt geteilt (schwarz/weiße Fläche). Die Länge das Daumens befindet sich hier jedoch wie auf der rechten Seite im goldenen Schnitt der Länge der Hand.

Es lässt sich feststellen, dass Leonardo, wenn überhaupt, den goldenen Schnitt auf der rechten Seite mit größerer Genauigkeit festlegte, als auf der linken Seite. Unterarme und der Bereich zwischen den Achselhöhlen sind dem geometrischen Schema nach gleich lang: 1 Elle auf dem Maßstab.

IV Die Hände

Die horizontal gehaltenen Arme sind an den Handwurzeln mit Längsstrichen markiert (schwarze und weiße Flächen).

  • "die ganze Hand ist der zehnte Teil des Mannes"
  • "Vom Haaransatz bis zur Unterseite des Kinns ist ein Zehntel der Körpergröße eines Mannes"

Daraus ergibt sich, dass eine Hand so lang ist, wie das Gesicht hoch ist (schwarze und weiße Linien im Gesicht). Wird die Breite von zwei Händen auf den unteren Maßstab übertragen, beträgt sie genau 5/6 einer Elle.

Es zeigt sich nun, dass sich die Längsstriche an den Händen nicht auf den goldenen Schnitt des Unterarms bezogen haben, sondern auf die Länge der Hände, denn hier ist der Länge nun exakt gleich, da nicht vom Ellenbogen aus sondern vom Rand des Quadrats her gemessen wird. 

Allerdings weicht Leonardo erneut vom beschreibenden Text ab. Er schreibt zwar die Hände seien "der zehnte Teil des Mannes", eingezeichnet hat er die Länge der Hand aber jeweils mit 10 von 96 Fingerbreiten, wie am Maßstab abgelesen werden kann (schwarze und weiße Linie entsprechen einer Handlänge, bzw. der des Gesichts).
Leonardo hat also gerundet, als er vom zehnten Teil sprach: 10 von 96 entsprechen 10/96 = 9,6 (~10).

V Körperhöhe zum Quadrat

Direkt unter dem Maßstab der Zeichnung, befindet sich dieser Satz, durch Zentrierung hervorgehoben:

  • "Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße"

Die größte Breite, die ein Mensch mit den Armen aufspannen kann, befindet sich auf der Höhe der Mittelfinger, denn sie sind die längsten Finger. Beide Mittelfinger der horizontalen Arme bilden an der Oberseite der Brust eine Linie. Der Abstand dieser Linie nach oben unterliegt ebenfalls einer Proportion

  • "Von der Oberseite der Brust bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Sechstel der Körpergröße eines Mannes"

Der Abstand dieser Linie zum Kopfende hat dieselbe Länge, wie die Breite der Hüfte (weiße Linien) und zeigt auf dem unteren Maßstab 4/6 einer Elle.

VI Rotationspunkte der Arme

Auf derselben Höhe der durch die Mittelfinger aufgespannten Linie befindet sich eine Linie unterhalb des Kinns (blaue Horizontale). Diese ist durch zwei Endpunkte markiert (blaue Punkte an Horizontale). Die Länge der Linie auf dem Maßstab beträgt 3/6 einer Elle.

Die Endpunkte könnten den Rotationspunkt der Arme zeigen, wären dann aber anatomisch falsch. Arme drehen sich in dem Fall am Schultergelenk, doch dafür befinden sich die Punkte zu weit innen. Leonardo musste das aufgrund seiner anatomischen Studien wissen und hat daher vermutlich keine Rotationspunkte eingezeichnet.

Symbolische Winkel

  • Von den beiden Endpunkten der blauen Horizontale führen zwei Linien im 22,5° Winkel zu den Mittelfingern der erhobenen Arme
  • von der Mitte des Quadrats führt wiederum ein 22,5° Winkel zu der linken Schulter nach unten (linke weiße Linie)
  • ein 72° Winkel von der rechten Schulter nach oben

Der 22,5° Winkel entsteht durch Winkelteilung eines 45° Winkels, welcher wiederum durch Winkelteilung eines 90° Winkels entsteht. 90°, 45° und 22,5° sind die Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen 16-, 8- und 4-Ecks (also eines Quadrats).

Der 72° Winkel ist der Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen 5-Ecks, das nur in Kenntnis des goldenen Schnitts konstruiert werden kann.

Goldener Schnitt und rechter Winkel bzw. ihre direkten Abwandlungen besitzen in der klassischen Geometrie einen hohen symbolischen Wert. Es ist daher nicht zufällig, dass Leonardo gerade diese Winkel um den Kopf herum betont. 

In der Bildkonstruktion seiner Gemälde hat Leonardo fast ausschließlich den goldenen Schnitt (72°), Quadrat (90° Winkel) und gleichseitiges Dreieck (60°) bzw. deren direkte Abwandlungen kombiniert, so auch hier. Es fehlt noch der 60° Winkel, also der Innenwinkel eines gleichseitigen Dreiecks. Dieses soll sich laut Begleittext zwischen den Beinen des Mannes aufspannen, jedoch weichen die Winkel um 5° ab (I + Mouseover).

Vermeintliche Disharmonie der geometrischen Beziehungen ist typisch für die Kunst Leonardos, und dient der Spannungserzeugung beim Nachvollziehen seiner Werke. Die Gemälde führen auf diese Weise von einer Erkenntnis zur nächsten, solange, bis sich ein finales harmonisches Schlussbild als Summe aller Teile ergibt. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass sich auch in diesem Werk eine weitere bisher noch unbekannte Ebene verbirgt.

VII Das Gesicht

  • "Der Abstand von der Kinnunterseite bis zur Nase und vom Haaransatz bis zu den Augenbrauen ist jeweils derselbe und wie das Ohr ein Drittel des Gesichts"

Das Gesicht lässt sich demnach dritteln (weiße Fläche). Zwischen Augenbrauen und Nasenspitze befinden sich die Ohren.

Ein Drittel des Gesichts lässt sich, wie oben die Siebtel, nicht ohne Rest auf den Maßstab übertragen: Das Gesicht hat die Länge von 1/10 der Körperhöhe des Mannes = 10/96, oder 10 Fingerbreiten (kleinste Einheit des Maßstabs). Sollen die 10 Fingerbreiten nun durch drei geteilt werden, verbliebe eine Fingerbreite als Rest. Es ist genau die Breite, um die das umgebende Quadrat nach oben verjüngt ist.

Die Quadratur des Kreises

Die Möglichkeit der Quadratur des Kreises, also die Konstruktion von einem Quadrat aus einem Kreis mit demselben Flächeninhalt war seit der Antike eine häufig untersuchtes Thema in der Geometrie. Nach der klassischen euklidischen Lehre durfte dies nur unter Zuhilfenahme von einem unmarkierten Lineal und einem Zirkel durchgeführt werden. Es ist kein Fall bekannt, in dem das gelungen wäre. Es kam dabei lediglich zu Näherungskonstruktionen. 1882 wurde dann auch die Unmöglichkeit dieser Konstruktion durch den Mathematiker Ferdinand von Lindemann bewiesen.

Handelt es sich bei dem vitruvianischen Mann um eine versteckte Konstruktionsskizze zur Quadratur des Kreises?

Zahlreiche Notizen und geometrische Zeichnungen belegen, dass Leonardo sich mit der Quadratur des Kreises beschäftigt hat. Das Zitat am Anfang dieser Seite ist dafür nur ein Beispiel von vielen.

Die Ursache für die Annahme Leonardo hätte im vitruvianischen Mann eine Näherungskonstruktion für eine Quadratur des Kreises aufgezeigt, liegt wohl an seiner vielzitierten Freude am Erstellen von Rätseln und versteckten Botschaften, die sich unter anderem auch in seinen Gemälden wiederfindet. Und vermutlich an der prominenten Bedeutung von Kreis und Quadrat auf diesem Studienblatt.

Nach dieser Theorie hat Leonardo die Quadratur des Kreises folgendermaßen vorgeschlagen.

Coming soon

Historische Bedeutung

Das Blatt wurde erstmals im Jahr 1784 von Carlo Giuseppe Gerli gestochen und in dem Werk "Disegni di Leonardo da Vinci" veröffentlicht. Seitdem war es der breiten Öffentlichkeit zwar zugänglich, aber nur im kunstakademischen Umfeld bekannt.

Studienobjekt für Künstler

Vor allem Maler nutzten das Blatt, um zu lernen, Menschen nach dem Gedächtnis zu malen. Denn wenn allen Menschen dieselben Proportionen zu Grunde liegen und sie sich nur in ihrer Abweichung davon unterscheiden, reicht es aus, sich nur die Abweichung vom vitruvianischen Ideal zu merken, z.B. die etwas breitere Nase, etwas längere Arme oder etwas kürzere Beine. Eine so entstandene Zeichnung auf Basis allgemeingültiger Proportionen wird große Ähnlichkeit mit dem Original aufweisen, auch wenn die Figur nicht direkt Modell stand. Das ist es dann auch, was Leonardo in seinem "Schriften zur Malerei" vorschlägt und am Beispiel von Nasen erläutert. Vermutlich sind die Gesichtzüge der Figuren in seinem Gemälde "Das letzte Abendmahl" nach diesem Verfahren entstanden.

Die Wiederentdeckung Leonardos in der Moderne

Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Popularisierung des Gesamtwerks von Leonardo da Vinci. Ursache war zunächst das mediale Aufsehen, das der Diebstahl der Mona Lisa 1911 verursachte. In der Folge begann die Öffentlichkeit Leonardo nicht nur als Maler wahrzunehmen, sondern sich mehr und mehr auch für die wissenschaftlich-technischen Aspekte in Leonardos Schaffen zu interessieren.

Mussolinis Leonardo

Von internationaler Bedeutung war in diesem Zusammenhang eine 1939 vom faschistischen Italien unter dem Diktator Benito Mussolini ausgerichtete internationale Ausstellung über das Universalgenie Leonardo da Vinci, in welcher vor allem Leonardos ingenieurtechnisches Schaffen in den Mittelpunkt gerückt wurde. Mussolini lag viel daran, den Italiener Leonardo als ursprünglichen Erfinder des modernen Panzers, des Automobils, sowie des U-Boots hervorzuheben, außerdem seine Ideen zum Einsatz ballistischer Waffen.

Der Vitruvianische Mann wurde dort ebenfalls ausgestellt und erlangte in der Folge wegen seiner einfachen und klaren Formensprache, dem auf das Wesentliche reduzierten Stil und dem universalen Anspruch auf die Darstellung eines scheinbar ewig geltenden ästhetischen Prinzips eine zunehmende Rezeption in der Öffentlichkeit.

Le Corbusiers Modulor

Die Proportionsstudien des Vitruvianischen Mannes wurden in den 1940er Jahren von dem bedeutenden Bauhaus-Achitekten Le Corbusier aufgegriffen. Dieser erschuf darauf aufbauend ein eigenes Proportionssystem, den Modulor, den er in den meisten seiner Bauten verwendete.

Aktuelle Verwendung

Heute befindet sich der Vitruvianische Mann symbolträchtig auf jeder deutschen Krankenversicherungskarte, den italienischen 1 Euro Münzen und war bzw. ist Symbol für zahlreiche wissenschaftliche Projekte, zum Beispiel die Skylab 3 Mission der NASA.

Das größte Vergnügen ist die Erkenntnis

Leonardo da Vinci

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Quellen

Website des ausstellenden Museums: Galleria dell’ Accademia, Venedig

Frank Zöllner, Leonardo, Taschen (2019)

Martin Kemp, Leonardo, C.H. Beck (2008)

Charles Niccholl, Leonardo da Vinci: Die Biographie, Fischer (2019)

Johannes Itten, Bildanalysen, Ravensburger (1988)

Frank Zöllner/ Johannes Nathan, Leonardo da Vinci - Sämtliche Zeichnungen, Taschen (2019)

Besonders empfehlenswert

Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch – Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten, Schirmer/ Mosel (2019)

Leonardo da Vinci, Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, Schirmer/ Mosel (2011)

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