Vitruvianischer Mensch – Keyvisual

Vitruvianischer Mensch

Was ist der Vitruvianische Mensch?

Der vitruvianische Mensch ist eine Zeichnung von Leonardo da Vinci. Sie zeigt zwei übereinandergelagerte Ansichten eines Mannes, die jeweils in einen Kreis bzw. ein Quadrat eingefasst sind. Die Zeichnung befindet sich heute im Museum Galleria dell’ Accademia in Venedig und wird aus Konservierungsgründen nur selten öffentlich ausgestellt.

Das Studienblatt bezieht sich auf eine Beschreibung der idealen Proportionen des Menschen in dem Werk "Zehn Bücher über Architektur" des antiken Architekten Vitruv (1. Jh. v. Chr.). Die "Zehn Bücher über Architektur" sind das einzige aus der Antike erhaltene Buch über Architektur. Da das Werk ohne Abbildungen überliefert wurde, war lange Zeit unklar, wie sich Vitruv die idealen Proportionen eines Menschen vorstellte. Leonardo war der erste, dem es gelang, Vitruvs Beschreibung so zu illustrieren, dass alle von Vitruv genannten Regeln sich in der Zeichnung wiederfinden.

Welche Bedeutung hat der Vitruvianische Mensch?

Der Vitruvianische Mensch hat hauptsächlich eine architekturtheoretische Bedeutung. Die Zeichnung illustriert dabei die antike Erkenntnis, dass die Maße der einzelnen Glieder eines Menschen mathematischen Gesetzmäßigkeiten folgen. Daher sollten auch von Menschen errichtete Bauwerke so wohlproportioniert und durchdacht sein, wie der Mensch selbst. Weil Leonardos Skizze Kreis und Quadrat in einer Darstellung vereint, wird die Zeichnung auch in einen spirituellen Zusammenhang gebracht. Der Kreis ist dann ein Symbol für Weiblichkeit, das Quadrat ein Symbol für Männlichkeit. Außerdem soll Leonardo in der Zeichnung eine Lösung zu einem alten mathematischen Problem versteckt haben, der Quadratur des Kreises.

Insgesamt demonstriert der Vitruvianische Mensch die antike Ansicht, nach der alle Menschen aus denselben Proportionen zusammengesetzt sind, und sich nur in ihrer Abweichung darin voneinander unterscheiden. So haben einige Menschen z.B. etwas längere Arme oder etwas kürzere Beine, doch im Mittel zeigen alle Menschen die von Vitruv festgestellten Proportionen. Daher entsprachen bis zur Einführung des Meters die früheren Maßeinheiten den genormten Längen bestimmter Körperteile. Zum Beispiel gab es die Maßeinheit 1 Elle (vom Ellbogen bis zur Fingerspitze) oder auch den noch heute im englischen Sprachraum verwendeten 1 Foot (Fußlänge).

Denn es kann kein Tempel ohne Symmetrie und Proportion in seiner Anlage gerechtfertigt werden, wenn er nicht, einem wohlgeformten Menschen gleich, ein genau durchgeführtes Gliederungsgesetz in sich trägt.

Vitruv aus "Zehn Bücher über Architektur", 3. Buch, 1. Kapitel
Vitruvianischer Mensch – Leonardo da Vinci

Leonardo da Vincis Gemälde können nicht ohne Untersuchung der Bildgeometrie verstanden werden

I

Der Mittelpunkt des Kreises ist der Bauchnabel. Die gespreizten Beine sind um 1/14 der Körperhöhe angehoben und bilden ein gleichseitiges Dreieck (Mouseover). Der Fuß ist 1/7 des Mannes, ebenso der Abstand vom Scheitel der Brust zum Haaransatz (rote Linien)

II

Die Glieder des Menschen lassen sich in Viertel der Körperhöhe einteilen (blaue Linien). Und ebenso in Achtel (rote Linien).

III

Die Länge der Hände beträgt 1/10 der Körperhöhe. Eine Hand ist demnach so groß wie ein Gesicht vom Kinn zum Haaransatz (ebenfalls 1/10).

IV

Der Körper ist so hoch wie ein Mensch mit ausgesteckten Armen breit ist. Der Abstand vom Scheitel der Brust zum Kopfende beträgt 1/6 der Körperlänge. Ebenso wie die Breite der Hüfte. (weiße Linien)

V

Bei den markierten Endpunkten der auffälligen Strecke am Hals kann es sich aus anatomischer Sicht nicht um die Rotationspunkte der Arme handeln. Stattdessen konstruiert Leonardo für die Geometrie symbolische Winkel (weiße Linien).

VI

Das Gesicht lässt sich zwischen Kinn und Haaransatz in drei gleich große Bereiche teilen. Die Ohren befinden sich im mittleren Bereich und sind so hoch wie dieser

A

Der Mittelpunkt des Kreises befindet sich im Nabel, der Mittelpunkt des Quadrats am Geschlecht

B

Der goldene Schnitt der Höhe des Quadrats liegt am Bauchnabel. Außerdem lässt sich der goldene Schnitt in den Proportionen des Unterarms und des Oberkörpers zeigen (Mouseover)

C

Auf Basis eines Sechstels des Quadrats kann ein Kreis konstruiert werden, dessen Flächeninhalt annähernd so groß ist, wie der Flächeninhalt des Quadrats (Mouseover). Diese sehr einfache Annäherungskonstruktion zur Quadratur des Kreises weicht um lediglich 3% vom tatsächlichen Flächeninhalt ab. Das macht diese Konstruktion für Maler interessant, für Mathematiker hingegen ist sie ungenau

x

Vitruvianischer Mensch

Leonardo da Vinci
um 1490
Feder und Tinte auf Papier
34,4 × 24,5 cm
Galleria dell’ Accademia, Venedig

Beschreibung

Ein Blatt Papier. In der Blattmitte eine Zeichnung. Gezeigt wird ein älterer nackter Mann mit lockigem Haar in Frontalansicht. Arme und Beine sind in jeweils zwei Ansichten dargestellt. Sie sind so angeordnet, dass die seitwärts ausgestreckten Arme und die Körperhöhe des Mannes ein Quadrat aufspannen.

Eine zweite Ansicht überlagert die erste. Sie zeigt die erhobenen Arme und die gespreizten Beine des Mannes. Der Bauchnabel bildet den Mittelpunkt eines Kreises, der den Mann vollständig umschließt. Dabei haben Mann, Kreis und Quadrat drei gemeinsame Punkte am Mittelfinger der erhobenen Hände, sowie am rechten Zeh. Auf dem Mann selbst sind weitere Striche zu sehen, die seinen Körper in Abschnitte unterteilen.

Unterhalb der Zeichung wird eine horizontale Linie gezeigt. Sie ist so breit wie das durch den Mann aufgespannte Quadrat und durch Querstriche symmetrisch unterteilt.

Oberhalb und unterhalb der Zeichnung befinden sich handschriftliche Notizen in italienischer Sprache. Die Texte sind in Spiegelschrift geschrieben. Der Autor hat im oberen Teil die Schrift um den Kreis herumgeführt. In der unteren rechten Ecke ist die Zeichnung mit "Lionardo da Vinci" signiert.

Das Blatt ist insgesamt gut erhalten, weist hier und da aber Flecken und Verfärbungen auf.

Leonardos Beschriftung – Der Originaltext

Der besseren Übersicht wegen wird Leonardos Text hier in Absätze unterteilt.

Oberhalb der Zeichnung

"Vitruv, der Architekt, sagt in seinem Werk über Architektur, dass die Maße des menschlichen Körpers von der Natur folgendermaßen verteilt werden:
4 Finger ergeben eine Handfläche,
4 Handflächen ergeben einen Fuß,
6 Handflächen ergeben eine Elle;
4 Ellen ergeben die Größe eines Menschen. Und
4 Ellen ergeben einen Schritt, und
24 Handflächen ergeben einen Mann;
und diese Maße verwendete er in seinen Gebäuden.

Wenn du deine Beine so weit öffnest, dass sie deine Höhe um 1/14 verringern, und deine Arme ausbreitest und anhebst, bis deine Mittelfinger die Höhe deines Kopfes berühren, musst du wissen, dass der Mittelpunkt der ausgebreiteten Gliedmaßen im Nabel liegt und der Raum zwischen den Beinen ein gleichseitiges Dreieck ist."

Unterhalb der Zeichnung

"Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße.

Vom Haaransatz bis zur Unterseite des Kinns ist ein Zehntel der Körpergröße eines Mannes;

von der Unterseite des Kinns bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Achtel der Körpergröße;

von der Oberseite der Brust bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Sechstel der Körpergröße eines Mannes.

Vom Scheitel der Brust bis zu den Haarwurzeln ist der siebte Teil des ganzen Mannes.

Von den Brustwarzen bis zum Scheitel des Kopfes ist der vierte Teil eines Mannes.

Die größte Breite der Schultern enthält in sich den vierten Teil des Mannes.

Vom Ellbogen bis zur Handspitze ist der fünfte Teil des Menschen,

und vom Ellbogen bis zur Achselhöhle ist der achte Teil des Menschen.

Die ganze Hand ist der zehnte Teil des Mannes;

der Anfang der Genitalien markiert die Mitte des Mannes.

Der Fuß ist der siebte Teil des Mannes.

Von der Fußsohle bis unterhalb des Knies ist der vierte Teil des Mannes.

Von unterhalb des Knies bis zum Beginn der Genitalien ist der vierte Teil des Mannes.

Der Abstand von der Kinnunterseite bis zur Nase und vom Haaransatz bis zu den Augenbrauen ist jeweils derselbe und wie das Ohr ein Drittel des Gesichts."

Leonardo zitiert Vitruv

Leonardos begleitender Text zu der Zeichnung ist eine Zusammenfassung des ersten Kapitels vom dritten Buch aus "Zehn Bücher über Architektur", das der antike Architekt Vitruv zu Beginn der römischen Kaiserzeit verfasst hat (um 30 v. Chr.). Der vollständige Text des Kapitels befindet sich am Ende dieser Seite.

Die von Leonardo anfangs zitierten Maßeinheiten für Finger, Handfläche, Elle usw. entsprechen den Maßeinheiten im antiken Griechenland, die auch Vitruv verwendete. Alle Maße beruhten auf der Fingerbreite (1 Daktylos), der kleinsten Maßeinheit.

Eine Fingerbreite ist als “1 Inch” (dt. "1 Zoll", 2,5cm), ebenso wie “1 Foot” (dt. 1 Fuß = 12 Inches = 30cm) auch heute noch die Grundlage des Maßsystems im anglo-amerikanischen Sprachraum. Die genaue Länge von einer Fingerbreite in Zentimetern ist je nach Kulturraum unterschiedlich. So war 1 Fingerbreit in der Antike kürzer als der 1 Inch heute.

Die antiken Griechen legten die Breite eines Mannes mit ausgestreckten Armen auf 96 Fingerbreiten fest (1 Orguia). Im antiken Griechenland wurde der Einfachheit halber mit Vielfachen von 2 und 3 gerechnet. Die Zahl 96 ergibt sich aus:
25 * 3 = 3 * 2 * 2 * 2 * 2 * 2, das heißt fünf Halbierungen und eine finale Drittelung der Körperhöhe führen zu 1 Daktylos (1 Fingerbreite)

Vitruv schreibt, dass der Mittelpunkt des Körpers sich im Nabel befindet, ohne das näher zu erläutern. Es ist Leonardos Verdienst, die Position des Nabels so festzulegen, dass der Mensch insgesamt natürlich erscheint: "Wenn du deine Beine so weit öffnest, dass sie deine Höhe um 1/14 verringern, und deine Arme ausbreitest und anhebst, bis deine Mittelfinger die Höhe deines Kopfes berühren, musst du wissen, dass der Mittelpunkt der ausgebreiteten Gliedmaßen im Nabel liegt".

Abweichungen von Vitruvs Text

Unterhalb der Zeichnung gibt Leonardo den Inhalt von Vitruvs Ausführungen größtenteils korrekt wieder, weicht aber in einigen Details von Vitruvs Aussagen ab.

  • So nennt Vitruv für die Länge der Füße 1/6 der Körperhöhe, Leonardo jedoch verkürzt auf ästhetischere 1/7 I.
  • Leonardo ergänzt die Angabe, nach der die Länge vom Scheitel der Brust bis zu den Haarwurzeln ebenfalls 1/7 betragen soll I
  • Außerdem kommt es zu einem Widerspruch mit der Zeichnung. Leonardo schreibt: "Vom Ellbogen bis zur Handspitze ist der fünfte Teil des Menschen", die eingezeichnete Länge beträgt aber 1/4 II.

Insofern ist Leonardos Zeichnung keine bloße Illustration der Angaben Vitruvs, sondern eine kritische Rezeption, die sich nicht davor scheut, eigene Erkenntnisse aus anatomischen und mathematischen Studien einfließen zu lassen, wobei sie aber nicht frei von Fehlern bleibt. Ob es sich dabei tatsächlich um Fehler handelt, ist heute unklar. Es könnte sich auch um das für Leonardo typische Spiel mit der Aufmerksamkeit der Betrachtenden handeln oder aber Betrachtende zum weiteren Nachdenken anregen.

Der antike Architekt Vitruv

Die Idee zu dieser Proportionsstudie stammt nicht von Leonardo selbst, sondern von dem antiken Architekten und Ingenieur Marcus Vitruvius Pollio, genannt Vitruv.

Wer war Vitruv?

Vitruv (um 80-70 v. Chr. bis ca. 15 n. Chr.) war zu Lebzeiten ein bedeutender Architekt und Kriegsingenieur, der zuerst für den römischen Herrscher Julius Cäsar, und dann für seinen Nachfolger Kaiser Augustus tätig wurde. In zeitgenössischen Quellen wird Vitruv nur am Rande erwähnt und so ist über sein Leben nur das bekannt, was er in seinem einzigen überlieferten Werk niedergeschrieben hat, "De architectura libri decem" (lat. 'Zehn Bücher über Architektur').

Zehn Bücher über Architektur

Der Titel des Werkes ist leicht irreführend, vielmehr handelt es sich um ein etwa 400 seitiges Buch mit 10 Kapiteln. Das Buch gilt heute als das einzig erhaltene Buch über Architektur und Bauingenieurwesen aus der Zeit der griechisch-römischen Antike. Vitruv behauptet, es sei die bis dahin einzige Zusammenfassung der damaligen Baukunst, was auch die moderne Forschung bestätigt.

Im dritten Kapitel, dem vom Tempelbau, führt Vitruv die Lehre vom wohlgeformten Körper ein (lat 'homo bene figuratus'). Er zeigte auf, dass die menschlichen Proportionen universalen Regeln folgen, die auf alle menschlichen Werke, z.B. die Architektur übertragen werden sollten. Auf diesen Abschnitt bezieht sich Leonardo mit der Zeichnung vom vitruvianischen Menschen. Die erhaltenen Ausgaben von Vitruvs Werk sind nicht illustriert, was zu verschiedenen visuellen Interpretationen von Vitruvs Angaben geführt hat. Vor allem war unklar, wo der Mittelpunkt des den Menschen umspannenden Kreises liegen soll.

Anders als der Titel es nahelegt, geht es in dem Buch nicht nur um Architektur. Vitruv, wie auch andere antike Baumeister, hatte ein universaleres Verständnis von Architektur. So schreibt er anfangs zwar über typische Themen wie Architekturgeschichte, Städtebau, Gebäudearten und Materialkunde. Doch die letzten vier Kapitel befassen sich mit zunächst unerwarteten Themen, wie der Herstellung von Farben, Wandmalerei, Wasserversorgung, Astronomie, Zeitmessung, Maschinenbau und Kriegsgeräten.

Wiederentdeckung während der Renaissance

Vitruvs Buch ist in zahlreichen Abschriften erhalten geblieben und wurde in der Renaissance vermehrt gelesen und rezipiert. Ein erster Buchdruck entstand im 15. Jh. Auch Leonardo besaß ein Exemplar. Er war nicht der einzige, der Vitruvs Angaben zu menschlichen Proportionen illustrierte. Zahlreiche Autoren fertigten Skizzen dazu an, doch Leonardos Zeichnung gilt als die erste, die alle Angaben Vitruvs erfüllte und zudem als schönste zu diesem Thema.

Der Vitruvianische Mensch ist dabei nur ein Teil von Leonardos Auseinandersetzung mit dem Buch. Unter anderem konstruierte Leonardo nach einer Beschreibung Vitruvs ein auf Zahnrädern basierendes Gerät zum Vermessen von langen Wegstrecken, den Hodometer. Das ermöglichte es Leonardo, den ersten modernen Stadtplan zu erstellen (Stadtplan von Imola, 1502).

Vitruvs Buch blieb bis zum frühen 20. Jh. eines der einflussreichsten Lehrbücher der Architektur. Erst mit der Entwicklung moderner Baumethoden, wie der Stahlbetonbauweise und architektonischen Entwürfen, die nicht mehr auf der klassischen Geometrie beruhten, verlor Vitruvs Werk an Bedeutung.

Der Vitruvianische Mensch nach Leonardo da Vinci, aus dem Lehrbuch "Vier Bücher von menschlicher Proportion", Albrecht Dürer, 1528 (Erstveröffentlichung 1603)
Dürer reiste mehrmals nach Italien und lernte dort unter anderem die Werke von Leonardo kennen. In Dürers Schaffen lassen sich zahlreiche Bezüge zu Leonardo nachweisen

Entstehungszeit

Über die Entstehungszeit des Blattes ist nichts bekannt, auch gibt es keine zeitgenössischen Quellen, die die Existenz des Blattes belegen. Die Autorschaft Leonardos gilt in der Fachwelt dennoch als unbestritten. Da sich Leonardos Schrift im Laufe seines Lebens änderte, kann der Entstehungszeitpunkt des Blattes im Vergleich mit datierten Notizen Leonardos auf etwa 1490 bestimmt werden, was aber nicht mit absoluter Gewissheit genau zu bestimmen ist. Im Blickpunkt steht dabei ein Buch des Mathematikers Luca Pacioli. Leonardos vitruvianischer Mensch könnte als Illustration für dieses Buch entstanden sein.

Luca Paciolis Vitruv Studien

Ebenso wie Leonardo beschäftigte sich der Mathematiker Luca Pacioli (1445-1517) mit den menschlichen Proportionen und den Lehren von Vitruv. Luca Pacioli war ein Schüler des Ausnahmemalers Piero della Francesca, und später ein bedeutender Mathematiker. Er schrieb zahlreiche Abhandlungen über die Geometrie. Heute noch bedeutend ist Paciolis Buch über die doppelte Buchführung, das die erste vollständige Zusammenfassung dieser Methode darstellt. Auch eine Zusammenfassung der damals bekannten Algebra stammt von ihm.

Luca Pacioli mit einem Schueler, Jacopo de Barbari, um 1495
Luca Pacioli mit einem unbekannten Schueler, Jacopo de Barbari, um 1495
Leonardo war zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes etwa 43 Jahre alt, Pacioli sieben Jahre älter. Bei der gläsernen geometrischen Figur links oben handelt es sich um ein Kuboktaeder, rechts unten ist ein Dodekaeder abgebildet

Leonardos Zusammenarbeit mit Pacioli

Um 1498 wurde Luca Pacioli vom Mailänder Herzog Ludovico Sforza eingeladen. Leonardo hielt sich zur selben Zeit am Hof des Herzogs auf und so lernte er Luca Pacioli kennen. Sie begannen eine mehrjährige Zusammenarbeit, die über die zwei gemeinsamen Jahre in Mailand hinausging. Unter anderem fertigte Leonardo für Paciolis geplantes Buch "Divina Proportione" ('Göttliche Proportion') 60 Zeichnungen geometrischer Körper an.

Paciolis Buch "Divina Proportione"

Pacioli vollendete sein später sehr einflussreiches Buch um 1498. Es wurden zunächst nur drei Manuskripte handgefertigt, die als besonders schöne Probeexemplare für adelige Geldgeber dienen sollten, eines ging an den Herzog von Mailand.

In dem Buch setzt sich Pacioli mit den Gesetzmäßigkeiten geometrischer Körper, dem Goldenen Schnitt und den Anwendungen in der Architektur auseinander. Außerdem übernimmt er in weiten Teilen Aufsätze seines Lehrmeisters Piero della Francesca und erläutert zahlreiche Stellen aus Vitruvs Hauptwerk "Zehn Bücher über Architektur". Unter anderem die Stelle, die auch von Leonardo auf dem Blatt mit dem Vitruvianischen Menschen zitiert wird. Da in Paciolis Buch einige Abbildungen zu den Proportionen des Gesichts vorhanden sind, die möglicherweise von Leonardo angefertigt wurden, ist es naheliegend, dass Leonardos Vitruvianischer Mensch in überarbeiteter Form (d.h. ohne handschriftliche Erläuterungen) Teil von Luca Paciolis Buch "Divina Proportione" werden sollte. Das lässt sich jedoch nicht belegen. Leonardos Zeichnung hätte Paciolis Ausführungen zu Vitruvs Proportionslehre sicher gut ergänzt.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Pacioli Vitruvs Angaben für sein Buch einfach übernimmt. Schließlich hat Leonardo zuvor bewusst Änderungen daran vorgenommen, als er z.B. die Fußlänge von 1/6 auf ästhetischere 1/7 der Körperhöhe verkürzte. Die Zusammenarbeit zwischen Pacioli und Leonardo war sehr eng, möglicherweise waren sie befreundet. Als der Mailänder Herzog von den Franzosen gestürzt wurde, verließen sie gemeinsam die Stadt. Es ist daher unverständlich, dass Pacioli die von Leonardo vorgenommenen Verbesserungen des Vitruvianischen Menschen nicht in sein Buch hat einfließen lassen.

Platons Idee vom Mikro- und Makrokosmos

Leonardos Studienblatt ist nicht für sich allein zu betrachten, sondern das Blatt ist Teil einer breiten Ausseinandersetzung der Renaissance-Gelehrten mit den Ideen der antiken Vordenker, speziell denen des Gelehrten Platon.

Platon, Vitruv, Pacioli und auch Leonardo waren der Auffassung, dass alle natürlichen Formen auf einfache geometrische Proportionen zurückzuführen seien. Ganz gleich, ob es sich dabei um die Größenverhältnisse der Planeten, oder die Länge ihrer Umlaufbahnen handelte (Makrokosmos). Oder ob es um die mannigfaltigen Formen von Pflanzenblüten, Insektenkörpern bis hin zu den kleinsten Teilen, den Atomen ging (Mikrokosmos). Und alle diese Proportionen waren der antiken Lehre nach in größtmöglicher Harmonie angelegt. Ganzzahlige Proportionen wie Hälften, Viertel und Achtel waren ebenso Teil der Erklärung der Naturgesetze, wie irrationale Zahlenverhältnisse wie die Kreiszahl Pi, der goldene Schnitt oder die Wurzel aus 2 (heute bekannt als Din A4 Format).

Anwendung von Vitruvs Regeln in der Architektur

Der Mensch, als Teil der Natur, war nach damaliger Vorstellung ebenfalls in harmonischen Proportionen angelegt. Auch wenn Menschen durch geringe Abweichungen verschieden aussehen, sind sie im Mittel doch von gleicher Gestalt. So wie ein Pferd durch seine Proportionen eindeutig erkannt werden kann, wird auch das Aussehen einer Katze oder das eines Sperlings durch die Proportionen der Glieder ihrer Körper bestimmt.

Da alles in der Natur den Proportionen seiner Teile unterlag, sollte auch alles vom Menschen Erschaffene durch die Proportion der Teile bestimmt werden. Dieser Grundsatz ist für die Architektur bis in die heutige Zeit hinein prägend, auch wenn es zunehmend Strömungen gibt, die dieses seit der antike gültige Prinzip aufzuweichen versuchen, z.B. die chaotisch stukturierten Gebäude von Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) oder die fließenden Formen der Architektin Zaha Hadid (1950-2016).

Weitere Proportionsstudien

Der Vitruvianische Mensch ist nicht die einzige Proportionsstudie von Leonardo da Vinci. Wie seine Notizbücher zeigen, hat er sich öfters mit dem Thema beschäftigt.

Vitruvianischer Mensch Bildanalyse – vorbereitende Proportionsstudie
Vorstudie zum Vitruvianischen Mensch, Leonardo da Vinci, Windsor, Royal Library (9)19132
Leonardo zeigt hier, dass die Höhe eines knienden Menschen um 1/4 verkürzt ist. Ebenso bei einem sitzenden Menschen, da der Abstand vom Fuß bis zum Knie (kniender Mensch) oder vom Knie bis zur Hüfte (sitzender Mensch) ein Viertel der Körperhöhe beträgt
Proportionen eines Pferdes, Windsor, Royal Library (9)12319

Eigentümer

Im Besitz von Francesco Melzi

Es wird vermutet, dass der Vitruvianische Mensch nach Leonardos Tod in den Besitz seines Schülers Francesco Melzi (1491-1570) überging. Melzi begleitete Leonardo bis zu dessen Tod und wurde dann der von ihm bestimmte Vollstrecker seines Testaments. Er begann die zahlreichen Schriften, Codices genannt, thematisch zu sortieren. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist Leonardos "Buch von der Malerei". Nach Melzis Tod verstreuten sich die Codices in ganz Europa. Dabei nahmen sie großen Schaden. Manche wurden in einzelne Seiten zerlegt, teilweise wurden selbst die einzelnen Blätter noch weiter zerschnitten. Auch gingen viele Skizzenblätter verloren. Experten schätzen den ursprünglichen Umfang der Codices auf 20.000 Seiten, von denen heute aber nur noch ca. 6.000 erhalten sind.

Im Besitz von Giuseppe Bossi

Was heute über den Verbleib des Vitruvianischen Menschen bekannt ist, stammt aus dem Tagebuch des italienischen Künstlers Giuseppe Bossi (1777-1815). Bossi schrieb in sein Tagebuch, er hätte das Blatt 1807, neben vielen anderen Leonardo Zeichnungen, von der Familie de Pagave erworben. Diese ihrerseits hätte die Zeichnungen von der Gräfin Anna Luisa Monti, Erbin des Kardinals Cesare Monti (1594-1650), erhalten. Über Bossis Aussagen hinaus lässt sich die Herkunft des Blattes nicht mit Quellen belegen.

Bossis Bedeutung für die Kunstgeschichte

Bossi ist nicht unumstritten, da er für diverse Kunstfälschungen verantwortlich sein soll. So sollen zahlreiche Zeichnungen, die heute als Leonardo oder Raffael Zeichnungen gelten, eigentlich von ihm stammen.

Bossi war selbst ein berühmter Maler, der diverse Aufträge für die napoleonischen Besatzer Italiens ausführte. Unter anderem war er der künstlerische Leiter bei der Anfertigung einer Kopie des berühmten Abendmahls von Leonardo, die sich heute in der Wiener Minoritenkirche befindet. Bossi war daneben auch Kunstsammler. Vor allem interessierte er sich für die Werke der Renaissance und im speziellen für Leonardo, Raffael und Michelangelo. Er war außerdem daran beteiligt, die berühmten Künstlerviten Giorgio Vasaris zu verlegen. Die darin enthaltene Biografie Leonardos ist heute eine der ältesten Quellen für die Leonardo Forschung. Bossi starb 1815, dem Jahr von Napoleons finaler Abdankung, im Alter von nur 38 Jahren an Tuberkulose.

Im Besitz der Galleria dell’ Accademia

Nach Bossis Tod wurde das Blatt zunächst von seinen Erben versteigert. Sieben Jahre später, im Jahr 1822, erwarb es der Vizekönig des Königreichs Lombardo-Venetien, das zu dieser Zeit unter österreichischer Herrschaft stand. Seitdem befindet sich der Vitruvianische Mensch in der Galleria dell’ Accademia in Venedig. Das Blatt wird aus Konservierungsgründen nur selten öffentlich gezeigt.

Bedeutung - Winkel, Form und Proportion

Der vitruvianische Mensch ist eine Veranschaulichung der menschlichen Proportionen, d.h. er zeigt die geometrischen Beziehungen seiner äußeren Glieder.

Der Maßstab

Die Strecke unter der Zeichnung funktioniert als Maßstab für die Proportionen des Vitruvianischen Menschen. Aus dessen Unterteilungen sind die Proportionen der darüberliegenden Zeichnung hervorgegangen. Der Maßstab ist in 96 gleichgroße Einheiten unterteilt, die der Breite eines Fingers entsprechen. Die Einteilung nimmt damit Bezug auf das antike griechische Maßsystem. Dort galt die Fingerbreite als kleinste Maßeinheit. 96 Fingerbreiten entsprachen der Breite eines Mannes mit ausgestreckten Armen.

Der Maßstab ist in der Mitte symmetrisch gespiegelt, so dass die Striche links und rechts den zur Zeit der Renaissance üblichen Längeneinheiten am Unterarm entsprechen

  • die kleinste Einheit ist die Breite eines Fingers (ganz links)
  • vier Fingerbreiten sind die Breite einer Handfläche (ohne Daumen)
  • sechs Handflächen ergeben eine Elle

Eine Elle (ital. 'Braccio') war ein mittelalterliches Längenmaß. Es meinte die Länge vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen. Im Mittelalter wurde, wie in der Antike, mit normierten Körpereinheiten gemessen.

I Der Umkreis

Leonardo lässt den Mann so die Arme heben, dass seine Mittelfinger eine horizontale Linie mit der Kopfhöhe des Mannes bilden (obere weiße Horizontale).

  • "Wenn du deine Beine so weit öffnest, dass sie deine Höhe um 1/14 verringern, und deine Arme ausbreitest und anhebst, bis deine Mittelfinger die Höhe deines Kopfes berühren, musst du wissen, dass der Mittelpunkt der ausgebreiteten Gliedmaßen im Nabel liegt [...]"

Der Mittelpunkt des Umkreises liegt im Bauchnabel (blauer Punkt).

Die Siebtel

Die Füße werden um 1/14 der Körperhöhe angehoben (untere weiße Horizontale), also der Hälfte von 1/7.

  • "Vom Scheitel der Brust bis zu den Haarwurzeln ist der siebte Teil des ganzen Mannes"
  • "Der Fuß ist der siebte Teil des Mannes"

Die Linien der Siebtel sind rot hervorgehoben.

Das gleichseitige Dreieck

  • "Wenn du deine Beine so weit öffnest, [...] musst du wissen, dass [...] der Raum zwischen den Beinen ein gleichseitiges Dreieck ist"

Die gespreizten Beine des Mannes bilden annähernd ein gleichseitiges Dreieck.

Leonardo weicht in der Zeichnung zweimal vom Text ab. Die Füße befinden sich nicht auf der gleichen Höhe, da das rechte Bein um ca. 5° nach innen gezogen wurde. Dadurch ist die Höhe dieses Fußes nicht um 1/14 verringert (untere weiße Linie).

Da das rechte Bein nach innen gezogen wurde, ist der Raum zwischen den Beinen nicht symmetrisch. Es entsteht somit kein gleichseitiges Dreieck. Dafür müsste das rechte Bein weiter oben sein. Der Vergleich wird bei Mouseover deutlich. Warum Leonardo in diesen Details vom Text abwich, ist unbekannt.

Die Siebtel lassen sich nicht auf den Maßstab übertragen, da 96 Fingerbreiten nicht ohne Rest durch 7 teilbar sind. Das gilt entsprechend für 14. 

II Die Viertel

Das Quadrat um den Mann ist der Ausgangspunkt einer stetigen Unterteilung durch Halbierungen

Das Quadrat

  • "Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße"

Der Satz ist der bekannteste des Blattes. Er dient als Überschrift des Textes im unteren Teil.

Die Hälfte

Das Quadrat um den Mann wird horizontal in zwei Hälften geteilt

  • "der Anfang der Genitalien markiert die Mitte des Mannes"

Die Viertel

Die Hälfte des umgebenden Quadrats wird erneut halbiert, so dass Viertel entstehen

  • "Von den Brustwarzen bis zum Scheitel des Kopfes ist der vierte Teil eines Mannes"
  • "Die größte Breite der Schultern enthält in sich den vierten Teil des Mannes"
  • "Von der Fußsohle bis unterhalb des Knies ist der vierte Teil des Mannes"
  • "Von unterhalb des Knies bis zum Beginn der Genitalien ist der vierte Teil des Mannes"

Leonardo hat die Viertelungen durch Striche auf dem Vitruvianischen Mann sichtbar gemacht (blaue Linien). Sie unterstreichen so die von Leonardo im Text gemachten Feststellungen.

Die Achtel

Die Viertel lassen sich zu Achteln halbieren, die um den Kopf herum auftreten (rote Linien).

  • "vom Ellbogen bis zur Achselhöhle ist der achte Teil des Menschen"
  • "von der Unterseite des Kinns bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Achtel der Körpergröße"

Bezug zum Maßstab

Die stetige Teilung der Seitenlänge des Quadrats durch 2 lässt sich direkt auf den Maßstab unterhalb der Zeichung übertragen. Die blaue Linie zeigt die Hälfte, links und rechts davon die Viertel und würden diese geteilt werden, wären es die Achtel bzw. die Breite von drei Handflächen. Diese Proportion wird 1:2 bzw. 2:1 genannt.

An dieser Stelle fällt auf, dass die Zeichnung drei Fehldarstellungen enthält.

  • Leonardo schreibt: "Vom Ellbogen bis zur Handspitze ist der fünfte Teil des Menschen". Doch zeichnet er davon abweichend den Abstand von Ellbogen bis zur Handspitze als ein Viertel ein (blaue Linie am Ellbogen).
  • der Abstand von Ellbogen zur Achselhöhle an beiden Armen ist nicht exakt gleich. Er ist auf der linken Seite etwas kürzer als auf der rechten (Mouseover, grüne Linie). Dadurch ist das Quadrat um den Kopf (Ein Viertel des Mannes) insgesamt leicht nach links gerückt. Der Strich am linken Ellenbogen ist auch leicht nach links gerückt
  • die linke und rechte Seite des umgebenden Quadrats neigen sich nach oben hin um etwa 0,3° zur Mitte (Mouseover, rote Linien). Dadurch wirkt das umgebende Quadrat, als sei es perspektivisch leicht nach hinten bzw. nach vorn gekippt

Warum Leonardo genau diese Linien nicht so exakt zeichnet wie die übrigen, ist unbekannt.

III Die Hände

Die horizontal gehaltenen Arme sind an den Handwurzeln mit Längsstrichen markiert (schwarze und weiße Flächen).

  • "die ganze Hand ist der zehnte Teil des Mannes"
  • "Vom Haaransatz bis zur Unterseite des Kinns ist ein Zehntel der Körpergröße eines Mannes"

Daraus ergibt sich, dass eine Hand so lang ist, wie das Gesicht hoch ist (schwarze und weiße Linien im Gesicht). Wird die Breite von zwei Händen auf den unteren Maßstab übertragen, beträgt sie genau 5/6 einer Elle.

Es zeigt sich nun, dass sich die Längsstriche an den Händen nicht auf den goldenen Schnitt des Unterarms bezogen haben, sondern auf die Länge der Hände, denn hier ist der Länge nun exakt gleich, da nicht vom Ellenbogen aus sondern vom Rand des Quadrats her gemessen wird. 

Allerdings weicht Leonardo erneut vom beschreibenden Text ab. Er schreibt zwar die Hände seien "der zehnte Teil des Mannes", eingezeichnet hat er die Länge der Hand aber jeweils mit 10 von 96 Fingerbreiten, wie am Maßstab abgelesen werden kann (schwarze und weiße Linie entsprechen einer Handlänge, bzw. der des Gesichts).
Leonardo hat also gerundet, als er vom zehnten Teil sprach: 10 von 96 entsprechen 10/96 = 9,6 (~10).

IV Körperhöhe zum Quadrat

Direkt unter dem Maßstab der Zeichnung, befindet sich dieser Satz, durch Zentrierung hervorgehoben:

  • "Die Länge der ausgebreiteten Arme eines Mannes ist gleich seiner Körpergröße"

Die größte Breite, die ein Mensch mit den Armen aufspannen kann, befindet sich auf der Höhe der Mittelfinger, denn sie sind die längsten Finger. Beide Mittelfinger der horizontalen Arme bilden an der Oberseite der Brust eine Linie. Der Abstand dieser Linie nach oben unterliegt ebenfalls einer Proportion

  • "Von der Oberseite der Brust bis zur Oberseite des Kopfes ist ein Sechstel der Körpergröße eines Mannes"

Der Abstand dieser Linie zum Kopfende hat dieselbe Länge, wie die Breite der Hüfte (weiße Linien) und zeigt auf dem unteren Maßstab 4/6 einer Elle.

V Rotationspunkte der Arme

Auf derselben Höhe der durch die Mittelfinger aufgespannten Linie befindet sich eine Linie unterhalb des Kinns (blaue Horizontale). Diese ist durch zwei Endpunkte markiert (blaue Punkte an Horizontale). Die Länge der Linie auf dem Maßstab beträgt 3/6 einer Elle.

Die Endpunkte könnten den Rotationspunkt der Arme zeigen, wären dann aber anatomisch falsch. Arme drehen sich in dem Fall am Schultergelenk, doch dafür befinden sich die Punkte zu weit innen. Leonardo musste das aufgrund seiner anatomischen Studien wissen und hat daher vermutlich keine Rotationspunkte eingezeichnet.

Symbolische Winkel

  • Von den beiden Endpunkten der blauen Horizontale führen zwei Linien im 22,5° Winkel zu den Mittelfingern der erhobenen Arme
  • von der Mitte des Quadrats führt wiederum ein 22,5° Winkel zu der linken Schulter nach unten (linke weiße Linie)
  • ein 72° Winkel von der rechten Schulter nach oben

Der 22,5° Winkel entsteht durch Winkelteilung eines 45° Winkels, welcher wiederum durch Winkelteilung eines 90° Winkels entsteht. 90°, 45° und 22,5° sind die Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen 16-, 8- und 4-Ecks (also eines Quadrats).

Der 72° Winkel ist der Mittelpunktswinkel eines regelmäßigen 5-Ecks, das nur in Kenntnis des goldenen Schnitts konstruiert werden kann.

Goldener Schnitt und rechter Winkel bzw. ihre direkten Abwandlungen besitzen in der klassischen Geometrie einen hohen symbolischen Wert. Es ist daher nicht zufällig, dass Leonardo gerade diese Winkel um den Kopf herum betont. 

In der Bildkonstruktion seiner Gemälde hat Leonardo fast ausschließlich den goldenen Schnitt (72°), Quadrat (90° Winkel) und gleichseitiges Dreieck (60°) bzw. deren direkte Abwandlungen kombiniert, so auch hier. Es fehlt noch der 60° Winkel, also der Innenwinkel eines gleichseitigen Dreiecks. Dieses soll sich laut Begleittext zwischen den Beinen des Mannes aufspannen, jedoch weichen die Winkel um 5° ab (I + Mouseover).

Vermeintliche Disharmonie der geometrischen Beziehungen ist typisch für die Kunst Leonardos, und dient der Spannungserzeugung beim Nachvollziehen seiner Werke. Die Gemälde führen auf diese Weise von einer Erkenntnis zur nächsten, solange, bis sich ein finales harmonisches Schlussbild als Summe aller Teile ergibt. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass sich auch in diesem Werk eine weitere bisher noch unbekannte Ebene verbirgt.

VI Das Gesicht

  • "Der Abstand von der Kinnunterseite bis zur Nase und vom Haaransatz bis zu den Augenbrauen ist jeweils derselbe und wie das Ohr ein Drittel des Gesichts"

Das Gesicht lässt sich demnach dritteln (weiße Fläche). Zwischen Augenbrauen und Nasenspitze befinden sich die Ohren.

Ein Drittel des Gesichts lässt sich, wie oben die Siebtel, nicht ohne Rest auf den Maßstab übertragen: Das Gesicht hat die Länge von 1/10 der Körperhöhe des Mannes = 10/96, oder 10 Fingerbreiten (kleinste Einheit des Maßstabs). Sollen die 10 Fingerbreiten nun durch drei geteilt werden, verbliebe eine Fingerbreite als Rest. Es ist genau die Breite, um die das umgebende Quadrat nach oben verjüngt ist.

B Goldener Schnitt

Im begleitenden Text erwähnt Leonardo den Goldenen Schnitt nicht, obwohl es sich um eine wichtige Erkenntnis aus der Zeichnung handelt.

Der vertikale Goldene Schnitt

  • der Mittelpunkt des umgebenden Kreises liegt sehr genau auf der Höhe des Goldenen Schnitts des Quadrats, also im Bauchnabel (blauer Punkt)

Weiterhin lässt sich durch stetige Teilung der Körperhöhe nach dem goldenen Schnitt feststellen, dass die Proportionen des Menschen sich mit dem goldenen Schnitt abbilden lassen (Mouseover).

 

Der horizontale goldene Schnitt

Der goldene Schnitt lässt sich am vitruvianischen Menschen nicht nur in der Körperhöhe zeigen, sondern auch in der Körperbreite.

  • die Achselhöhle liegt im Goldenen Schnitt der Körperbreite mit ausgestreckten Armen (dunkelblaue Linie an rechter Schulter bzw. obere Horizontale am Bauchnabel)
  • Wird eine Elle nach dem goldenen Schnitt geteilt, markiert der Goldene Schnitt den Übergang von Arm und Hand (rechte blaue und orange Fläche)
  • die Länge eines Daumens teilt die Länge der Hand ebenfalls im goldenen Schnitt (rechte und linke, blau/orange Linie)

Es ist unklar, inwieweit es in Leonardos Absicht lag, den Goldenen Schnitt aufzuzeigen, da er seine Markierungen stets nur ungefähr trifft, mehr oder weniger präzise. Das gilt ebenso für den Bauchnabel, da seine Position zum einen nicht auf den Punkt genau identifiziert werden kann und zum anderen ist ein menschlicher Bauchnabel per se größer als ein Punkt. 

Außerdem lässt sich feststellen, dass die linke Schulter leicht nach links verschoben ist (grüne Linie), und sich dieser Schulterstrich nicht im goldenen Schnitt der Breite der umgebenden Quadrats befindet (erkennbar an der unteren Horizontale am Bauchnabel). Außerdem wird der Übergang von Hand und Arm auf der linken Seite nur sehr ungefähr im goldenen Schnitt geteilt (schwarz/weiße Fläche). Die Länge des Daumens befindet sich hier jedoch wie auf der rechten Seite im goldenen Schnitt der Länge der Hand.

Es lässt sich feststellen, dass Leonardo, wenn überhaupt, den goldenen Schnitt auf der rechten Seite mit größerer Genauigkeit festlegte, als auf der linken Seite. Unterarme und der Bereich zwischen den Achselhöhlen sind dem geometrischen Schema nach gleich lang: 1 Elle auf dem Maßstab.

Quadratur des Kreises

Die Möglichkeit der Quadratur des Kreises, also die Konstruktion von einem Quadrat aus einem Kreis mit demselben Flächeninhalt war seit der Antike eine häufig untersuchtes Thema in der Geometrie. Nach der klassischen euklidischen Lehre durfte dies nur unter Zuhilfenahme von einem unmarkierten Lineal und einem Zirkel durchgeführt werden. Es ist kein Fall bekannt, in dem das gelungen wäre. Es kam dabei lediglich zu Näherungskonstruktionen. 1882 wurde dann auch die Unmöglichkeit dieser Konstruktion durch den Mathematiker Ferdinand von Lindemann bewiesen.

Handelt es sich bei dem vitruvianischen Mann um eine versteckte Konstruktionsskizze zur Quadratur des Kreises?

Zahlreiche Notizen und geometrische Zeichnungen belegen, dass Leonardo sich mit der Quadratur des Kreises beschäftigt hat. Das Zitat am Ende dieser Seite ist dafür nur ein Beispiel von vielen.

Die Ursache für die Annahme Leonardo hätte im vitruvianischen Mann eine Näherungskonstruktion für eine Quadratur des Kreises aufgezeigt, liegt wohl an seiner vielzitierten Freude am Erstellen von Rätseln und versteckten Botschaften, die sich unter anderem auch in seinen Gemälden wiederfindet. Und vermutlich an der prominenten Bedeutung von Kreis und Quadrat auf diesem Studienblatt.

Nach dieser Theorie hat Leonardo die Quadratur des Kreises folgendermaßen vorgeschlagen.

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Historische Bedeutung

Das Blatt wurde erstmals im Jahr 1784 von Carlo Giuseppe Gerli gestochen und in dem Werk "Disegni di Leonardo da Vinci" veröffentlicht. Seitdem war es der breiten Öffentlichkeit zwar zugänglich, aber nur im kunstakademischen Umfeld bekannt.

Studienobjekt für Künstler

Vor allem Maler nutzten das Blatt, um zu lernen, Menschen nach dem Gedächtnis zu malen. Denn wenn allen Menschen dieselben Proportionen zu Grunde liegen und sie sich nur in ihrer Abweichung davon unterscheiden, reicht es aus, sich nur die Abweichung vom vitruvianischen Ideal zu merken, z.B. die etwas breitere Nase, etwas längere Arme oder etwas kürzere Beine. Eine so entstandene Zeichnung auf Basis allgemeingültiger Proportionen wird große Ähnlichkeit mit dem Original aufweisen, auch wenn die Figur nicht direkt Modell stand. Das ist es dann auch, was Leonardo in seinem "Schriften zur Malerei" vorschlägt und am Beispiel von Nasen erläutert. Vermutlich sind die Gesichtzüge der Figuren in seinem Gemälde "Das letzte Abendmahl" nach diesem Verfahren entstanden.

Die Wiederentdeckung Leonardos in der Moderne

Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Popularisierung des Gesamtwerks von Leonardo da Vinci. Ursache war zunächst das mediale Aufsehen, das der Diebstahl der Mona Lisa 1911 verursachte. In der Folge begann die Öffentlichkeit Leonardo nicht nur als Maler wahrzunehmen, sondern sich mehr und mehr auch für die wissenschaftlich-technischen Aspekte in Leonardos Schaffen zu interessieren.

Mussolinis Leonardo

Von internationaler Bedeutung war in diesem Zusammenhang eine 1939 vom faschistischen Italien unter dem Diktator Benito Mussolini ausgerichtete internationale Ausstellung über das Universalgenie Leonardo da Vinci, in welcher vor allem Leonardos ingenieurtechnisches Schaffen in den Mittelpunkt gerückt wurde. Mussolini lag viel daran, den Italiener Leonardo als ursprünglichen Erfinder des modernen Panzers, des Automobils, sowie des U-Boots hervorzuheben, außerdem seine Ideen zum Einsatz ballistischer Waffen.

Der Vitruvianische Mann wurde dort ebenfalls ausgestellt und erlangte in der Folge wegen seiner einfachen und klaren Formensprache, dem auf das Wesentliche reduzierten Stil und dem universalen Anspruch auf die Darstellung eines scheinbar ewig geltenden ästhetischen Prinzips eine zunehmende Rezeption in der Öffentlichkeit.

Le Corbusiers Modulor

Die Proportionsstudien des Vitruvianischen Mannes wurden in den 1940er Jahren von dem bedeutenden Bauhaus-Achitekten Le Corbusier aufgegriffen. Dieser erschuf darauf aufbauend ein eigenes Proportionssystem, den Modulor, den er in den meisten seiner Bauten verwendete.

Aktuelle Verwendung

Heute befindet sich der Vitruvianische Mann symbolträchtig auf jeder deutschen Krankenversicherungskarte, den italienischen 1 Euro Münzen und war bzw. ist Symbol für zahlreiche wissenschaftliche Projekte, zum Beispiel die Skylab 3 Mission der NASA.

In der Nacht von Sankt Andreas fand ich das Ende der Quadratur des Kreises, und zu Ende war das Licht und die Nacht und das Papier, auf das ich schrieb, und zu Ende die Stunde.

Leonardo da Vinci Codex Madrid II, folio 112r

Downloads

Quellen

Website des ausstellenden Museums: Galleria dell’ Accademia, Venedig

Frank Zöllner, Leonardo, Taschen (2019)

Martin Kemp, Leonardo, C.H. Beck (2008)

Charles Niccholl, Leonardo da Vinci: Die Biographie, Fischer (2019)

Johannes Itten, Bildanalysen, Ravensburger (1988)

Frank Zöllner/ Johannes Nathan, Leonardo da Vinci - Sämtliche Zeichnungen, Taschen (2019)

Vitruv, Zehn Bücher über Architektur, Anaconda (2019)

Besonders empfehlenswert

Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch – Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten, Schirmer/ Mosel (2019)

Leonardo da Vinci, Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, Schirmer/ Mosel (2011)

Vitruvs Originaltext

Vitruv, Zehn Bücher über Architektur, Drittes Buch, Erstes Kapitel

Woher die symmetrischen Verhältnisse auf die Tempel übertragen sind

  1. Die Anlage der Tempel beruht auf den symmetrischen Verhältnissen, deren Gesetze die Baukünstler auf das Sorgfältigste innehaben müssen. Diese aber entstehen aus dem Ebenmaß (Proportion), welches von den Griechen Analogia genannt wird. Proportion ist die Zusammenstimmung der entsprechenden Gliederteile im gesamten Werk und des Ganzen, woraus das Gesetz der Symmetrie hervorgeht. Denn es kann kein Tempel ohne Symmetrie und Proportion in seiner Anlage gerechtfertigt werden, wenn er nicht, einem wohlgebildeten Menschen ähnlich, ein genau durchgeführtes Gliederungsgesetz in sich trägt.
  2. Denn die Natur hat den Körper des Menschen so gebildet, dass das Angesicht von dem Kinn bis zu dem oberen Ende der Stirn und den untersten Haarwurzeln den zehnten Teil (der ganzen Körperlänge) ausmacht; das Gleiche ebenso viel die Fläche der Hand vom Handgelenk bis zum Ende des Mittelfingers, der Kopf vom Kinn bis zum höchsten Punkt des Scheitels den achten Teil, ebenso viel vom unteren Ende des Nackens aus, vom oberen Ende der Brust bis zu den untersten Haarwurzeln den sechsten, bis zum höchsten Scheitelpunkt um den vierten Teil der Gesichtslänge mehr. Von der Höhe des Gesichtes selbst aber ist vom Kinnende bis zum unteren Ende der Nase ein Drittteil, ebenso viel beträgt die Nase von ihrem unteren Ende bis zu dem in der Mitte der Augenbrauen; von diesem Endpunkt bis zu den untersten Haarwurzeln, wo die Stirn gebildet wird, ist gleichfalls ein Drittteil. Der Fuß aber misst den sechsten Teil der Körperhöhe, der Vorderarm den vierten, die Brust gleichfalls den vierten Teil. Auch die übrigen Glieder haben ihre Maßverhältnisse, deren sich auch die alten angesehensten Maler und Bildhauer bedient und dadurch großen und endlosen Ruhm erlangt haben.
  3. In ähnlicher Weise aber müssen die Glieder der Tempel in Hinsicht auf die Gesamtmasse der ganzen Größe in den einzelnen Teilen Maßverhältnisse haben, die sich einander in vollkommenster Übereinstimmung entsprechen. Der Mittelpunkt des Körpers ferner ist von Natur der Nabel. Denn wenn ein Mensch mit ausgespannten Händen und Füßen auf den Rücken gelegt wird und man den Zirkelmittelpunkt in seinen Nabel einsetzt, so werden, wenn man die Kreislinie beschreibt, von den beiden Händen und Füßen Finger und Zehen von der Linie berührt. Ebenso wie die Figur eines Kreises an dem Körper dargestellt wird, so wird auch die eines Quadrates an ihm gefunden. Denn wenn man vom unteren Ende der Füße bis zur Scheitelhöhe misst und dieses Maß auf die ausgespannten Hände überträgt, so wird man dieselbe Breite wie Höhe finden, wie dies bei Flächen ist, die nach dem Winkelmaß quadratisch gemacht sind.
  4. Wenn daher die Natur den Körper des Menschen so gebildet hat, dass die Glieder seiner ganzen Gestalt in bestimmten Verhältnissen entsprechen, so scheinen die Alten mit Grund es so festgesetzt zu haben, dass sie auch bei der Ausführung von Bauwerken ein genaues Maßverhältnis der einzelnen Glieder zu der ganzen äußeren Gestalt beobachten. Wie sie daher bei allen Bauwerken Ordnungsvorschriften überlieferten, so taten sie es besonders bei den Tempeln der Götter, bei welchen Werken Vorzüge und Mängel ewig zu sein pflegen.
  5. Ebenso haben sie die Grundmaße, welche bei allen Bauwerken notwendig zu sein scheinen, von den Gliedern des Körpers hergenommen, wie den Zoll (Finger), Palm (Handfläche), Fuß, die Elle (Ellenbogen, Vorderarm), und haben sie, eine vollkommene Zahl, welche die Griechen Teleion nennen, zugrunde legend, eingeteilt. Als vollkommene Zahl aber haben die Griechen festgesetzt, was man zehn nennt, denn von den Händen ist die Zehn-Zahl der Zolle (Finger) und von den Zollen der Palm und von dem Palm der Fuß erfunden. Wie aber nach den Gliedern der beiden Handflächen zehn die vollendete Zahl ist, so billigt auch Plato diese Zahl als die vollendete, deshalb, weil die Zehnheit aus den einzelnen Fingern, welche bei den Griechen Monades heißen, entsteht. Sobald ihrer aber elf oder zwölf geworden sind, so können sie, weil sie dieselben überschreiten, keine vollkommene Zahl mehr sein, bis sie zu einem anderen Zehner gelangen, denn die einzelnen Dinge sind Teile jener Zahl.
  6. Die Mathematiker aber, damit nicht einverstanden, haben gesagt, dass die Zahl, welche sechs genannt wird, die vollkommene sei, deshalb, weil diese Zahl eine Gliederung hat, die ihrem auf der Sechszahl beruhenden Rechnungssystem entspricht, so finden sie in Eins einen Sextans (1/6), in Zwei einen Triens (1/3), in Drei einen Semissis (1/2), in Vier einen Bes (2/3), welchen die Griechen Dimoiros nennen, in Fünf den Quintarius, welchen die Griechen Pentamoiros nennen, in Sechs das Vollkommene. Wenn es zur Verdoppelung hinwächst, so finden sie durch Hinzufügung von Eins zu den Sechs den Ephektos (1 1/6), ist es durch Hinzufügung von einem Drittel Acht geworden, den Adterlianus (1 1/3), welcher Epitritos genannt wird, ist durch Hinzufügung der Hälfte Neun entstanden, den Sesquialter (1 1/2), der Hemiolos genannt wird, ist durch Hinzufügung von zwei Dritteln der Zehner entstanden, den Besalter (1 2/3), welchen jene Epidimoiros nennen; in der Zahl Elf, weil fünf hinzugefügt sind, den Adquintarius (1 5/6), welchen sie Epipemptos nennen; Zwölf aber nennen sie, weil es aus zwei einfachen Zahlen gebildet ist, Diplasion (das Zweifache).
  7. Nicht minder haben sie auch deshalb, weil der Fuß den sechsten Teil der Höhe des Menschen ausmacht und folglich durch eine Anzahl von sechs Fuß die Höhe des Körpers bestimmt wird, diese Zahl als die vollkommene aufgestellt und wahrgenommen, dass auch die Elle aus sechs Palmen (Handbreiten) und vierundzwanzig Zollen bestehe. Mit Bezugnahme darauf scheinen es auch die Staaten der Griechen getan zu haben, dass sie, wie die Elle aus sechs Palmen besteht, bei der Drachme, deren sie sich als Münze bedienen, in gleicher Weise sechs Kupfermünzen, wie etwa die Asse, welche sie Obolen nennen, und im Anklang an die Zolle Viertel-Obolen, welche die einen Dichalka, andere Trichalka nennen, vierundzwanzig auf eine Drachme eingeführt haben.
  8. Unsere Ahnen aber haben zuerst die alte Zahl angenommen und zehn Kupfermünzen auf einen Denar eingeführt, und daher behält der Denar bis auf den heutigen Tag seine Benennung, auch nannten sie den vierten Teil, weil er aus dritthalb Ass bestand, Sestertius. Nachdem sie aber später wahrnahmen, dass beide Zahlen, sowohl sechs als zehn, vollkommen seien, fügten sie beide in eine zusammen und machten Sechzehn zur vollkommensten. Als Beleg dafür stellten sie den Fuß hin; denn wenn man von der Elle zwei Handbreiten wegnimmt, so bleibt ein Fuß von vier Handbreiten übrig, die Handbreite aber hat vier Zoll, und so geht daraus hervor, dass der Fuß sechzehn Zoll und der Denar in Kupfer ebenso viel Asse habe.
  9. Wenn man also einig ist, dass die Zahl nach den Gliedern der Menschen erfunden worden sei und dass von den gesonderten Gliedern ein der gesamten Körpergestalt entsprechendes Maßverhältnis eines bestimmten Teiles bestehe, so folgt daraus, dass wir diejenigen bewundern müssen, welche auch bei der Errichtung der Tempel der unsterblichen Götter die Glieder ihres Werkes so geordnet haben, dass durch Proportion und Symmetrie ihre Gliederung gesondert und im Ganzen betrachtet sich einheitlich entwickelte.

Nobody is perfect - das gilt auch für nicofranz.art!

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