Dame mit Hermelin – Keyvisual

Dame mit dem Hermelin

Die Dame mit dem Hermelin ist ein Gemälde von Leonardo da Vinci, das er um 1490 in Mailand gemalt hat. Dargestellt wird eine Mätresse des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza, Cecilia Gallerani. Sie hält ein weißes Hermelin in den Armen, das Wappentier des Herzogs. Das Porträt befindet sich heute im Czartoryski Muzeum in der polnischen Stadt Krakau.

Enthülle nicht, wenn dir die Freiheit lieb ist, dass mein Angesicht ein Kerker der Liebe ist.

Leonardo da Vinci
Dame mit dem Hermelin – Leonardo da Vinci

Leonardo da Vincis Gemälde können nicht ohne Untersuchung der Bildgeometrie verstanden werden

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Wird das Bild verschwommen betrachtet, wird deutlicher, dass Position und Drehung des Kopfes des Hermelins an eine entblößte weibliche Brust erinnern. Dies betont zum einen den erotischen Charakter des Gemäldes, zum anderen deutet es das zukünftige Stillen der schwangeren Cecilia an

I

Die Augen und das rechte Ohr des Hermelins sind in einem gleichseitigen Dreieck mit unteren 120° Winkel eingefasst. Es entsteht der Eindruck eines auf den Betrachter schauenden Hermelins (Mouseover)

II

Zwei gleich große gleichseitige Dreiecke mit oberen 45° Winkel werden in ein System aus Proportionen der klassischen Geometrie gesetzt (goldener Schnitt und ganzzahlige Vielfache)

III

Die beiden Ohren und das linke Auge des Hermelins bilden ein Dreieck mit den symbolischen Innenwinkeln 45°, 60° und 75°. Dasselbe Dreieck lässt sich auch auf der Stirn der Dame finden (grüne Dreiecke)

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Dame mit Hermelin

Leonardo da Vinci
um 1490
Öl auf Holz (Walnuss)
39 x 53cm
Czartoryski Muzeum, Krakau, Polen

Versicherungswert: 350 Mio. Euro

Wer war Cecilia Gallerani?

Cecilia Gallerani ist die Dame mit dem Hermelin.

Cecilias Familie

Cecilia Gallerani wurde 1473 in Mailand geboren. Ihr Vater Fazio war für die italienischen Kleinstaaten als Botschafter tätig, unteren anderen für die Republiken Florenz und Lucca. Er verstarb jedoch sehr früh, als Cecilia 7 Jahre alt war. Ihre Mutter Margherita Busti war die Tochter eines Rechtsgelehrten. Das Ehepaar hatte neben Cecilia noch sechs Söhne.

Adelige Heiratspolitik

1483, also bereits im Alter von zehn Jahren, wurde sie mit Giovanni Stefano Visconti verlobt. Die Verlobung wurde 1487 aus unbekannten Gründen aufgelöst.

Anfang 1489 machte der 37-jährige Mailänder Herzog Ludovico Sforza die erst sechszehnjährige Cecilia zu seiner Mätresse. Cecilia bezog daraufhin ein ländliches Anwesen in der Pfarrei Nuovo Monasterio. Der Herzog setzte sich offen für sie und ihre Familie ein. Als ihr Bruder Sigerio 1489 im Streit einen Mann tötete und hingerichtet werden sollte, verhinderte dies eine persönliche Intervention Ludovicos. Cecilias Affäre mit dem Mailänder Herzog brachte überdies sicherlich weitere Vorteile für ihre Familie. Im Sommer 1490 schließlich wurde Cecilia schwanger. Etwa um diese Zeit hat Leonardo da Vinci das Gemälde fertiggestellt.

Beziehung zu dritt

Die Affäre des Herzogs war politisch heikel, da Ludovico bereits seit 1480 mit der damals erst fünfjährigen Beatrice d’Este (*1475) verlobt war. Sie war die Tochter des einflussreichen Herzogs von Ferrara. Die Heirat fand ungeachtet der zeitgleichen Schwangerschaft von Cecilia am 16.01.1491 statt, obwohl die Affäre des Herzogs ein offenes Geheimnis war. Beatrice d’Este weigerte sich mit dem Herzog zu schlafen, solange er sich eine Mätresse hielt. Sie stellte ihm ein Ultimatum und verlangte die Affäre zu beenden. Nur wenige Monate nach der Hochzeit, am 03.05.1491, gebar Cecilia dem Herzog einen Sohn, Cesare Sforza.

Noch vor der Geburt des Sohnes folgte Ludovico dem Drängen seiner Ehefrau Beatrice und er beendete die Affäre. Cecilia hatte den Hof bis Ende März 1491 verlassen. Der Herzog blieb der Mutter seine Sohnes jedoch verbunden und unterstützte sie weiterhin. Er bestimmte ihr einen Ehemann. Die Wahl fiel auf den Grafen Ludovico Carminati de Brambilla, genannt Bergamini, den sie 1492 heiratete. Der Herzog versorgte sie in der Folge mit dem prächtigen Palazzo Carmagnola in Mailand und einem Lehen in Saronno, so dass Cecilia als Frau eines Grafen das Leben einer Edeldame führen konnte. Das Paar bekam vier Kinder.

Cecilia

Cecilia muss sehr schön gewesen sein, ihre Schönheit war Gegenstand zahlreicher zeitgenössischer Briefe und Gedichte.

Sie galt als klug und sehr gebildet. Sie sprach fließend Latein, musizierte, schrieb Gedichte und war eine angenehme Unterhalterin. So war sie unter anderem dafür bekannt, zu Salons einzuladen. Dort diskutierte sie mit hochgestellten Persönlichkeiten Fragen der Religion, Kunst und Philosophie. Ihre Salons waren vermutlich die ersten dieser Art in Europa. Sie betätigte sich auch als Förderin von Schriftstellern, wie dem Novellisten Matteo Bandello.

Cecilias ehemaliger Geliebter, der Herzog von Mailand wurde 1499 von den Franzosen aus Mailand vertrieben, entmachtet und starb 1508 in französischer Gefangenschaft. Ihr gemeinsamer Sohn Cesare schlug eine kirchliche Laufbahn ein, wurde Abt, verstarb jedoch 1512 in jungen Jahren. Cecilias Mann Ludovico Carminati de Brambilla verstarb vermutlich um 1514. Das Schicksal ihrer vier gemeinsamem Kinder ist unbekannt. Cecilia Gallerani starb 1536 im Alter von 63 Jahren auf ihrem Schloss in San Giovanni in Croce, etwa 100km südöstlich von Mailand. Das Gemälde war bis zu ihrem Tod in ihrem Besitz.

Symbolik des Hermelins

Das titelgebende Hermelin ist nicht zufällig gewählt. Es ist vor allem für den Hochadel bis heute ein sehr symbolträchtiges Tier. Außerdem nimmt es Bezug auf Cecilias Nachnamen und ihre Schwangerschaft zur Zeit der Entstehung des Gemäldes.

Wortspiel mit dem Nachnamen Cecilias

Das altgriechische Wort für Wiesel – das Hermelin zählt zu den Wieseln – lautet galê bzw. galéē und kann so als Anspielung auf Cecilias Nachnamen verstanden werden, Gallerani. Leonardo da Vinci und seine Auftraggeber hatten eine Vorliebe für Wortspiele, sie waren eine Mode der Zeit.

Schutztier der Schwangeren

Die Mätresse Ceciila Gallerani wurde vom Herzog schwanger, während das Gemälde gemalt wurde. Es ist daher erwähnenswert, dass das Hermelin seit der Antike das Schutztier schwangerer Frauen ist.

Das ist auf eine Legende um die Geburt des antiken Helden Herkules zurückzuführen. Der berühmte römische Dichter Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.) erzählt davon in seinem Hautpwerk, den „Metamorphosen“.

Die antike Legende

Der Göttervater Zeus schwängerte die irdische Alkmene, indem er sich als ihr Ehemann maskierte.

Dessen stets eifersüchtige Frau Hera rächte sich an Alkmene, indem sie der Geburtsgöttin Eileithyia auftrug, sich auf ihren Altar zu hocken und dabei ihre Knie mit den Armen so fest zu verschränken, dass durch diesen Zauber Alkmene nicht gebären könne. Nachdem Alkmene sieben Tage und sieben Nächte in den Wehen lag, ertrug ihre Magd Galanthis den Schmerz Alkmenes nicht mehr und erzählte der Geburtsgöttin Eileithyia, sie möge Alkmene beglückwünschen, sie habe soeben einem Jungen das Leben geschenkt. Die getäuschte Eileithyia sprang entsetzt auf, ihre Beine waren nun nicht mehr verschränkt und der Zauber war gebrochen.

Alkmene entband ihren Sohn Herakles. Die wegen der gelungenen List laut lachende Magd Galanthis wurde kurz darauf von der Göttin Eileithyia zu Boden geworfen und zur Strafe in ein Hermelin verwandelt. Dem antiken Glauben nach war die verwandelte Magd nun dazu verdammt, ihre Kinder durch den lügenhaften Mund zu gebären, mit dem sie Herakles auf die Welt geholfen hatte.

Die Tradition der Legende

Seitdem galt das Hermelin in griechisch gebildeten Kreisen als Schutztier der Schwangeren und sollte den Schwangeren eine möglichst sichere Entbindung bescheren. Lag eine Frau in den Wehen, reichte man ihr feuchte Tücher aus einer Schale mit Hermelinmotiven. Auch das Tragen eines Hermelinfells auf der nackten Haut sollte die Frau vor den Gefahren der Entbindung schützen.

Symbol des Hochadels

Das Hermelin gilt von jeher als Symbol von Reichtum und Macht. Der zeremonielle Umhang von Kaiser, Königen, Herzögen und Kardinälen ist stets ein Umhang aus dem weißem Winterfell des Hermelins mit den charakteristischen aufgesetzten schwarzen Schwanzspitzen. Dieser Umhang ziert bis heute alle Wappen des europäischen Hochadels.

Warum identifiziert sich der Adel mit dem Hermelin?

Die klassische Aufgabe des Adels war dreigeteilt.

  • ein moralisches Vorbild sein, also das sprichwörtlich ritterliche Benehmen (Edelmut)
  • für Nachwuchs sorgen, um die Dynastie zu sichern (Fruchtbarkeit)
  • In Kriegszeiten die militärische Verteidigung übernehmen (Kampfgeist)

Das Hermelin vereint symbolisch alle drei Eigenschaften.

Edelmut: Das Hermelin hat ein weißes Winterfell

Hermeline haben im Sommer ein braunes Fell mit weißer Unterseite. Im Winter aber sind sie komplett weiß. Die Spitze des Schwanzes bleibt dabei stets schwarz.

Fruchtbarkeit: Das Hermelin ist sehr fruchtbar

Hermeline werden in freier Natur nur 1-2 Jahre alt. Dafür sind sie aber sehr fruchtbar, so können bereits die Jungtiere geschwängert werden. Bis zu 18 Jungtiere werden pro Wurf geboren. Hermeline vermehren sich daher sehr schnell.

Kampfgeist: Das Hermelin ist muskulös, wendig und kämpferisch

Hermeline haben eine muskulöse Körperform und bewegen sich dennoch sehr elegant. Das Hermelin ist sehr angriffslustig und verteidigt aggressiv sein Revier. Es scheut dabei nicht den Kampf gegen gefährliche Schlangen oder viel größere Tiere.

Ein Hermelin erlegt einen Hasen (ab 2:37)

Die teuren Mäntel aus Hermelinfell

Da die flauschigen Mäntel aus dem Fell des Hermelins sehr teuer waren, konnte sich nur der hohe Adel diese Mäntel leisten. Typisch für diese Mäntel ist das Aufsetzen der schwarzen Schwanzspitzen des Hermelins. Hermelinmäntel wurden ab dem 14. Jh. zu einem Insignium der Macht des Adels. Zeitweise wurde Nichtadeligen sogar der Erwerb von Hermelinmänteln verboten.

Ludovico Sforza, das weiße Hermelin

Wurde lange Zeit angenommen, dass das Hermelin lediglich eine Anspielung auf den Nachnamen der Cecilia Gallerani war, wurde es durch die Entdeckung eines historischen Dokuments wahrscheinlicher, dass hier tatsächlich die Mätresse des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza dargestellt wird.

Denn um 1900 fanden Historiker heraus, dass Ludovico 1488 vom König von Neapel den Hermelinorden überreicht bekam, was ihm den Beinamen „Ermellino Bianco“ einbrachte (weißes Hermelin). Die Darstellung des weißen Hermelins im Gemälde ist so auch als Symbol für den Herzog zu verstehen.

Daher erklärt sich, warum das Hermelin im Porträt viel muskulöser und fast doppelt so groß ist, wie in Wirklichkeit. Es sollte den Herzog, wenn schon als Wiesel, dann doch als das größte und stärkste Wiesel zeigen.

Bildanalyse

Leonardo schafft es wie kein Zweiter durch Mimik, Gesten, Körperhaltung und Symbolik eine Bedeutungstiefe aufzubauen, die jeden Betrachter in ihren Bann ziehen muss. Er legt in seinen Gemälden die verschiedensten Bedeutungsebenen außerordentlich elegant ineinander, verwebt sie gleichermaßen und macht sie dadurch zu einem Mysterium. Das ist es auch, was eine Interpretation seiner Gemälde so schwer macht.

Bildbeschreibung

Eine junge Frau im Dreiviertelprofil, in einem dunklen Raum, von rechts her beleuchtet. Sie hat den Rumpf vom Licht weg, den Kopf aber zum Licht hin gedreht. Sie schaut rechts aus dem Bildraum. Auf dem linken Arm trägt sie einen Hermelin im weißen Winterfell, den sie mit der Rechten fest an sich drückt.
Ihr Haar, eng am Kopf anliegend, wurde zu einem Scheitel gelegt, und nach hinten zu einem Zopf geflochten. Um den Kopf ein schmales, dunkelfarbiges Band über einer durchsichtigen Haube mit goldenem Rand, die bis zu den Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen ist, die Träger sind unter dem Kinn zusammengeführt. Um den Hals eine lange Perlenkette, zweimal gelegt zu einem kurzen und einem langen Stück. Sie trägt das kunstvoll geschneiderte Kleid einer Edeldame. In der linken oberen Ecke in goldenen Lettern:
LA BELE FERONIERE
LEONARD DAWINCI

Darstellungsfehler und Auffälligkeiten

Leonardo verwendet absichtlich subtile Fehler, ästhetische Auffälligkeiten und geometrische Konstruktionen, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken und Hinweise zur Deutung des Gemäldes zu geben.

Die auffälligsten Fehler sind:

  • Die scharfen Konturen der Gesichtspartie erinnern an venezianische Ganzmasken (Bautas)
  • Die rechte Hand der Dame ist im Vergleich zu ihrem Gesicht zu groß und wirkt wenig feminin, beinah männlich
  • Ihre linke Hand kann unmöglich das Hermelin festhalten, ist aber dennoch nach außen gewölbt
  • Das Hermelin wird viel zu groß dargestellt, es dürfte eigentlich nur etwa halb so groß sein

Die Doppelbilder im Gemälde

Die Geschichte einer Liebesbeziehung

Das Hermelin ist neben der Cecilia Gallerani das zentrale Element des Bildes. Ohne Zweifel ist es eine Anspielung auf das Paar Ludovico und Cecilia. Ludovico hatte zwei Jahre zuvor den Hermelin Orden überreicht bekommen und erhielt den Beinamen Weißes Hermelin.
Aus Cecilias Nachname Gallerani lässt sich ein Wortspiel mit dem altgriechischem galê bzw. galéē für Wiesel ableiten.

Diese Zusammenhänge würden aber auch bedeuten, Leonardo hat das Hermelin nicht von sich aus ins Bild übernommen. Die Lebensumstände seines adeligen Auftraggebers zwangen ihn dazu, dieses Tier zu wählen.

Leonardo erzählt nun in seinem Gemälde die Geschichte der zwei Liebenden. Doch er geht noch darüber hinaus. Es wird sich zeigen, dass er ihre Erzählung abstrahiert und sie nutzt, um sie zu der Geschichte einer jeden jungen Liebe zu erhöhen. Dadurch gelingt es ihm ein zeitloses Werk zu schaffen, das völlig unabhängig von der Kenntnis der Umstände der Dargestellten eine immer wahre Geschiche erzählt. Das ist es, was die Mystik des Gemäldes ausmacht und die unzähligen Betrachter bis heute fasziniert.

Die Reife der Cecilia

Cecilia trägt eine Kette aus schwarzen Perlen um ihren Hals. Perlen entstehen, wenn Unreines in eine Muschel eindringt. Es wird von dieser festgehalten und mit Perlmutt umwoben. Dann, wenn die Perle groß genug ist, öffnet sich die Muschel und präsentiert ihre Schönheit. Daher galten Perlen seit der Antike als Symbol für Tugend, aber auch der Fruchtbarkeit.

Der Traum der Cecilia

Cecilia steht als junge Frau in einem dunklen Raum, allein, fast wie in einem Traum. Wie zur Beruhigung ihrer Furcht ein Haustier auf dem Arm. Ihr Blick geht in die helle Ferne. Ihr Blick scheint wach, ihre Erwartung an die Zukunft klar. Doch momentan ist sie noch von absoluter Dunkelheit umgeben.

Das Kennenlernen

Eine Frau in einem dunklen Raum, allein, mit einem Haustier auf dem Arm. Sie dreht sich hin zum Ort des Reizes. Es ist unklar, ob der Reiz ein Klang oder das Licht war, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Doch im Kontext des Bildes drängt sich hier eine Hypothese auf. Es könnte Ludovico sein, der den Raum betritt. Er öffnet eine Tür und erscheint im Licht. In ihren Augen spiegelt sich eine Person, die eine Kellertreppe hinunterläuft. Im Hintergrund steigt ein Vogel auf. Die Szene wirkt wie eine Befreiung.

Dame mit dem Hermelin, Bildanalyse - Rechtes Auge
Dame mit dem Hermelin (Detail), Leonardo da Vinci
Die Pupillen Cecilias spiegeln, was sie sieht. Es ist die Kontur eines Kopfes erkennbar, der aus dem Licht in einen Keller hinabsteigt. Im Hintergrund steigt ein Vogel empor. Das Kennenlernen ist Cecilias Befreiung aus der Dunkelheit
Dame mit dem Hermelin, Bildanalyse - Linkes Auge
Dame mit dem Hermelin (Detail), Leonardo da Vinci
Auch in Cecilias linkem Auge ist die Kontur eines Kopfes erkennbar

Ein Akt der Liebe

Cecilia ist noch sehr jung, als sie mit dem Herzog verkuppelt wird (16 Jahre). So wird sie von Leonardo auf diesem Bild dann auch sehr jung, beinahe kindlich dargestellt. Das überdimensional große Hermelin verstärkt den beinah kindlichen Eindruck, denn wenn es nicht zu groß ist, ist sie zu klein.

Cecilia dreht sich weg und dreht sich hin. Zum verspielten Ausdruck ihrer Unsicherheit hält sie sich ein Haustier vor den Bauch, den Kopf dabei stets neugierig nach vorne fixiert. Ihre rechte Hand scheint irgendwie nicht recht zu passen. Sie ist zuerst zu groß, dann auch zu angespannt. Sie scheint nicht zu ihr zu gehören. Auch ihre linke Hand wirkt nicht zu ihr gehörig.

Wenn die Hände und die Unterarme nicht zu ihr gehören, scheinen beide Arme aus dem Dunkel hinter ihr zu kommen, als ob die Dunkelheit selbst nach ihr greift. Ludovicos offizieller Beiname war Il Moro, der Schwarze. Nur auf ihre Hände achtend, entsteht ein regelrechter Tanz von Händen an ihrem Körper. Mal die zarte maskuline Hand zu ihrer rechten, mal die derbe hart zupackende Hand zu ihrer linken und dann sind es wieder ihre eigenen. Und wieder nicht, und das Spiel beginnt von neuem.

Die männliche Rohheit wird übersteigert in der Figur des weißen Hermelins, das soeben mit seiner krallenscharfen Rechten den blauen Ärmel der Cecilia aufgerissen zu haben scheint und sich nun triumphierend über ihren linken Ellenbogen stützt. Die linke Pfote schaut herab.

Dame mit dem Hermelin, Bildanalyse - Muskeln und Pfoten des Hermelins

Dieser Bereich des Hermelins verdeutlicht den erotischen Charakter des Gemäldes. Die übertrieben animalische Muskulatur des Hermelins trägt unbestreitbar menschliche Züge. Die linke Pfote des Hermelins hat auffällig nach vorn fallende Haare. Der fettleibige Bauch des Tieres wirkt ebenso vermenschlicht. Und tatsächlich war der Mailänder Herzog den wenigen zeitgenössischen Darstellungen zufolge etwas korpulenter. Das unterstützt die Annahme, nach der es sich bei dem Hermelin um ein Symbol für den Herzog handelt.

Die entblößte Brust

Der erotische Charakter dieser Szene wird ergänzt durch den Kopf des Hermelins, der farblich in die Hauttöne des Dekolletés der Dame übergeht. Durch die spitz zulaufende Kopfform des Hermelins erinnert er an eine entblößte weibliche Brust, die die nach unten fahrende rechte Hand der Dame soeben freigelegt zu haben scheint #. Der Mouseover Effekt imitiert hier einen verschwommenen Blick auf das Gemälde, wie er z.B. mit tränenden oder müden Augen erreicht wird.

Eine nackte Brust durfte aufgrund der allgemeinen kirchlichen Zensur nur im religiösen Zusammenhang gezeigt werden, z.B. mit der stillenden Maria, der Mutter Jesu. Ein solcher Bildtypus wird Madonna lactans genannt (dt. 'milchgebende Madonna'). Aber auch Darstellungen nackter Göttinnen der klassischen Antike waren erlaubt, wie etwa in Botticellis "Geburt der Venus" (um 1485), die bemerkenswerter Weise analog zur stillenden Maria eine Brust verdeckt hält, um den sittsamen Charakter des Gemäldes zu betonen.

Die Andeutung einer entblößt werdenden Brust in einem normalen Porträt war eine Mode, die erst zu Leonardos Lebensende aufkam. Er starb 1519 im Alter von 67 Jahren. Vor allem sein junger Bewunderer Raffael (*1483) adaptierte ihn später auch hier. Wo Leonardo noch andeutete, führte Raffael aus. Erst seine Malergeneration nahm sich mehr Freiheiten bei der Anfertigung von Porträts.

Allen hier gezeigten Porträts ist gemein, dass die rechte Hand die linke Brust der Porträtierten berührt, und doch ist die erzielte Bildwirkung stets eine andere. Von links nach rechts wird das Nackte mehr und mehr und auf verspielte, beinah erotische Art verdeckt.

Obwohl Raffaels Frauenporträts stilistisch an die oben gezeigten stillenden Madonnen erinnern, hat er die weibliche Brust also auch in einem erotischen Kontext abgebildet. Das Zusammenspiel von stillender und erotisch-entblößender Gestik erinnert sehr an das Porträt der Dame mit dem Hermelin. Raffael hat beständig aus den Gemälden Leonardos zitiert.

Der schwangere Bauch

Nach diesem Akt wird nun kompositorisch auf die Schwangerschaft Bezug genommen. Der unfertige und im Schatten verschwimmende linke Arm der Dame kann unmöglich das Hermelin festhalten. Die Hinterläufe des sich windenden Tieres müssten sich zwischen ihrer Hüfte und dem rechten Arm befinden und damit über ihrer linken Hand.

Wird nur der Bereich der linken Hand betrachtet, wird schnell deutlich, dass die Dame ihre linke Hand auf einen schwangeren Bauch hält. Doch die Illusion löst sich auf, sobald der Blick die linke Hand verlässt.

Die Geburt

In einer eleganten Aufwärtsbewegung von der den schwangeren Bauch haltenden linken Hand über den merkwürdig runden Bauch/Rücken des Hermelins hin zu dessen linker Pfote erreicht der Blick den auffälligen Faltenwurf auf ihrem linken Ärmel.

Das scharfkrallige und starke Hermelin scheint soeben mit seiner Rechten den Ärmel der Cecilia von oben nach unten aufgerissen und so geteilt zu haben, dass nun das darunterliegende Rot zu sehen ist, der Einblick begrenzt von zartem, orangenem Saum.

Links und rechts von der Spitze des gesäumten Dreiecks kommt es zu einem merkwürdigen blauen Faltenwurf, der in seiner Symmetrie an ein Paar menschlicher Augen erinnert. Demnach wäre das rote Dreieck darunter – ein weit aufgerissener Mund – die fehlende Ergänzung eines übergroßen, nach rechts oben schreienden Gesichts.

Sicherlich nur vage und mehr eine Karikatur deutet Leonardo hier die Schrecken der Geburt an. Das am Ende des Geburtskanals ein offener, laut schreiender Mund steht, muss vor dem antiken Aberglauben gesehen werden, dass Hermeline Ihre Kinder aus dem Mund gebären. Die humorvolle Karikatur nimmt so Bezug auf diese antike Legende.

Das Kind in der Armen

Leonardo endet die Erzählung der Liebesbeziehung mit der Darstellung der stolzen Mutter Cecilia. Wird das Hermelin gedanklich ausgeblendet und nur auf die Haltung der Hände geachtet, so entspricht diese der einer Mutter, die ihr Kind vor sich trägt. Der Kopf des Kindes an ihrer linken Brust.

Dazu passt es dann auch, dass der Kopf des Hermelins farblich in das Dekolleté der Dame übergeht. Der nach rechts zulaufende Kopf des Hermelins kann als zum Stillen des Kindes entblößte Brust gesehen werden #, wie am Beispiel der Madonnen oben gezeigt wurde.

Fazit zur Geschichte der Liebesbeziehung

Es konnte gezeigt werden, dass Leonardo über Fehler und ästhetische Auffälligkeiten den Blick des Betrachters lenkt, und diese in ihrer Gesamtheit zu einem konsistenten Ganzen verbindet. Das Gemälde erzählt vom jungen Liebesleben der Cecilia, beginnend mit ihrer Reife, ihrem Liebestraum, dem Kennenlernen mit Ludovico, deren Liebesspiel, der Schwangerschaft Cecilias, der folgenden Geburt und schließlich dem Glück als junge Mutter.

Leonardo hat ein Werk über die Liebe gemalt, mehr noch: über jede Liebe. Betrachtende müssen nicht wissen, wer gezeigt wird, um die Atmosphäre des Bildes zu verstehen. Jeder Mensch kann das Gezeigte intuitiv begreifen, ohne konkret zu wissen, was hier fasziniert.

Das Kunststück das Leonardo hier gelang, war ein Werk zu schaffen, dass in seiner Zeit und für die Auftraggeber so verständlich war, dass sie sich damit identifizieren konnten. Aber auch, dass folgende Generationen, die deren Geschichte nicht mehr kennen, die Bilderzählung nachvollziehen können: die Liebe einer jungen Frau und eines Mannes.

Und so kam es, dass Leonardo das Antlitz der Dame als Kerker der Liebe bezeichnete. Der innerste Kerker ist ihre unerfüllte Liebe, ihr Körper selbst, der Äußerste ihre Verpflichtungen als junge Mutter. Die Kerker dazwischen entsprechend.

Bildkomposition

Das Gemälde enthält einige geometrische Besonderheiten. Die Geometrie fügt nicht nur eine künstlerische Ausdrucksmöglichkeit hinzu. Sie ist auch Teil des Selbstverständnisses von Leonardo da Vinci, der als Astronom und Erdvermesser nach einer göttlichen Harmonie suchte. Diese vermutete er in ganzzahligen Verhältnissen in der Natur, aber auch in mathematischen Konstanten, wie dem goldenen Schnitt. Berühmt sind die unzähligen geometrischen Zeichnungen Leonardos auf seinen Skizzenblättern, aber auch seine Illustrationen von dreidimensionalen geometrischen Objekten für das Buch des Mathematikers Luca Pacioli über den goldenen Schnitt.

Darstellungsfehler

Das Gemälde enthält Darstellungsfehler und Auffälligkeiten, die einen geometrischen Charakter haben

  • das streng geformte Haar betont den Mittelscheitel auffallend in einem Punkt
  • Ihr schlichtes schwarzes Stirnband ist zu geradlinig für ein Band um ihren runden Kopf
  • das goldene Stirnband erscheint zum schwarzen Stirnband parallel und nur zum Rand hin gebogen
  • Augen und rechtes Ohr des Hermelins wirken in einem gleichseitigen Dreieck angeordnet

I Der Blick des Hermelins

Leonardo malt ein fröhlich auf Betrachtende blickendes Hermelin, was durch die Konstruktionslinien deutlich wird.

  • der goldene Schnitt der Bildbreite verläuft durch das linke Auge des Hermelins (orange Linie)
  • der goldene Schnitt der Bildhöhe verläuft durch das rechte Auge des Hermelins (orange Linie)
  • die Mittelsenkrechte der Bildbreite verläuft durch das rechte Ohr des Hermelins (rote Linie)
  • das rechte Auge des Hermelins befindet sich exakt in der Mitte von Mittelsenkrechter (rot) und goldenem Schnitt der Bildbreite (orange Linie)
  • die drei Punkte lassen sich zu einem gleichschenkligen Dreieck verbinden (grünes Dreieck). Die Innenwinkel betragen 120° und zweimal 30°.

Mit diesem Wissen verwandeln sich die drei Punkte nun zu einer zweiten, das ursprüngliche Gesicht des Hermelins überlagernden Version, die lächelnd direkt auf den Betrachter blickt (I + Mouseover). Hier zeigt sich beispielhaft der für Leonardos Malerei typische wissende und humorvolle Geist, mit dem er seine Werke erdachte.

Das Hermelin ist das Schutztier der Schwangerschaft. Ein lächelndes Hermelin deutet auf eine glückliche Geburt.

II Der Blick der Cecilia

Mit dem Wissen um das Gesicht des Hermelins wird nun das Gesicht der Cecilia untersucht.

  • begrenzt vom goldenen Schnitt der Bildhöhe (orange Linie) und der Mittelsenkrechten (rote Linie) spannt sich ein Quadrat am rechten Bildrand auf (rote Querlinie). Die obere Linie des Quadrats verläuft durch beide Augen der Cecilia.
  • von Cecilias Mittelscheitel trifft ein 45° Winkel beide Augen (weiße Linien)
  • von dem eben aufgespannten Quadrat lässt sich nach oben hin zum schwarzen Stirnband ein Rechteck ziehen. Dieses hat das Seitenverhältnis von 4:3 und dessen untere Kante befindet sich exakt auf 3/4 der Bildhöhe.
  • von der Höhe ihres schwarzen Stirnbands kann nach unten hin eine Linie zur Pfote des Hermelins gezogen werden, die vom horizontalen goldenen Schnitt ebenfalls im goldenen Schnitt geteilt wird (gelbe Linie)
  • Die rechte Pfote des Hermelins stützt sich auf einen 45° Winkel (grünes Dreieck) der links von der Bildmitte und rechts vom goldenen Schnitt begrenzt wird. Es ist dasselbe Dreieck, dass sich oberhalb ihres Gesichts ergeben hat (grünflächige Dreiecke).

Die rechte Pfote des Hermelins, hier als Wappentier des Herzogs Ludovico, die sich auf das untere Dreieck stützt, steht in dem maskulin-erotischen Kontext (s. Ein Akt der Liebe). Dass obere Dreieck steht im Kontext des Blicks der Cecilia. Dass beide Dreiecke annähernd gleich groß, also harmonisch sind, lässt die Interpretation zu, dass die amouröse Beziehung der beiden zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes glücklich ist.

III Das Haus vom Nikolaus

Heute vor allem als Kinderspiel bekannt, eignet sich das Haus vom Nikolaus als eines der einfachsten Beispiele für das möglichst effiziente Verbinden von Punkten durch Strecken, hier sind es fünf Punkte. Die Fragestellung kann bei zunehmender Anzahl der Punkte und veränderten Positionen schnell sehr komplex werden. Der berühmte Mathematiker Leonhard Euler hat das Problem im 18. Jh. erstmals genauer untersucht (Königsberger Brückenproblem).

Bis heute ist die sogenannte Graphentheorie ein Teilgebiet der diskreten Mathematik bzw. der theoretischen Informatik. Wenn z.B. Google Maps den schnellsten Weg von Punkt A nach B vorschlägt, bedient sich das Programm unter anderem der Erkenntnisse der Graphentheorie.

Leonardo da Vinci muss sich ca. 200 Jahre vor Euler ebenfalls mit der Frage beschäftigt haben, was sich in der Bildgeometrie der Dame mit dem Hermelin manifestiert.

  • von Cecilias rechtem Auge, der vertikalen Bildmitte führt ein 22,5° Winkel zu der Stelle, an der der vertikale goldene Schnitt auf das goldene Stirnband trifft (grüne Linien). Der 22,5° Winkel ist der Mittelpunktwinkel eines regelmäßigen Sechszehnecks.
  • ebenfalls führt vom Ansatz ihres linken Auges ein 22,5° Winkel zum Schnittpunkt von goldenem Stirnband und Mittelsenkrechter
  • Vom Schnittpunkt der beiden Linien kann zu dem bereits bekannten Punkt des Mittelscheitels ein Winkel von exakt 72° (s. goldener Schnitt) gezogen werden, dem Mittelpunktwinkel eines regelmäßigen 5-Ecks (dunkelblaue Linie)
  • Die Winkel vom goldenen Stirnband zum Punkt des Mittelscheitels sind ebenfalls nicht zufällig gewählt, sie sind entgegen dem Uhrzeigersinn von links unten beginnendend nacheinander 45°, 75° und 60° groß. Es ergibt sich jenes Dreieck, das Leonardo in allen seinen Porträts immer vom Mittelscheitel ausgehend in Szene setzte (grüne Fläche), z.b. in der Belle Ferroniere, Johannes dem Täufer oder der Mona Lisa
  • Verbindet man nun alle soeben bestimmten Punkte, ergibt sich das heute als Haus vom Nikolaus bekannte Muster (grüne Linien im Stirnbereich)
  • Durch geometrische Verschiebung kann das obere grünflächige Dreieck der Stirn so in einer geraden Bahn so nach unten geschoben werden, dass es auf das bereits vorhandene gleichschenklige Dreieck am Kopf des Hermelins aufsetzt (unteres grünflächiges Dreieck). Das so verschobene Dreieck ist genau gleich groß wie das an ihrer Stirn. Die obere Spitze des unteren Dreiecks befindet sich exakt an der Spitze des linken Ohrs des Hermelins. Somit stehen beide Ohren und beide Augen des Hermelins in einem geometrischen Zusammenhang

Fazit zur geometrischen Analyse

Es ist auch in diesem Gemälde gezeigt worden, dass Leonardo markante Punkte, Linien und Formen im Gemälde mit einem geometrischen Netz verwebt, um dadurch die inhaltliche Tiefe zu verbessern.

Am auffälligsten und im Kontrast zu den anderen Leonardo Porträts ist die starke Akzentuierung der Bildgeometrie auf den schmalen Bereich zwischen der Mittelsenkrechten und dem vertikalen goldenen Schnitt (rote und orange Vertikale). Die gesamte Bildgeometrie findet dort statt. Durch den vertikalen Charakter und die Dreiteilung der Sinneinheiten entsteht der Eindruck einer geometrischen Projektion von oben nach unten. In deren Verlauf wird ein Dreieck in drei Phasen verschoben, gedreht und gekippt.

Im Vergleich mit der Geometrie anderer Leonardo Gemälde wirkt die Dame mit dem Hermelin insgesamt recht einfach konstruiert. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Leonardo hier nur ein Quadrat in Szene setzt II, das sich vom goldenen Schnitt der Bildhöhe zu den Augen aufspannt, links begrenzt von der Mittelsenkrechten, rechts vom Bildrand (rote Linie). Bestimmend für die Belle Ferroniere ist eine Aufteilung in vier Quadrate, bei der Mona Lisa sind es sechs Quadrate.

Einordnung ins Gesamtwerk

Im Hinblick auf die zunehmende Komplexität der geometrischen Abhängigkeiten in Leonardos späteren Werken drängt sich so die Vermutung auf, die Dame mit dem Hermelin wäre der Auftakt einer dreiteiligen Porträtreihe, die mit der Mona Lisa ihren Abschluss findet. Da nur wenige der heute noch Leonardo zugeschriebenen Gemälde ein in dieser Hinsicht konsistentes geometrisches Schema haben, ist dies der Schlüssel, die Zuschreibungen an Leonardo weiter einzugrenzen.

Umgekehrt darf das aber nicht bedeuten, dass eine komplexe Bildgeometrie unweigerlich eine Autorschaft Leonardos beweist, wie am Beispiel des Bildnisses der Ginevra de' Benci deutlich wird. Das Gemälde soll ca. 15 Jahre vor der Dame mit dem Hermelin entstanden sein, ist jedoch hinsichtlich der Bildkonstruktion wesentlich komplexer. Zu diesem Eindruck tragen auch die zahlreichen und klar erkennbaren Doppelbilder bei. Doch vor allem durch die Analyse der Bildgeometrie kommen begründete Zweifel auf, dass es sich um ein Werk von Leonardo da Vinci handelt.

Es ist vor diesem Hintergrund ein Fehler, die Geometrie in Leonardos Gemälden außer Acht zu lassen, wenn die Echtheit seiner Gemälde diskutiert wird. Leonardos universales Verständnis der Geometrie war stets ein wesentlicher Bestandteil seiner Werke, wie sich in allen seiner hier besprochenen Gemälde zeigen wird.

Die Dame mit dem Hermelin ist in dieser Hinsicht das am wenigsten komplexe Werk Leonardos und muss daher als der Beginn eines Gemäldezyklus betrachtet werden, der sich dadurch auszeichnet, dass die Gemälde über eine geometrische Symbolik verwoben wurden.

Leonardos Liebe zur Natur

Leonardo war Vegetarier und sah in allem zuerst die Natur. Ein Tier seiner Freiheit zu berauben und es zum eigenen Gefallen einzusperren, muss auf ihn zutiefst befremdlich gewirkt haben.

Die Haustierhaltung

Hermeline ernähren sich vorwiegend von kleinen Nagetieren. Dadurch wurden sie von den Menschen zur Zeit Leonardo da Vincis häufig als Mäusejäger gehalten. Mäuseplagen mit Katzen zu bekämpfen kam in Europa erst später auf.

Über die ganz praktischen Probleme einer Haustierhaltung gibt er Hinweise, die darüber nachdenken lassen sollen, ob die Geschöpfe der Natur nicht doch besser in Freiheit sein sollten, statt diese z.B. wegen ihres weichen Fells ihrer Freiheit zu berauben. Zumal es doch sehr mühsam ist, die von Natur aus nach Freiheit strebenden Wesen festzuhalten. Das sich dem festen Griff der Dame entwindende Wiesel, dessen angespannte rechte Pfote bereits zum Sprung bereit ist und dessen Hinterbeine sich ebenfalls dem Griff der Dame entziehen deuten den Freiheitsdrang des Tieres an.

Leonardo zeigt im linken Ärmel (oranger Saum), wie scharfkrallig ein Haustier sein kann, das mit seiner rechten Pfote soeben den blauen Ärmel des Kleides von oben nach unten aufgerissen zu haben scheint, so dass der darunter liegende rote Stoff zum Vorschein kommt.

Auch der Beißtrieb des Tieres, wird durch dunkle Flecken um das Maul des Tieres angedeutet. Sie könnten von geronnenem Blut durch einen vorangegangenen Biss des Raubtiers stammen.

Dazu befindet sich die Nase der Dame genau über der Nase des Hermelins. Ein Hinweis auf den starken Körpergeruch der Hermeline.

Vegetarismus und Fleischkonsum

Und zuletzt spricht die schwarze Halskette der Dame für Leonardos Verständnis der Beziehung von Mensch zu Tier. Da wo die Glieder nicht plastisch zu Kugeln ausgearbeitet sind, da wo sich keine Lichtquelle spiegelt, also in unmittelbarer Nähe zum Hals, erinnern sie an tellerförmige Plättchen, ganz wie schwarze Linsen, die durch ihren hohen Eiweißgehalt heute vor allem Veganern als Fleischersatz dienen. Leonardo war Vegetarier.

Wohingegen die rechten Kugeln wie getrocknete schwarze Früchte wirken, ganz wie Pfefferkörner, die häufig zu Fleisch gereicht wurden. So ist die Kette, ganz in Leonardos Verständnis, ein Hinweis darauf, die Natur zuerst nach Alternativen zu befragen, als die ihr innewohnenden Lebewesen ohne Not zu verspeisen.

Der natur­wissen­schaftliche Aspekt

Der Mailänder Hof war Frankreich politisch sehr nahe. Der Mailänder Herzog Ludovico pflegte enge diplomatische Beziehungen. Leonardo nahm ebenso Kontakt mit Ihnen auf, da sie seine Kunst bewunderten. Als Mailand später von den Franzosen erobert wurde, trat Leonardo in die Dienste des französischen Statthalters von Mailand, später sogar in die direkten Dienste des französischen Königs.

Daher war Leonardo die französische Übersetzung von Hermelin bekannt, Ermine. Da Franzosen das H nicht sprechen, klingt nach französischen Verständnis Ermine wie die weibliche Form des Namens Hermes, Hermine.

Hermes war in der griechischen Mythologie ein Sohn von Zeus und der Nymphe Maia. Dadurch selbst ein Gott, wurde er von seinem Vater damit betraut, dessen Botschaften zu überbringen. Die Römer übernahmen später das Göttersystem der Griechen. Sie änderten allerdings die Namen der Götter.

So heißt Hermes bei den Römern nun Merkur. Als Mercurius tauchte er ebenfalls in Ovids Metamorphosen auf.

Geschichte des Gemäldes

Es wird heute kaum bestritten, dass das Gemälde von Leonardo da Vinci gemalt wurde. Dieser stand von ca. 1483 bis 1499 in den Diensten des Herzogs von Mailand, Ludovico Sforza. Vermutlich gab der Herzog den Auftrag, ein Porträt seiner Mätresse Cecilia Gallerani anzufertigen. Auftragsdokumente, Verträge oder ähnliches sind allerdings nicht bekannt.

Da das Werk verschiedentlich auf die Schwangerschaft der jugendlichen Cecilia anspielt, muss es im Jahr 1490 gemalt worden sein, da ihr einziges Kind mit dem Herzog im Mai 1491 zur Welt kam.

Die historische Existenz eines von Leonardo gemalten Porträts der Cecilia ist ausreichend belegt. Unter anderem durch einen Briefwechsel von 1498, in dem Isabella d’Este Cecilia bittet, ihr ein Bild zu leihen, dass Leonardo von ihr „nach der Natur gemalt“ hat. Sie wollte es mit einem Werk des venezianischen Malers Bellini vergleichen. Cecilia kam der Bitte nach, verwies aber in ihrem Antwortschreiben darauf, dass das Bild ihr nicht mehr ähnlich sehe, da es sie in einem "unfertigen Alter" zeige.

Die schrittweisen Übermalungen durch Leonardo

Der Physiker Pascal Cotte hat in den 2000er Jahren in einer vielbeachteten Arbeit durch ein spezielles radiologisches Verfahren die Phasen der Entstehung rekonstruieren können.

Leonardo da Vinci – Dame Hermelin, Entstehungsphasen
@Pascal Cotte / Lumiere Technology – Ergebnis der radiologischen Untersuchung durch den französischen Physiker Pascal Cotte. Das Bild zeigt die verschiedenen Entstehungsphasen des Gemäldes. Rechts ist zu erkennen, dass der Hintergrund ursprünglich dunkelblau war und nach rechts etwas heller wurde. Später wurde er schwarz übermalt

Ursprünglich war das Bild ohne Hermelin angelegt, in einem zweiten Schritt wurde der Dame ein graues marderartiges Tier in den Arm gelegt, und schließlich ist daraus die dritte Version mit dem übergroßen Hermelin entstanden, die heute zu sehen ist.

Es ist daher denkbar, dass es dem Herzog ursprünglich nur darum ging, Cecilia porträtieren zu lassen. Als sie während der Arbeiten am Bild schwanger wurde, fügte Leonardo ein wieselartiges Wesen hinzu. Das Wiesel ist seit der Antike das Schutztier der Schwangeren. Vermutlich auf Wunsch des Herzogs wurde das Wiesel dann zu einem übergroßen und muskulösen Hermelin im Winterfell umgearbeitet. Der Beiname des Herzogs war "Weißes Hermelin".

In der Biblioteca Ambrosiana, Mailand

Das Gemälde verblieb im Besitz von Cecilia Gallerani bis sie 1536 starb. Nach ihrem Tod blieb das Gemälde zunächst in Mailand. Noch im achtzehnten Jahrhundert schrieb Carlo Amoretti, der Bibliothekar der Mailänder Biblioteca Ambrosiana, dass es sich dort als Teil der Sammlung des Marchese von Bonasana befände.

Im Besitz der polnischen Fürstenfamilie Czartoryski

Um 1800 kauft der polnische Fürst Adam Jerzy Czartoryski das Gemälde auf einer Italienreise und schenkt es seiner Mutter Izabela Czartoryska. Diese baute eine Kunstsammlung auf und kam durch Vergleichen irrigerweise zu dem Schluss, dass die Dargestellte Dame mit dem Hermelin und die Belle Ferroniere dieselben Personen darstellen. Daraufhin ließ sie in der linken oberen Ecke des Gemäldes eine Aufschrift anbringen.

LA BELE FERONIERE
LEONARD DAWINCI

Leonard Dawinci ist die polnische Schreibweise von Leonardo da Vinci. Sie ließ vermutlich noch weitere Anpassungen vornehmen: Kette, Stirnband und Verzierungen des Kleides wurden mit kräftigeren Farben übermalt. Ebenso Konturen der Nase, Haarsträhnen und Pupillen. Dazu erhielt sie etwas Rouge auf den Wangen. Eventuell hat sie auch den ursprünglich leicht bläulichen Verlauf im Hintergrund in ein monochromes Schwarz übermalen lassen.

Wechselhafte Aufenthaltsorte

Das Bildnis befand sich dann im „Gotischen Häuschen“ in der Czartoryski-Residenz in Puławy (Polen). Wegen eines russisch-polnischen Krieges floh die Fürstenfamilie 1831 nach Paris. Dass Gemälde galt offiziell als verschollen, befand sich aber im Pariser Nobelhotel Lambert, in dem die Familie ihr Quartier bezog. Um 1871 kehrten die Czartoryski aus dem Pariser Exil nach Krakau zurück und mit ihnen auch die Dame mit dem Hermelin. 1876 wurde das Gemälde im Krakauer Czartoryski-Museum erstmals öffentlich ausgestellt.

Nach der Niederlage Polens im zweiten Weltkrieg wurde das Gemälde 1939 beschlagnahmt und ins Kaiser-Friedrich-Museum nach Berlin verbracht (heute Bode-Museum). Das Gemälde sollte dann mit vielen weiteren von den Deutschen beschlagnahmten Gemälden in dem geplanten Führermuseum in Linz ausgestellt werden. Doch gelangte der deutsche Generalgouverneur Polens, Hans Frank, 1940 in den Besitz des Gemäldes und ließ das Bild dann in seine Residenz überführen, die Wawel-Burg im Zentrum Krakaus.

Als Hans Frank gegen Kriegsende in sein Landhaus nach Bayern flüchtete, nahm er es dorthin mit, wo das Gemälde 1945 von den Amerikanern gefunden wurde.

Im Besitz des polnischen Staates

Diese brachten es zurück nach Krakau. Es befindet sich heute im Besitz des polnischen Staates und wird im Czartoryski-Museum in Krakau ausgestellt.

Bedeutung für die Kunstgeschichte

Leonardos Werk demonstriert auch hier auf überlegene Weise, wie es gelingen kann mit wenigen gestalterischen Mitteln eine ungeheure Ausdruckstiefe zu erzeugen.

Für die Kunstgeschichte hat Leonardos erstes Frauenporträt vor allem dadurch eine große Bedeutung, weil mit dieser Darstellung von der Dame mit dem Hermelin die bis dahin geltende traditionelle steife Portraitdarstellung zugunsten einer dynamischer wirkenden Drehbewegung abgelöst wurde.

Auch die beiden anderen Frauenporträts Leonardos, La Belle Ferroniere und Mona Lisa, weisen die typische Drehung auf, die stets den Eindruck erweckt, die Dargestellte würde auf den Betrachter reagieren, oder, wie im Falle der Dame mit dem Hermelin, auf einen Dritten.

Natur, wer erregt deinen Zorn, wer erregt deinen Neid?

Es ist Vinci, der einen eurer Sterne gemalt hat!
Cecilia, die heute so schön ist, ist diejenige.
Neben deren schönen Augen die Sonne wie ein dunkler Schatten erscheint.

Alle Ehre dir, auch wenn in seinem Bild
Sie zu hören und nicht zu reden scheint.
Denke nur, je lebendiger und schöner sie ist,
desto größer wird ihr Ruhm in künftigen Zeiten sein.
Sei also Ludovico dankbar, oder vielmehr
Dem Talent und der Hand Leonardos
Die euch erlaubt, Teil der Nachwelt zu sein.
Jeder, der sie sieht - auch wenn es zu spät ist
Um sie lebendig zu sehen - wird sagen: das genügt uns
Zu verstehen, was Natur und was Kunst ist.

Antonio Tebaldeo (1463-1537) Erzieher der Isabella d’Este, Herzogin von Mantua und Schwägerin des Mailänder Herzogs

Quellen

Website des ausstellenden Museums: Czartoryski Muzeum, Krakau

Frank Zöllner, Leonardo, Taschen (2019)

Frank Zöllner/ Johannes Nathan, Leonardo da Vinci - Sämtliche Zeichnungen, Taschen (2019)

Martin Kemp, Leonardo, C.H. Beck (2008)

Charles Niccholl, Leonardo da Vinci: Die Biographie, Fischer (2019)

Johannes Itten, Bildanalysen, Ravensburger (1988)

Besonders empfehlenswert

Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch – Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten, Schirmer/ Mosel (2019)

Leonardo da Vinci, Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, Schirmer/ Mosel (2011)

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