Leonardo da Vinci – Fabeln

Hinweise zu den Übersetzungen

Das Problem der Umdichtungen durch Bruni Nardini

Aktuell gibt es zwei Heftchen in denen die Fabeln Leonardos in Buchform zu erwerben sind. Die eine "Der Esel auf dem Eis" vom Unionsverlag und eine zweite ältere Version "Leonardo da Vinci, Fabeln", erschienen zuerst 1978 im Reclam Verlag. Beiden liegt die Übersetzung aus dem Italienischen von Rudolf Hagelstange (1912-1984) zu Grunde, der als Grundlage seiner Übersetzungen nicht die Orginaltexte von Leonardo da Vinci verwendete, sondern er nutzte die Texte eines Bruni Nardini. Bruni Nardini (1921-1990) galt als Kenner der Renaissance und hat unter anderem die Fabeln von Leonardo da Vinci aus dessen Manuskripten zusammengetragen.
Bei der Abschrift hat sich Nardini aber einige Freiheiten herausgenommen. Oftmals sind die Fabeln in Leonardos Original nur als Gedanken notiert oder lediglich kurze Sätze. Nardini hat diese Gedanken dann sehr frei ausformuliert, vermutlich um sie dadurch einem breiteren Publikum bekannt machen zu können. Dadurch geht aber häufig die stechende Präzision dieser Gleichnisse aus der Natur verloren. Wie dem Witz, den man als Kurzgeschichte erzählt. Die so von Nardini ausgeschmückten, aber dennoch sehr knappen Gleichnisse, müssen dem Leser dann wie zu kurze in sich geschlossene Geschichtchen erscheinen, die sie aber nicht waren. Sie waren eine Sammlung von Gleichnissen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, manche länger, manche kürzer. Ob Leonardo plante sie später weiter auszuführen und in Buchform herauszugeben, sie nur eine geistige Übung waren oder sie als fantastische Vorüberlegungen für seine Bilderzählungen dienten, ist nicht bekannt.
Hier sollen nun die Fabeln so veröffentlicht werden, wie Leonardo sie tatsächlich niederschrieb. Nichts wird hinzugefügt. Dennoch handelt es sich um eine Übersetzung, die freilich die grammatikalischen Eigenheiten der italienischen Formulierungen Leonardos nicht exakt wiedergeben kann. Bei Gefallen können einzelne Fabeln durch den Leser selbst weiter ausgeführt werden. Er stünde so der Überarbeitung Nardinis in nichts nach.

Vergleich von Nardinis Übersetzung mit dem Original

Der Originaltext von Leonardo da Vinci

Als der Esel auf der Eisfläche eines tiefen Sees einschlief, schmolz das Eis durch seine Körperwärme. Zu seinem großen Leidwesen wachte der Esel unter Wasser auf und ertrank an Ort und Stelle.

Nardinis Übersetzung

Es war einmal ein müder Esel, der vermeinte, nicht mehr bis zum Stall gehen zu können. Es war Winter und sehr kalt; alle Straßen waren vereist. »Ich bleibe hier«, sagte der Esel und ließ sich zu Boden fallen. Ein kleiner, hungriger Spatz näherte sich ihm und flüsterte ihm zu: »Esel, du bist nicht auf der Straße, sondern über einem zugefrorenen See. Gib acht!« Der Esel, schläfrig, gähnte genüsslich und schlief ein. Aber seine Körperwärme begann nach und nach, das Eis aufzutauen, bis es mit einem Krachen brach. Als sich der Esel im Wasser wiederfand, fühlte er sich doch sehr beunruhigt. Aber jetzt war es zu spät, und er ertrank.

Gegenüberstellung

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass Nardini den ursprünglichen Text im Umfang verdreifacht hat. Durch die die bekannte Formel "Es war einmal ..." versucht Nardini aus dem kurzen Gleichnis Leonardos eine Art Märchen zu machen, das die an sich inhaltsleere Szene aber nicht hergibt. Dadurch wirkt Nardinis Variante plump, weil sie ausgeführt aber dennoch leer und immer noch zu kurz erscheint.
Leonardo ging es bei seiner Variante wahrscheinlich nur um die Natur und den unvernünftigen Umgang mit dieser. Ein alljährlicher Vorgang, nämlich die Veränderung des Aggregtazustandes von festem Eis in flüssiges Wasser unter Einwirkung von Wärme wird einem unvorsichtigen Esel zum Verhängnis. Der Esel kennt dieses Naturgesetz eben nicht. Es ist typisch für Leonardo zu versuchen abstrakte Naturgesetze und deren ganz praktische Auswirkungen in den Alltag zu übertragen.

Nardini belässt es nicht bei der von Leonardo aufs wesentliche reduzierten Szene. Das kurze lehrreiche Bild wird bei Nardini erklärt und in der Person des belehrenden Spatzes dem Leser so verständlich gemacht, dass sich die Lehre des Bildes wirklich jedem erschließen kann. Auch meint er, es sei nötig dem Esel eine kurze Vorgeschichte geben zu müssen, Gründe für sein Handeln zu erfinden. Er setzt sich in beinah arrogant wirkender Weise über Leonardos Kunst hinweg, indem er sie für unvollständig erklärt. Es ist am Leser selbst zu entscheiden, welche Version er lieber mag.

Wer zur Quelle gehen kann, der gehe nicht zum Krug.

Leonardo da Vinci zugeschrieben

Die Fabeln Leonardos – Eine Auswahl

Die folgenden Texte sind im Gegensatz zu Nardinis Versionen ohne Ergänzungen von Leonardos Originaltexten aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt worden. Auf diese Art soll sich der Kern des Textes klarer hervorheben. Und die eigentliche Absicht Leonardos nicht durch inhaltliche Einschübe verschleiert werden. Da wo es sich anbietet wurden zur optischen Auflockerung thematisch passende Zeichnungen Leonardos eingebunden. Neben den hier vorgestellten gibt es noch mindestens 30 weitere Fabeln in dem Büchlein "Der Esel auf dem Eis" (Unionsverlag), dann allerdings in Nardinis Version.

Der Feuerstein

Als der Feuerstein vom Eisen getroffen wurde, wunderte er sich sehr und sagte mit strenger Stimme zu ihm: "Welcher Hochmut bringt dich dazu, mich zu bedrängen? Lass los, denn du hast mich aus Versehen erwählt. Ich habe noch nie jemandem etwas zuleide getan." Darauf antwortete der Stahl: "Wenn du Geduld hast, wirst du sehen, was für ein wunderbares Ergebnis aus dir herauskommen wird." Bei diesen Worten wurde der Feuerstein besänftigt und ertrug geduldig seine Prüfung, und er sah, wie er das wunderbare Element des Feuers hervorbrachte, das sich durch seine Kraft für unzählige Dinge als wesentlich erwies. Dies sei denen gesagt, die anfangs mit ihren Studien unzufrieden sind, sich dann aber beherrschen und sich geduldig und kontinuierlich ihren Studien widmen, und in diesem Zusammenhang sehen Sie, wie wunderbare Dinge zustande kommen.

Der Esel auf dem Eis

Als der Esel auf der Eisfläche eines tiefen Sees einschlief, schmolz das Eis durch seine Körperwärme. Zu seinem großen Leidwesen wachte der Esel unter Wasser auf und ertrank an Ort und Stelle.

Die Auster und die Krabbe

Bei Vollmond öffnet sie sich ganz, und wenn die Krabbe sie erblickt, wirft sie einen kleinen Stein oder einen Halm hinein. So kann sie sich nicht mehr schließen und wird zur Nahrung für die Krabbe. In gleicher Weise macht sich derjenige, der seinen Mund öffnet, um sein Geheimnis zu verraten, zur Beute des indiskreten Zuhörers.

Leonardo da Vinci - Krabben
Studie zu Krabben, Leonardo da Vinci

Die Auster und die Ratte

Die Auster, die zusammen mit anderen Fischen aus dem Haus eines Fischers unweit des Meeres geworfen worden war, bat die Ratte, sie ins Meer zu bringen. In der Absicht, sie zu essen, überredete die Ratte die Auster, sich zu öffnen, und als sie zubiss, klemmte die Auster ihren Kopf ein und hielt sie fest. Dann kam die Katze und tötete die Ratte.

Leonardo da Vinci - Katzen und Drachen
Bewegungsstudie zu Katzen und Drachen, Leonardo da Vinci

Der Pelikan

Er empfindet die größte Liebe für seine Verwandten, und wenn er sie durch Schlangenbiss tot im Nest findet, sticht er sich selbst ins Herz und badet sie in seinem sprudelnden Blut, bis sie ins Leben zurückkehren.

Die Spinne im Schlüsselloch

Nachdem eine Spinne das ganze Haus von innen und außen erkundet hatte, beschloss sie, sich zu verstecken. Sie beschloss, sich in einem Schlüsselloch zu verstecken. Was für ein idealer Zufluchtsort! Wer hätte sie hier jemals entdecken können? Weiß Gott, sie hätte sich am Rand des Schlüssellochs zeigen und alles überblicken können ohne sich in Gefahr zu begeben. "Dort unten", sprach sie zu sich selbst und schaute verstohlen auf die Steinschwelle, "werde ich ein Netz für die Fliegen machen. Hier oben", fügte sie hinzu und erkundete die Stufe, "werde ich ein weiteres für die Raupen spannen. Hier, neben dem Türklopfer, werde ich eine kleine Mückenfalle aufstellen." Die Spinne freute sich. Das Schlüsselloch gab ihr eine neue und ungewohnte Sicherheit. So eng, dunkel, eisenverkleidet, es schien uneinnehmbarer als eine Festung, sicherer als jede Rüstung. Während sie diesen Gedanken nachhing, drang ein Geräusch von Schritten an ihr Ohr. Also zog sie sich klugerweise in ihr Versteck zurück. Jemand blieb vor der Tür stehen, um das Haus zu betreten. Ein Schlüssel klapperte, drang durch das Schlüsselloch und zerquetschte die Spinne.

Der Floh und das Schaf

Als der Hund auf einem Schaffell schlief, beschloss einer der Flöhe, als er den Geruch der fettigen Wolle roch, dass dies ein besserer Platz zum Leben sein müsse, als sich von dem Hund zu ernähren, und auch geschützter vor seinen Zähnen und Krallen. Ohne weiter nachzudenken, verließ er den Hund und ging in die dichte Wolle. Mit größter Anstrengung begann er, bis zu den Haarwurzeln hinunterzuklettern, aber nach viel vergossenem Schweiß erwies sich dieses Unterfangen als unmöglich. Denn die Haare lagen so dicht beieinander, dass sie sich fast berührten, und es gab keine Stelle, an der der Floh die Haut hätte schmecken können. Nach einer langen Anstrengung und Qual wollte er zu seinem Hund zurückkehren. Aber der Hund war schon fort, und so musste der Floh nach langen Gewissensbissen und bitteren Tränen verhungern.

Die Nuss und der Kirchturm

Eine Nuss, die die Krähe auf einen hohen Kirchturm getragen hatte, war dem tödlichen Schnabel durch einen Spalt entkommen, in den sie gefallen war. Sie bat die Mauer um Hilfe für die Gnade, die Gott ihr gewährt hatte, indem er sie so hoch und groß und reich an so schönen Glocken von so ehrwürdigem Klang gemacht hatte. Und dass die Wand sie nicht sich selbst überlassen solle, weil sie doch nicht unter die grünen Zweige ihres alten Vaters hatte fallen können, wo sie in der fetten Erde liegen und von seinen fallenden Blättern bedeckt sein würde. Denn als sie im Schnabel der grausamen Krähe gewesen war, hatte sie geschworen, ihr Leben in einem kleinen Loch zu beenden, wenn sie der Krähe entkommen würde. Von Mitleid bewegt, war die Wand bei diesen Worten froh, sie an dem Ort aufzunehmen, in den sie gefallen war. Und nach kurzer Zeit begann die Nuss aufzuplatzen, zwischen den Ritzen der Steine Wurzeln zu schlagen, sie zu vergrößern, Triebe aus ihrer Höhlung zu strecken und wenig später über das Gebäude zu erheben. Und als die gewundenen Wurzeln dicker wurden, begannen sie, die Wände auseinander zu drücken und die alten Steine von ihrem Platz zu verdrängen. Spät und vergeblich weinte dann die Mauer um die Ursache ihres Untergangs, und in kurzer Zeit spaltete sie sich und stürzte mit ihren Gliedern in großen Stücken zusammen.

Leonardo da Vinci - Studie einer Festungsanlage
Studie einer Festungsanlage, Leonardo da Vinci

Die Lämmer

Das allerhöchste Beispiel für Demut ist das Lamm, das sich jedem Tier unterwirft. Und wenn die Lämmer den Löwen im Käfig zum Fressen gegeben werden, unterwerfen sie sich ihnen wie ihrer eigenen Mutter, so dass man oft gesehen hat, wie die Löwen sie nicht töten wollten.

Der Habicht und die Ente

Der Habicht konnte nicht geduldig warten, bis sich die Ente, die auf der Flucht vor ihm ins Wasser getaucht war, versteckt hatte, und wollte sie unter Wasser verfolgen. Mit durchnässten Federn blieb er im Wasser, die Ente erhob sich in die Luft und verspottete den Falken, der daraufhin ertrank.

Der Adler

Man sagt vom Adler, dass er nie so hungrig ist, dass er nicht etwas von seiner Beute den Vögeln in seiner Umgebung überlässt. Und weil diese sich nicht selbst ernähren können, müssen sie Höflinge des Adlers sein, denn auf diese Weise erhalten sie Nahrung.

Die Raupe

Die Raupe, die durch fleißiges Studium mit wunderbarem Geschick und feinster Arbeit eine neue Behausung um sich zu spinnen weiß, aus der sie dann mit schön bemalten Flügeln schlüpft, mit denen sie sich in den Himmel erhebt.

Das Rasiermesser

Eines Tages verließ das Rasiermesser den Griff, mit dem es sich selbst umhüllte, und stellte sich in die Sonne. Dort sah es, wie sich die Sonne auf seinem Körper spiegelte. Erfüllt von größtem Stolz wandte es seine Gedanken der Vergangenheit zu und begann mit sich selbst zu sprechen: Soll ich zurück in den Laden gehen, den ich gerade verlassen habe? Sicherlich nicht. Es kann nicht der Wille der Götter sein, dass eine so strahlende Schönheit sich zu solch gemeinen Dingen herablassen sollte. Welcher Wahnsinn könnte mich dazu bringen, die eingeseiften Bärte grober Bauern abzukratzen und solch einfache Dienste zu verrichten? Ist dieser Körper für solche Übungen gemacht? Sicherlich nicht. Ich will mich an einem geheimen Ort verstecken und dort still und ungestört mein Leben verbringen." Und nachdem es sich einige Monate lang versteckt hatte, kehrte es eines Tages an die Luft zurück, und als es seine Schale verließ, fand es, dass sie einer rostigen Säge glich und dass sich in ihrer Oberfläche die strahlende Sonne nicht mehr spiegelte. Mit nutzloser Reue weinte es vergeblich über den irreparablen Schaden und sagte zu sich selbst: Wie viel besser war es, beim Barbier meine verlorene Klinge zu üben, die einst so ungeheuer scharf war. Wo ist jetzt die glänzende Oberfläche? Das Gleiche passiert denen, die ihren Geist dem Müßiggang überlassen, statt ihn zu üben. Dann verlieren sie, wie das oben erwähnte Rasiermesser, ihre scharfe Klinge, und der Rost der Unwissenheit verdirbt ihre Form.

Der Affe und der Vogel

Als der Affe ein Nest mit Vogeljungen fand, näherte er sich ihnen aufgeregt. Aber sie konnten schon fliegen, und er konnte nur das kleinste packen. Glücklich trug er es in seiner Hand zu seinem Versteck. Dort begann er, den kleinen Vogel zu betrachten und zu küssen. Und in seiner innigen Liebe küsste und umarmte und drückte er es so sehr, dass er ihm das Leben nahm. Dies sei denen gesagt, die ihre Kinder verwöhnen und so Unheil anrichten.

Die Motte und das Licht

Die eingebildete flatternde Motte war nicht damit zufrieden, lässig durch die Luft zu fliegen. Angelockt von der anmutigen Flamme der Kerze, beschloss sie, in diese hineinzufliegen. Ihre freudige Bewegung wurde schlagartig zum Anlass für Traurigkeit, denn in der Flamme verbrannten ihre zarten Flügel. Völlig verbrannt fiel die unglückliche Motte auf den Fuß des Kerzenständers. Nach einer langen Zeit des Bedauerns und Wehklagens trocknete sie ihre tränengetränkten Augen wieder, hob ihr Gesicht und sagte: "Falsches Licht, wie viele hast du in der Vergangenheit kläglich getäuscht wie mich! Wenn ich das Licht sehen wollte, hätte ich dann nicht die Sonne von dem falschen Licht des schmutzigen Tals unterscheiden müssen?"

Die Ulme und der Feigenbaum

Der Feigenbaum stand neben der Ulme, und als er sah, dass ihre Zweige keine Früchte trugen und doch so frech waren, die Sonne von ihren unreifen Früchten abzuhalten, sagte er vorwurfsvoll zu ihr: "Ulme, schämst du dich nicht, vor mir zu stehen? Warte nur, bis meine Kinder erwachsen sind, dann wirst du sehen, wo du dich wiederfindest!" Als die Kinder herangewachsen waren, kam ein Trupp Soldaten vorbei, und sie fielen über den Feigenbaum her, um seine Früchte zu pflücken, brachen die Äste ab und beschädigten ihn. Als er danach mit völlig verstümmelten Gliedern dastand, sagte der Ulmenbaum zu ihm: "Feigenbaum, wie viel besser war es, keine Kinder zu haben, als sich wegen ihnen in einem so elenden Zustand zu befinden!"

Leonardo da Vinci - Baumgruppe
Studie einer Baumgruppe, Leonardo da Vinci

Der Liguster und die Amsel

Der Liguster, der die scharfen Krallen und den Schnabel der aufdringlichen Amsel an seinen schlanken, mit jungen Früchten bedeckten Zweigen spürte, beklagte sich schmerzlich bei der Amsel und bat sie, da sie ihm schon seine teuren Früchte weggenommen hatte, doch wenigstens die Blätter zu lassen, die ihn vor den sengenden Sonnenstrahlen schützten, und nicht mit ihren scharfen Krallen an der zarten Rinde zu kratzen und zu reißen. Darauf antwortete die Amsel mit einem unverschämten Schimpfen: "Ruhig, rohes Reisig! Weißt du denn nicht, dass die Natur dich dazu gebracht hat, diese Früchte als meine Nahrung zu produzieren? Siehst du denn nicht, dass du auf der Welt bist, um mir solche Nahrung anzubieten? Du Flegel, weißt du nicht, dass du im nächsten Winter Nahrung und Vorrat für das Feuer sein wirst?" Diese Worte nahm der Baum geduldig und nicht ohne Tränen entgegen. Doch kurze Zeit später verfing sich die Amsel in einem Netz. Als Äste für einen Käfig gesammelt wurden, in dem die Amsel eingesperrt werden sollte, wurden unter anderem die Zweige des schlanken Ligusters für die Gitterstäbe des Käfigs verwendet. Als er sah, dass sie die Ursache für die verlorene Freiheit der Amsel waren, freute er sich und sagte: "Amsel, ich bin immer noch hier - nicht vom Feuer verbrannt, wie du gesagt hast. Eher sehe ich dich im Gefängnis, als dass du mich verbrannt siehst."

Die Flamme und die Kerze

Einige Flammen hatten bereits einen Monat im Ofen eines Glasbläsers gelebt, als sie eine Kerze in einem schönen polierten Leuchter herankommen sahen. Von großer Begierde ergriffen, kämpften sie darum, zu ihr zu gelangen. Eine von ihnen verließ ihren natürlichen Platz und schlängelte sich in einen hohlen Span, von dem sie sich ernährte. Durch einen kleinen Spalt in der Nähe der Kerze stürzte sie sich mit höchster Gier auf ihn, verschlang ihn und verzehrte ihn, dass es fast zu Ende war. Und da sie ihr Leben verlängern wollte, versuchte sie, in den Ofen zurückzukehren, den sie verlassen hatte. Aber das war vergeblich, und so musste sie sterben und zusammen mit der Kerze vergehen. Weinend und reumütig verwandelte sie sich schließlich in lästigen Rauch und ließ die Schwestern alle in strahlender Schönheit und mit langem Leben zurück.

Das Krokodil 

Dieses Tier ergreift den Menschen und tötet ihn sofort. Nachdem es ihn zu Tode gebissen hat, weint es mit rührender Stimme und vielen Tränen um ihn. Und wenn es sein Wehklagen beendet hat, verschlingt es ihn grausam. So handelt der Heuchler, dessen Gesicht sich bei der geringsten Gelegenheit mit Tränen füllt, während er das Herz eines Tigers zeigt. Und mit tränenverhangenem Gesicht freut er sich in seinem Herzen über das Unglück der anderen.

Die Kröte

Die Kröte flieht vor dem Sonnenlicht, und wenn sie dort gewaltsam zurückgehalten wird, bläht sie sich so sehr auf, dass sie ihren Kopf unter sich verstecken und ihn den Sonnenstrahlen entziehen kann. So macht es auch der Feind der hellen und strahlenden Tugend, der sie durch Zwang und mit seinem vor ihr aufgeblähten Geist ertragen kann.

Der Phönix

Der Phönix entspricht der Unerschütterlichkeit, die von Natur aus um ihre Erneuerung weiß. Er hat die Standhaftigkeit, die feurigen Flammen zu ertragen, die ihn verbrennen, und daraufhin wird er wiedergeboren.

Das Einhorn

Wegen seiner Unmäßigkeit und weil es seine Neigung zu Jungfrauen nicht zu zähmen weiß, vergisst das Einhorn seine Wildheit und Scheu. Allen Argwohn beiseite schiebend, nähert es sich der sitzenden Jungfrau und schläft in ihrem Schoß ein. Auf diese Weise können die Jäger es fangen.

Der Falke und der Adler

Der Falke will aufgrund seiner Arroganz und seines Hochmuts über alle anderen Raubvögel herrschen und befehlen. Er möchte immer der Einzige sein, und oft hat man gesehen, wie der Falke den Adler, den König der Vögel, angegriffen hat.

Der Esel und die Quelle

Wenn der Wildesel zur Quelle geht, um zu trinken, und das Wasser trüb vorfindet, wird sein Durst nie so groß sein, dass er nicht auf das Trinken verzichtet und wartet, bis das Wasser wieder klar wird.

Die Fledermaus

Diese sieht umso schlechter, wo mehr Licht ist, und sowie sie in die Sonne blickt, ist sie blind. Wegen ihrer Lasterhaftigkeit kann sie nicht weilen, wo die Tugend ist.

Die Fledermäuse

Die Fledermaus folgt wegen ihrer zügellosen Begierde keinen allgemeinen Regeln der Lust, sondern Männchen mit Männchen, Weibchen mit Weibchen, wie sie zufällig zusammenkommen, praktizieren sie den Beischlaf.

Der Bär und die Bienen

Vom Bären wird gesagt, dass, wenn er zu den Bienenstöcken geht, um deren Honig zu nehmen, die Bienen ihn zu stechen beginnen, woraufhin er vom Honig ablässt und sich rächt. Und weil er sich an allen rächen will, die ihn stechen, rächt er sich an keinem. So steigert sich sein Zorn bis zur Raserei. Und wütend wirft er sich zu Boden und versucht, sich mit Händen und Füßen vergeblich gegen jene zu wehren.

Der Bienenstaat

Und man kann die Tugend der Gerechtigkeit mit dem Bienenkönig vergleichen, der alles mit Vernunft ordnet und bestimmt, denn einige Bienen sind dazu bestimmt, die Blumen aufzusuchen, andere zur Arbeit, andere zur Bekämpfung der Wespen, wieder andere zur Beseitigung des Schmutzes, und einige als Begleiter und Höflinge des Königs. Und wenn er alt ist und keine Flügel mehr hat, tragen sie ihn. Und wenn einer seinen Pflichten nicht nachkommt, wird er ohne Nachsicht bestraft.

Die Rebhühner

Obwohl sich die Rebhühner gegenseitig die Eier stehlen, kehren die Jungen, die aus diesen Eiern schlüpfen, immer zu ihrer wahren Mutter zurück.

Der Maulwurf

Der Maulwurf hat winzige Augen und bleibt immer unter der Erde. Solange er versteckt ist, lebt er, aber wenn er ans Licht kommt, stirbt er auf der Stelle, weil er erkannt wird. So auch die Lüge.

Der Löwe

Der Löwe hat nie Angst, sondern kämpft mit kühnem Geist gegen die große Schar der Jäger, immer darauf bedacht, denjenigen zu verletzen, der ihn zuerst verletzt hat.

Leonardo da Vinci - Brüllender Löwe
brüllender Löwe, Leonardo da Vinci

Der Hase

Der Hase hat immer Angst. Selbst die Blätter, die im Herbst von den Bäumen fallen, versetzen ihn immer in Angst und er ergreift meistens die Flucht.

Der Fuchs und die Vögel

Wenn der Fuchs einen Schwarm Elstern oder Dohlen oder ähnliche Vögel sieht, wirft er sich sofort mit offenem Maul auf den Boden, so dass er wie tot aussieht. Die Vögel wollen ihm in die Zunge picken, und er beißt ihnen den Kopf ab.

Die Biene

Die Biene kann mit dem Betrüger verglichen werden, denn sie hat Honig im Mund und Gift dahinter.

Die Lerche

Die Wiesenlerche ist ein Vogel, von dem man sagt, dass er, wenn er zu einem Kranken gebracht wird und der Kranke im Sterben liegt, den Kopf von ihm abwendet und ihn nicht ansieht. Und wenn der Kranke gerettet werden soll, wendet der Vogel seinen Blick nie von ihm ab, sondern bewirkt, dass jede Krankheit von ihm abfällt. Genauso verhält es sich mit der tugendhaften Liebe. Sie schaut nie auf unedle oder schlechte Dinge, sondern verweilt immer bei ehrlichen und tugendhaften Dingen und dringt in edle Herzen ein, so wie die Vögel im grünen Wald auf den blühenden Zweigen. Und diese Liebe zeigt sich in der Not stärker als im Wohlstand, ähnlich wie das Licht, wenn es an einem dunkleren Ort heller leuchtet.

Das Wasser

Das Wasser, das fand, dass sein Element das herrliche Meer war, wurde von dem Wunsch ergriffen, sich über die Luft zu erheben, und ermutigt durch das Element des Feuers und aufsteigend als ein sehr feiner Dampf, schien es, als ob es wirklich so dünn wie Luft wäre. Nachdem es aber sehr hoch aufgestiegen war, erreichte es die Luft, die noch seltener und kälter war, wo das Feuer es verließ und die winzigen Teilchen, zusammengebracht, sich vereinigten und schwer wurden; woraufhin ihr Stolz sie verließ, sie die Flucht erlebte und vom Himmel herabfiel und von der trockenen Erde trunken wurde, wo sie, nachdem sie lange Zeit gefangen war, ihre Sünde bereute.

Der Schnee

Ein kleines Stück Schnee, das sich an einen Felsvorsprung klammerte, der auf der höchsten Erhebung eines sehr hohen Berges lag und seiner eigenen Phantasie überlassen war begann auf diese Weise zu reflektieren und sagte zu sich selbst: "Nun, soll man mich nicht für eitel und stolz gehalten werden, daß ich mich - ein so kleines Stückchen Schnee - auf einen so so hohen Punkt platziert habe, dass eine so große Menge Schnee, wie ich sie hier um mich herum gesehen habe, einen niedrigeren Platz einnimmt als ich? Meine kleinen Abemessungen verdienen diese Erhebung überhaupt nicht. Wie leicht kann ich das als Beweis für meine Bedeutungslosigkeit nehmen, wie das gleiche Schicksal, das die Sonne gestern meinen Gefährten bereitet hat, die alle in wenigen Stunden von der Sonne zerstört wurden. Und dies geschah, weil sie sich höher gestellt hatten, als sie entstanden. Ich werde vor dem Zorn der Sonne fliehen, mich demütigen und einen Platz finden, der meiner niedrigen Bedeutung entspricht. "So riss er sich hinunter und kletterte von seinem hohen Haus auf den andern Schnee, aber je mehr er suchte an einem niedrigen Ort, desto größer wurde die Masse, so daß endlich die Bahn auf einem Hügel endete, und nicht weniger groß war als der Hügel, auf dem er vorher lag, und es war der letzte Schnee in diesem Sommer, der von der Sonne zerstört wurde. Dies wird für diejenigen gesagt, die sich demütigen und erhaben sind.

Das Wasser und das Feuer

In einem Streit mit Wasser in einem Topf sagt das Feuer, dass das Wasser nicht über dem Feuer stehen soll, das der König der Elemente ist, und es versucht, das Wasser aus dem Topf zu vertreiben, indem es das Wasser kocht. Das Wasser, das dem Feuer die Ehre seines Gehorsams erweist, steigt hinab und ertränkt das Feuer.

Die Kastanie und die Feige

Die Kastanie sah einen Menschen auf dem Feigenbaum, der bog die Äste herunter und riss die reifen Früchte, die er in seinen offenen Mund nahm, um sie mit seinen harten Zähnen zu zerstören und zu zerquetschen. Dei Kastanie warf ihre langen Äste und rief mit lautem Rascheln: "Feige! Wie viel weniger bist du von der Natur geschützt als ich? Siehst du, wie meine süßen Nachkommen dicht beieinander stehen; zuerst in weiche Hüllen gekleidet, über die harte, aber weich gefütterte Hülle; und nicht damit zufrieden, so für sie zu sorgen, und ihnen einen so starken Schutz zu geben, hat die Natur auf diese scharfe und eng anliegende Stacheln angebracht, so daß die Hand eines Menschen nicht imstande ist, sie zu verletzen. "Da begann der Feigenbaum und seine Nachkommenschaft zu lachen und zu spotten. Und sie sagten: "Ich weiß, dass der Mensch so einfallsreich ist, dass er dich mit Stöcken, Steinen und Pfählen zwischen deinen Zweigen deiner Früchte beraubt; und wenn sie abgefallen sind, wird er sie mit seinen Füßen oder mit Steinen zertreten, so dass eure Nachkommen zerschmettert und verstümmelt, aus ihrer Rüstung kommen werden. Ich dagegen werde vorsichtig von ihren Händen berührt und nicht wie ihr mit Stöcken und Steinen."

Die Weide und die Elster

Die unglückliche Weide, die feststellte, dass sie das Vergnügen nicht genießen konnte, ihre schlanken Zweige in die gewünschte Höhe wachsen zu sehen, wegen der Ranke und anderer Baumarten, die in der Nähe wuchsen, aber nicht so schön anzusehen waren wie sie, brachte alle ihre Geister zusammen und widmete sich ganz der Phantasie, in langer Meditation stehend und die ganze Pflanzenwelt absuchend. Nachdem sie einige Zeit in dieser produktiven Phantasie gestanden hatte, präsentierte sich der Kürbis mit einem plötzlichen Blitz ihren Gedanken und sie warf mit äußerster Freude alle Zweige nach vorne, und es schien ihr, dass sie den passenden Gefährten für ihren Zweck gefunden hatte, denn der Kürbis ist eher dazu geeignet, andere an sich zu binden, als sie selbst; Nachdem sie zu diesem Schluss gekommen war, erwartete sie sehnsüchtig einen freundlichen Vogel als Vermittler ihrer Wünsche. Als sie die Elster in ihrer Nähe sah, sagte sie zu ihm: "Oh, lieber Vogel! bei der Erinnerung an die Zuflucht, die du heute Morgen unter meinen Zweigen gefunden hast, als der hungrige, grausame und aufmüpfige Habicht dich verschlingen wollte, und bei der Ruhe, die du immer bei mir gefunden hast, wenn deine Flügel sich nach Ruhe sehnten, und bei der Freude, die ich unter meinen Zweigen genossen habe, wenn du mit deinen Gefährten gespielt oder Liebe gemacht hast - ich bitte dich, den Kürbis zu finden und von ihm einige seiner Samen zu empfangen, und sage ihm, dass die, die daraus geboren werden, genauso behandelt werden, als wären sie mein eigenes Fleisch und Blut; und benutze auf diese Weise alle Worte, die dir einfallen, die die gleiche überzeugende Bedeutung haben; da du aber ein Meister der Sprache bist, brauche ich dich nicht zu belehren. Und wenn du mir diesen Dienst erweist, werde ich gerne dein Nest in der Gabelung meiner Zweige haben, und deine ganze Familie, ohne irgendeine Miete zu zahlen. "Da machte die Elster einige neue Abmachungen mit der Weide, vor allem, dass sie niemals eine Schlange oder einen Iltis zu sich lassen sollte, spannte ihren Schwanz, legte den Kopf nieder und warf sich von dem Ast, wobei sie ihr Gewicht auf die Flügel warf, und diese schlugen hier die flüchtige Luft, mal hier, mal dort, neugierig umhergetragen, während sein Schwanz als Ruder diente, um ihn zu lenken, kam er zu einem Kürbis, dann empfing er mit einer schönen Verbeugung und ein paar höflichen Worten die nötigen Samen und trug sie auf die Weide, die er mit einem fröhlichen Gesicht entgegennahm. Und als er mit seinem Fuß eine kleine Menge Erde in der Nähe der Weide abgestreift hatte, die einen Kreis beschrieb, pflanzte er mit seinem Schnabel die Körner ein, die in kurzer Zeit zu wachsen begannen und durch ihr Wachstum alle Zweige der Weide einnahmen, während ihre breiten Blätter sie der Schönheit der Sonne und des Himmels beraubten. Und nicht zufrieden mit so viel Übel, begannen die Kürbisse als nächstes mit ihrem groben Griff, die Enden der zarten Triebe mit seltsamen Verdrehungen und Verrenkungen zur Erde hinunterzuziehen. Vergeblich zerrte und schüttelte sich die Weide, um den Kürbis abzuwerfen. Nachdem sie dies einige Tage lang versuchte, sah sie den Wind durch sich hindurchkommen. Der Wind blies heftig und öffnete den alten und hohlen Stamm der Weide in zwei Hälften bis zu den Wurzeln, so dass er in zwei Teile fiel. Vergeblich beklagte sie sich, um zu erkennen, dass sie zu keinem guten Zweck geboren war.