Welche Ausgaben von Leonardos Fabeln gibt es – und wie nah sind sie am Original?
Aktuell gibt es zwei Heftchen in denen die Fabeln Leonardos in Buchform zu erwerben sind. Die eine "Der Esel auf dem Eis" vom Unionsverlag und eine zweite ältere Version "Leonardo da Vinci, Fabeln", erschienen zuerst 1978 im Reclam Verlag. Beiden liegt die Übersetzung aus dem Italienischen von Rudolf Hagelstange (1912-1984) zu Grunde, der als Grundlage seiner Übersetzungen nicht die Orginaltexte von Leonardo da Vinci verwendete, sondern er nutzte die Texte eines Bruni Nardini. Bruni Nardini (1921-1990) galt als Kenner der Renaissance und hat unter anderem die Fabeln von Leonardo da Vinci aus dessen Manuskripten zusammengetragen.
Bei der Abschrift hat sich Nardini aber einige Freiheiten herausgenommen. Oftmals sind die Fabeln in Leonardos Original nur als Gedanken notiert oder lediglich kurze Sätze. Nardini hat diese Gedanken dann sehr frei ausformuliert, vermutlich um sie dadurch einem breiteren Publikum bekannt machen zu können. Dadurch geht aber häufig die stechende Präzision dieser Gleichnisse aus der Natur verloren. Wie dem Witz, den man als Kurzgeschichte erzählt. Die so von Nardini ausgeschmückten, aber dennoch sehr knappen Gleichnisse, müssen dem Leser dann wie zu kurze in sich geschlossene Geschichtchen erscheinen, die sie aber nicht waren. Sie waren eine Sammlung von Gleichnissen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, manche länger, manche kürzer. Ob Leonardo plante sie später weiter auszuführen und in Buchform herauszugeben, sie nur eine geistige Übung waren oder sie als fantastische Vorüberlegungen für seine Bilderzählungen dienten, ist nicht bekannt.
Hier sollen nun die Fabeln so veröffentlicht werden, wie Leonardo sie tatsächlich niederschrieb. Nichts wird hinzugefügt. Dennoch handelt es sich um eine Übersetzung, die freilich die grammatikalischen Eigenheiten der italienischen Formulierungen Leonardos nicht exakt wiedergeben kann. Bei Gefallen können einzelne Fabeln durch den Leser selbst weiter ausgeführt werden. Er stünde so der Überarbeitung Nardinis in nichts nach.