La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci
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Das Gemälde nimmt in Aufbau und Proportionen deutlich Bezug auf das Quadrat. Sein Format entspricht mit 1 : √2 (1 : 1,41) dem heutigen DIN-A4-Verhältnis, das sich geometrisch aus der Diagonale eines Quadrats ableitet. Die obere Mauerkante, der höchste Punkt des Kopfes sowie die seitlichen Bildränder bilden ein Quadrat (weiß transparent), und selbst der rechteckige Edelstein im Stirnband ist mittig geteilt – in zwei nebeneinanderliegende Quadrate (rot/ grün)

Wird das Quadrat vertikal und horizontal geteilt, durchschneidet die Mittelsenkrechte exakt die linke Pupille. Die Mittelhalbierende trifft präzise das Kopfstück des obersten Bandes (oberste rosa Ellipse). Die sechs sichtbaren Kopfstücke der Bänder erscheinen klar in zwei Dreiergruppen, die den beiden unteren Quadranten zugeordnet sind

Goldener Schnitt der Bildbreite und der Bildhöhe treffen sich im Kopfstück des Bandes an der Halskette (Mouseover). Der Goldene Schnitt der Bildhöhe trifft außerdem zwei der drei Kopfstücke an ihrer linken Schulter (Mouseover, rosa Ellipsen). Wird der Goldene Schnitt der Bildhöhe erneut im Goldenen Schnitt geteilt (stetige Teilung), durchläuft er das Juwel des Stirnbands

Die Anordnung der Linien im linken unteren Quadrat erinnert an die Darstellung von Kreuzigungen

Die Knotenpunkte der drei rechten Bänder bilden ein gleichseitiges Dreieck von 120°. Die Basis liegt im goldenen Schnitt der Höhe des umgebenden Quadrats (orange Linie). Spitze dieses Dreiecks, Mittelscheitel der Haare und Mittelpunkt des linken unteren Quadrats bilden ein Dreieck mit den symbolischen Innenwinkeln 45°, 60° und 75° (gelbes Dreieck)

Das auffällige Stirnjuwel ist in ein System aus geometrischen Abhängigkeiten eingebettet, die an eine astronomische Skizze erinnern (Mousover)

Die beiden oberen Quadranten bilden eine Einheit. Das optische Zentrum dieses Bereichs ist ein rechteckiger Edelstein des Stirnjuwels, der aus zwei aneinandergelegten Quadraten besteht

La Belle Ferronnière

von Leonardo da Vinci

Weitere Bezeichnungen

La Belle Ferronière (mit nur einem "n"). 

Der Louvre bezeichnet das Gemälde offiziell als “Portrait de femme, dit à tort La Belle Ferronnière” (frz. Porträt einer Frau, fälschlicherweise La Belle Ferronnière genannt)

Bedeutung des Namens

Leonardo selbst gab dem Werk keinen Titel. Der Titel lässt sich als “Die schöne Ferronnière” übersetzen und geht zurück auf eine Verwechslung des bekannten Malers Jean-Auguste-Dominique Ingres. Er hielt die Dargestellte für Madame Ferron, genannt La Belle Ferronière, eine legendäre Geliebte des französischen Königs Franz I. (1494–1547) und fertigte um 1800 eine Kopie des Gemäldes mit der falschen Bildunterschrift “La Belle Ferronnière” an, die sich rasch verbreitete.

Ferronière (mit nur einem "n") hat im Französischen die Bedeutung einer Frau eines Schmiedes bzw. Eisenwarenhändlers (von frz. fer = Eisen) und bezieht sich wiederum auf Madame Ferron, die – so eine Überlieferung – die Frau eines gewissen Ferron gewesen sein soll, also eines Schmiedes oder Eisenwarenhändlers. Nach anderen Versionen der Legende war dieser Monsieur Ferron ein Pariser Anwalt.

Aufgrund der Verwechslung von Ingres wird ein Stirnschmuck dieser Art – ein schmales Stirnband mit einem Juwel in der Mitte – nach diesem Gemälde als Ferronnière bezeichnet. 

Künstler

Leonardo da Vinci (1452–1519)

Datierung

1495-1499 oder 1516-1519

Technik

Öl auf Holz (Walnuss)

Maße

45 × 63 cm

Bildgattung

Porträt – Halbfigur – Dreiviertelprofil

Kurzbeschreibung

Weibliches Halbfigurenporträt mit strengem Ausdruck und ruhiger Haltung. Die Dargestellte trägt ein feines Stirnband („Ferronnière“), ein rotes Kleid mit goldener Stickerei und blickt leicht nach rechts. Der Hintergrund ist vollkommen schwarz, im Vordergrund trennt eine Brüstung die Dargestellte von Betrachtenden

Epoche

Renaissance

Provenienz

Musée du Louvre, Paris (Inventarnummer: 778)

Besitzer

Frankreich

Marktwert

Unverkäuflich

Versicherungswert

Der Louvre gibt keine offiziellen Versicherungswerte an. Schätzungen zufolge läge der Versicherungswert im Bereich von mehreren hundert Millionen Euro, vergleichbar mit anderen Gemälden Leonardos

Besonderheiten

Keine Signatur

Titel beruht auf einer historischen Fehlzuordnung

Die Identität der Dargestellten ist umstritten, ebenso der genaue Entstehungszeitraum. Der Louvre nennt Lucrezia Crivelli, eine Mätresse Ludovico Sforzas und Mutter seines Sohnes

Was schön und sterblich ist, vergeht und hat keine Dauer

Leonardo da Vinci

Bildbeschreibung

Eine junge Frau im Dreiviertelprofil steht (oder sitzt) in einem dunklen Raum, von links her beleuchtet. Ihr Körper ist dem Licht zugewandt, ihr Blick führt über die linke Schulter hinweg, rechts am Betrachter vorbei. Sie befindet sich hinter einer Mauer, die sie von der Taille abwärts verdeckt. Ihre Arme hängen seitlich vom Körper herab, die Hände bleiben hinter der Mauer verborgen.

Sie trägt das rote Kleid einer Edeldame, mit goldfarbenen Linien bestickt, die mittig und an den Ärmeln in strenger Geometrie vertikal und horizontal über den Stoff verlaufen. Auf Höhe der Brust formen die Linien zwei Kreuze. Seitlich am Kleid verlaufen die Linien bogenförmig.Der grüne Saum ihres rechteckigen Halsausschnitts ist mit kunstvoll gestickten goldenen Lilien verziert.

Über jeder Schulter liegt ein locker befestigtes weißes Band, an das drei weitere Bänder in gleichmäßigen Abständen geknotet wurden. Ein siebtes Band fällt von ihrer vierfach gewickelten Halskette aus gleichmäßig abwechselnden schwarzen und weißen Gliedern. Ihre linke Wange reflektiert das Licht ihrer Schulter.

Ihr eng anliegendes Haar wurde zum Mittelscheitel gelegt und so nach hinten zu einem Zopf gebunden, dass es ihr Ohr bedeckt. Auf ihrem Hinterkopf wurde ein kreisrundes, siebförmiges Netz aus eng aneinandergefügten Ringen gelegt. Es wird von einem sehr schmalen schwarzen Band gehalten, das um ihren Kopf herum verläuft. Mittig auf ihrer Stirn ist daran ein kleines Schmuckstück befestigt: ein rechteckiger Edelstein, um den herum sechs kleine runde Edelsteine kreisförmig angeordnet sind.

La Belle Ferronnière – Detail
Das Haarnetz setzt sich aus vielen goldfarbenen Ringen zusammen
La Belle Ferronnière – Detail
Das Haarnetz wird von einem schmalen schwarzen Band gehalten an dem das Stirnjuwel befestigt ist
La Belle Ferronnière – Detail Gesicht
Die Lichtreflexion der Augen ist sehr viel unbestimmter als noch bei der Dame mit dem Hermelin. Bei der Mona Lisa wird sie schließlich ganz verschwinden
La Belle Ferronnière – Detail Kleid
Kreuzförmige Nähte am Kleid. An der Halskette ist ein lose herabhängendes Band befestigt
La Belle Ferronnière – Detail Schulter
Stilisierte Lilien am Saum des Kleides
La Belle Ferronnière – Detail Schulter
Drei lose herabhängende Bänder an ihrer linken Schulter

Wer war die Belle Ferronnière?

Die Identität der jungen Frau gilt bis heute als ungeklärt. Grundsätzlich werden zwei sich gegenseitig ausschließende Theorien diskutiert. Nach der einen entstand das Gemälde zwischen 1495 und 1499 und zeigt mit Lucrezia Crivelli eine Dame des Mailänder Hofes – diese Auffassung vertritt der Louvre. Nach der anderen handelt es sich um ein Spätwerk Leonardos, entstanden zwischen 1516 und 1519 am französischen Hof in Amboise und zeigt Madame Ferron, eine angebliche Geliebte des französischen Königs Franz I.

Eine Dame aus Mailand – Lucrezia Crivelli

Mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigt das Gemälde Lucrezia Crivelli. Über Lucrezias Leben ist nur wenig bekannt. Sie wurde um 1470 geboren und entstammte einer Mailänder Adelsfamilie, die über Landgüter rund um den Comer See nördlich von Mailand verfügte. Lucrezia heiratete im April 1494 den Mailänder Höfling Giovanni Andrea Monastirolo aus Cremona. Kurz darauf wurde ihre Tochter Bona geboren. Um 1495 wurde Lucrezia Hofdame der Herzogin Beatrice d’Este (*1475), die junge Ehefrau des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza (*1452).

Hofdame der Beatrice d'Este

Beatrice d’Este war bereits im Alter von fünf Jahren mit Ludovico verlobt worden. Die Ehe war politisch motiviert und diente vor allem dem Prestigegewinn des Herzogs. Die Fürstenfamilie d’Este gehörte zum alteingesessenen Hochadel Norditaliens und herrschte über das vereinigte Herzogtum Modena und Ferrara östlich von Mailand. Die d'Este galten als äußerst kultiviert und waren weithin für ihre Förderung der schönen Künste bekannt.

Ludovicos Vater Francesco Sforza hingegen war ein kleinadeliger Söldnerführer, der mit großem militärischen und politischen Geschick die Macht im Herzogtum Mailand erlangte, nachdem er die einzige Tochter des bis dahin regierenden Fürsten aus dem Hause Visconti geheiratet hatte. Sein Sohn Ludovico war nicht der legitime Thronfolger, sondern lediglich Regent für den noch minderjährigen Herzog Gian Galeazzo Maria Sforza, seinen Neffen. Dieser starb 1494 im Alter von nur 25 Jahren unter dubiosen Umständen, nachdem er Ansprüche auf den Thron erhoben hatte. Danach regierte Ludovico als Herzog von Mailand. Seine Politik war auf den Machterhalt des bedeutenden Herzogtums ausgerichtet.

Ludovico heiratete die erst sechzehnjährige Beatrice im Januar 1491, während er sich gleichzeitig eine Mätresse hielt, Cecilia Gallerani – bekannt durch Leonardos Porträt der Dame mit dem Hermelin. Sie erwartete von Ludovico ein Kind. Auf Betreiben von Beatrice wurde Cecilia kurz nach der Hochzeit vom Mailänder Hof verbannt. Vier Monate später gebar sie Ludovico einen Sohn, Cesare Sforza (1491). Sie wurde reichlich beschenkt, mit Ländereien ausgestattet und mit einem adeligen Gefolgsmann Ludovicos verheiratet.

Mätresse von Ludovico Sforza

Die Ehe des machtbewussten Herzogs mit der gebildeten und kultivierten Beatrice d’Este galt als unglücklich. 1495, vier Jahre nach der Hochzeit und nach der Geburt zweier Söhne, demütigte Ludovico Beatrice, indem er sich ihre Hofdame Lucrezia Crivelli zur Mätresse nahm. Beatrice versuchte, den Herzog dazu zu bewegen, auch Lucrezia zu verbannen, doch dieser weigerte sich. Beatrice d’Este starb im Januar 1497 tragisch bei der Geburt ihres dritten Kindes, ebenso wie das Neugeborene. Sie wurde nur 22 Jahre alt.

Der Herzog zeigte sich in tiefer Trauer. Er zog sich etwa zwei Wochen aus der Öffentlichkeit zurück, ließ einen Teil seiner Gemächer mit schwarzen Tüchern verhängen und trug selbst ausschließlich schwarze Kleidung. Beatrice bekam eine pompöse Bestattung, die von landesweiten Messen begleitet wurde. Schließlich beauftragte er den Bildhauer Cristoforo Solari mit einem Doppelgrabmal für ihn und Beatrice – zwei liegende Figuren in Marmor, als Zeichen der fortwährenden Verbundenheit. 

Ob die öffentlichkeitswirksame Trauer des Herzogs Teil einer politischen Inszenierung war, um etwa seine Verbundenheit mit dem angrenzenden Herzogtum der d’Este zu demonstrieren, bleibt offen, denn nur vier Monate nach Beatrices Tod gebar ihm Lucrezia Crivelli im Herbst 1497 einen Sohn, Giovanni Paolo Sforza. Das lässt darauf schließen, dass er Lucrezia bereits schwängerte, während seine Ehefrau Beatrice noch schwanger war. Der uneheliche Sohn Lucrezias wurde später legitimiert und 1532 erster Markgraf der Gemeinde Caravaggio. Lucrezia selbst wurde mit zahlreichen Ländereien rund um den Comer See beschenkt. 

Ludovico Sforza wurde 1499 von den Franzosen aus Mailand vertrieben und entmachtet. Zwar konnte Ludovico im Frühjahr 1500 Mailand kurzzeitig zurückerobern, wurde jedoch verraten und geriet in Gefangenschaft. Nach Erkenntnissen von Kunsthistorikern des Louvre war Lucrezia zu diesem Zeitpunkt erneut von ihm schwanger. 

Zeit nach dem Mailänder Hof

Mit der Vertreibung des Herzogs verlor Lucrezia ihre Güter am Comer See, blieb jedoch Teil der Mailänder Adelsgesellschaft. Etwa zur gleichen Zeit starb ihr Ehemann, und sie heiratete erneut: Gaspare del Conte, der allerdings schon 1508 verstarb – ebenso wie Ludovico Sforza, der seine letzten Jahre in französischer Gefangenschaft verbringen musste.

Nachdem die Sforza im Jahr 1526 an die Macht zurückkehrten, bewilligte ihr der neue Herzog, ein Sohn Ludovicos, eine jährliche Pension. Die verlorenen Güter am Comer See erhielt sie jedoch nicht zurück. Lucrezia starb im April 1534 in Mailand im Alter von etwa 70 Jahren.

Ihre Tochter aus erster Ehe, Bona Monastirolo, heiratete Giovanni Pietro Bergamini – den ältesten Sohn von Cecilia Gallerani, der Dame mit dem Hermelin und Vorgängerin Lucrezias als Mätresse des Herzogs.

Porträtierte Leonardo eine Dame aus Mailand?

Leonardo könnte mit Lucrezia Crivelli eine weitere Mätresse des Mailänder Herzogs porträtiert haben – wie zuvor Cecilia Gallerani, die Dame mit dem Hermelin. Auf keinen Fall handelt es sich dabei um dieselbe Person. Die beiden Dargestellten zeigen keinerlei Ähnlichkeit, und auch in den erhaltenen Briefen, in denen Cecilia ihr Porträt beispielsweise an Isabella d’Este, die Schwester der Beatrice d’Este, auslieh, findet sich kein Hinweis darauf, dass sie ein zweites Bild von sich kannte oder besaß.

Ein Gedicht des Antonio Tebaldeo, in dem ein Gemälde gerühmt wird, das Leonardo da Vinci von einer gewissen Lucrezia gemalt haben soll, wird häufig als weiteres Indiz für ein Porträt von Lucrezia Crivelli angeführt (der kurze Text findet sich am Ende dieser Seite). Leonardo hat dieses Gedicht, in dem er und Lucrezia im Zusammenhang mit einem Gemälde genannt werden, zweifellos gekannt, denn es findet sich in einem seiner Notizbücher (Codex Atlanticus, folio 456 verso) – allerdings nicht wie sonst üblich in Spiegelschrift. Der Dichter Tebaldeo war der Erzieher von Isabella d’Este, Markgräfin von Mantua und Schwägerin des Mailänder Herzogs. Er war somit über die Vorgänge am Mailänder Hof gut informiert – auch darüber, dass Leonardo ein Porträt von Lucrezia Crivelli anfertigte. Tebaldeo hatte bereits zuvor ein Gedicht über Leonardos Porträt der Cecilia Gallerani verfasst.

Gesichert ist außerdem die Existenz eines Porträts einer “gewissen Dame aus Mailand”, von der ein Augenzeuge im Zusammenhang mit einem Besuch bei Leonardo am französischen Hof berichtet, zwei Jahre vor Leonardos Tod (Reisebericht des Antonio de Beatis, 1517). Da aus Leonardos Mailänder Zeit nur zwei Porträts bekannt sind und das Bildnis der Cecilia Gallerani bis zu ihrem Tod 1536 in ihrem Besitz blieb, könnte es sich bei der erwähnten Dame aus Mailand um die Belle Ferronnière oder um ein heute verschollenes Porträt handeln. Das würde auch bedeuten, dass Lucrezia das Gemälde nie ausgehändigt wurde bzw. sie es Leonardo überließ – was gut zu den politischen Wirren passen würde, die durch die Vertreibung des Herzogs ausgelöst wurden.

Auch die Mode der Dargestellten passt zur Mailänder Hofkultur: Die lose herabhängenden Bänder am Kleid der Belle Ferronnière finden sich ganz ähnlich in einer Darstellung der Beatrice d’Este auf dem sogenannten Sforza-Altar. Dies wird häufig als ein weiteres Indiz für eine Dame aus dem Mailänder Hofkreis gewertet. Keinesfalls jedoch hat Leonardo mit der Belle Ferronnière ein Porträt der Beatrice d’Este geschaffen. Die Belle Ferronnière zeigt keinerlei Ähnlichkeit mit lebenswirklichen Bildhauerarbeiten der Beatrice, etwa einer Büste im Louvre oder ihrer Grabplatte, die zwar beide einander stark ähneln, aber keine Ähnlichkeit zur Belle Ferronnière zeigen.

Sforza Altar (Detail der Beatrice d' Este), Meister des Sforza Altars, 1494
Sforza Altar (Detail der Beatrice d' Este), Meister des Sforza Altars, 1494
Das Kleid der prunkvoll geschmückten Beatrice zeigt dieselben hängenden Bänder an der Schulterpartie, die betont geometrischen Muster und den rechteckigen Ausschnitt wie das der Belle Ferronnière. Es ist anzunehmen, dass sich ihre Hofdame Lucrezia Crivelli ähnlich kleidete.
Dass die Gesichtszüge der Beatrice d'Este hier stark von denen der Büste im Louvre abweichen, kann auf die mangelnde Kunstfertigkeit des heute unbekannten Meisters zurückgeführt werden, was sich etwa an der fehlerhaften Schattierung des kleinen Fingers an der Hand auf der linken Seite hinter Beatrice beobachten lässt, durch die der Finger seltsam deformiert erscheint
Isabella d' Este, Markgräfin von Mantua
Studie zum Porträt einer Dame (Isabella d' Este?), Leonardo da Vinci zugeschrieben
Die Markgräfin von Mantua und Schwester von Beatrice d’Este war eine beständige Bewunderin Leonardos und bat ihn mehrmals um ein Porträt. Nach dem Sturz des Herzogs hielt er sich für einige Monate an ihrem Hof auf. Möglicherweise hat er sie hier als kleines Entgegenkommen porträtiert. Vollprofile in dieser Art empfand Leonardo jedoch als ausdrucksarm und hätte es vermutlich nie in dieser Form realisiert. Bemerkenswert sind die kurzen Bänder an der linken Schulter der Dame und die auf der rechten Seite angedeuteten Schleifen. Im Zusammenspiel mit dem ebenfalls rechteckigen Ausschnitt und dem geometrischen Muster des Kleides zeigt sich auch hier eine gewisse Ähnlichkeit zur Belle Ferronnière
Büste der Beatrice d'Este, Gian Cristoforo Romano, um 1491
Büste der Beatrice d'Este, Gian Cristoforo Romano, um 1491.
Die Büste entstand zeitnah zu ihrer Hochzeit mit Ludovico Sforza. Vor allem ihr rundes Gesicht und die Partie unterhalb der Augen unterscheiden sich deutlich von denen der Belle Ferronnière. Das schmale Stirnband, das Beatrice trägt, hält auch hier ein Haarnetz am Hinterkopf (nicht im Bild). Ein Juwel ist an dem Stirnband nicht befestigt
Grabplatte von Ludovico Sforza und Beatrice d'Este, Cristoforo Solari, um 1497-1499
Grabplatte von Ludovico Sforza und Beatrice d'Este, Cristoforo Solari, um 1497-1499, Certosa di Pavia.
Ludovico lebte noch, als die Grabplatte entstand. Das heute leere Grab war ursprünglich für die Kirche Santa Maria delle Grazie vorgesehen, in deren Anbau sich Leonardos Das letzte Abendmahl befindet. Obwohl von einem anderen Künstler geschaffen, ähneln die Gesichtszüge der Beatrice denen der Büste links sehr stark. Die Darstellungen können daher als lebensecht gelten

Eine Mätresse des französischen Königs – La Belle Ferronnière

Einer zweiten – völlig gegensätzlichen – Theorie nach soll das Gemälde nicht aus Leonardos Mailänder Zeit stammen, sondern in seinen letzten drei Lebensjahren entstanden sein, als er sich zwischen 1516 und 1519 am Hof des französischen Königs Franz I. aufhielt. Demnach soll es sich um Madame Ferron handeln, eine legendäre Mätresse des Königs, die La Belle Ferronnière genannt wurde. Obwohl Franz I. sehr öffentlich mit seinen Liebschaften umging, gibt es keine historische Quelle, die die Existenz dieser Madame Ferron bestätigt.

Franz I. (1494-1547), König von Frankreich, Jean Clouet, um 1530
Franz I. (1494-1547), König von Frankreich, Jean Clouet, um 1530
Der französische König war für drei Jahre Leonardos letzter Dienstherr. Er war 25 Jahre alt, als Leonardo starb
Franz I., König von Frankreich, Tizian, 1538
Franz I., König von Frankreich, Tizian, 1538
Das Gemälde im Vollprofil betont die markante Nase des Königs

Die Legende von Madame Ferron

Der lüsterne König Franz I. soll sich um 1524 die junge Madame Ferron zur Mätresse genommen haben. Am Hof sei sie unter ihrem Spitznamen La Belle Ferronnière bekannt gewesen. Ihr eifersüchtiger Ehemann, ein gewisser Ferron, soll darüber so erbost gewesen sein, dass er beschloss, sich bitter zu rächen. Er sei in ein berüchtigtes Bordell gegangen, um sich dort vorsätzlich mit Syphilis anzustecken. Seine Frau habe so den König infiziert, der dadurch unfruchtbar geworden sei. Madame Ferron soll etwa sechs Jahre danach verstorben sein, der König dagegen noch 23 Jahre gelitten haben, bis auch er 1547 starb.

Da Madame Ferron in späteren Abschriften mal als Ferronnière und mal als Ferronière bezeichnet wurde – also mit einem oder zwei „n“ – ist hier und da zu lesen, sie sei die Frau eines Schmiedes oder Eisenwarenhändlers gewesen. Ferronière leitet sich ab vom französischen Wort fer („Eisen“). Die Endung -ier / -ière bezeichnet im Französischen meist eine berufliche Tätigkeit. Eine ferronière ist also eine Frau, die beruflich mit Eisen zu tun hat – nach damaligem Verständnis die Frau eines Schmiedes oder Eisenwarenhändlers (altfrz. „ferron“). Nach anderen Versionen der Legende soll Madame Ferron die Frau eines Pariser Anwalts gewesen sein, Jean Ferron.

Wahrheitsgehalt der Legende

Die Legende geht zurück auf die Schriften des französischen Adeligen Pierre de Bourdeille, seigneur de Brantôme (1540–1614), und ist keineswegs historisch. Vielmehr gehörte es zu Brantômes Lebensart, möglichst skandalöse Klatschgeschichten über die europäischen Adelshäuser zu verbreiten. Seine seichten Erzählungen wurden vielfach gedruckt und erfreuten sich großer Beliebtheit.

Etwa zeitgleich wurde dieselbe Legende von dem bekannten französischen Arzt Louis Guyon, seigneur de la Nauche (1527–1617), verbreitet. Zu seinen Verdiensten zählten die Entwicklung einer speziellen Kur und mehrere Fachbücher. Später wurde er dafür sogar in den Adelsstand erhoben. Ebenso wie Brantôme war er für seine Klatsch- und Tratschgeschichten berühmt, die er nebenbei veröffentlichte.

Die Legende kann jedoch aus mehreren Gründen nicht wahr sein:

  • Franz I. starb 1547. Brantôme wie auch Louis Guyon waren zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung (20 bzw. 7 Jahre alt) und konnten daher nur Hörensagen wiedergeben
  • Es gibt keine historischen Belege, dass Franz I. eine Geliebte hatte, die als La Belle Ferronnière bekannt war
  • Es gibt keine historischen Belege, dass Franz I. an Syphilis erkrankte. Auch wurde er nicht unfruchtbar, denn er zeugte noch zwei Jahre vor seinem Tod einen Sohn (Nicolas d’Estouteville, 1545)
  • Leonardo kann Madame Ferron nicht gemalt haben. Er starb bereits 1519 – also fünf Jahre, bevor die angebliche Beziehung begonnen haben soll

Die "Petite Bande"

Dass das Gemälde eine Mätresse des französischen Königs Franz I. zeigen könnte, geht auch aus einem anderen Grund auf Brantôme zurück. In seinem Werk “Vies des Dames Galantes et des dames illustres” (1665, posthum veröffentlicht) schildert er Franz I. als Frauenheld. Neben seiner Königin und seinen offiziellen Mätressen soll er zusätzlich einen Kreis junger Damen um sich geschart haben, der als Petite Bande (frz. „kleine Bande“) bezeichnet wurde und bei dem er ebenfalls seine erotischen Bedürfnisse auslebte. Wie bei der Legende um Madame Ferron gibt es außer Brantômes Erzählung keinen historischen Beleg für die Existenz einer solchen Petite Bande.

Ursprung der Bezeichnung "La Belle Ferronnière"

Obwohl sich Leonardos Gemälde nicht auf die Legende der Madame Ferron bezieht, ist sie doch der Ursprung des heutigen Namens. 

Der Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) arbeitete zwischen 1802 und 1806, also nur wenige Jahre nach der Französischen Revolution, mit dem Maler Lefèvre an einem Kupferstich nach Leonardos Porträt. Sie betitelten das Blatt mit La Belle Ferronnière, da sie irrtümlich annahmen, es handele sich dabei um Leonardos Porträt der Madame Ferron. Der Kupferstich verbreitete sich rasch, da er in zahlreichen Büchern jener Zeit abgedruckt wurde. Die Geschichte des betrogenen Ehemannes, der seine Frau an den König verlor und aus Rache beide mit Syphilis in den Tod trieb, entsprach dem Geschmack des nachrevolutionären Frankreichs – und Leonardos Porträt bot dazu ein besonders ansprechendes Bild. 

In der Folge zählte Leonardos Gemälde im frühen 19. Jahrhundert zu den meistbesuchten Werken des Louvre. Da sich Ingres’ falsche Bezeichnung – La Belle Ferronnière – beim Publikum schnell durchsetzte, begann der Louvre im 19. Jh. Leonardos Gemälde zu bezeichnen als "Portrait de femme, dit à tort La Belle Ferronnière” (frz. „Porträt einer Frau, fälschlicherweise La Belle Ferronnière genannt“), um auf den Fehler aufmerksam zu machen. Das ist auch heute noch der offizielle Titel des Gemäldes.

Zusätzlich wurde ein Porträt aus der Sammlung des Louvre als “Porträt einer Frau, genannt La Belle Ferronnière” bezeichnet (Louvre, Inv. 786). Warum genau der Louvre diese Bezeichnung wählte ist heute unklar. Denn über dieses Gemälde ist wenig bekannt, nur dass es im Katalog der königlichen Sammlung von 1683 irrtümlich noch Leonardo zugeschrieben wurde. Es kann jedoch als gesichert gelten, dass es nicht die tatsächliche Belle Ferronnière darstellt, da diese keine historisch nachweisbare Person ist.

Porträt einer Dame - genannt Belle Ferroniere
Porträt einer Frau, genannt La Belle Ferronnière, unbekannter Maler, um 1500-1525, Louvre Museum (INV 786)
Warum genau dieses Porträt einer unbekannten Dame die fiktive Madame Ferron aus Brantômes Erzählung zeigen soll, ist unklar. Die Bezeichnung für das ansonsten kunsthistorisch unbedeutende Werk erscheint willkürlich. Auffällig ist jedoch die markante Nasenform, die Assoziationen mit Franz I. aufkommen lässt
Jean Auguste Dominique Ingres und der Kupferstecher Le Fèvre – Druck nach dem Gemälde La Belle Ferronnière
La Belle Ferronnière nach Leonardo da Vinci, Jean Auguste Dominique Ingre/ Lefèvre, um 1802-1806
Dieser Kupferstich mit der falschen Bildunterschrift "La Belle Ferronnière" ist die Ursache für die heutige Bezeichnung des Leonardo Gemäldes
Dame mit dem Hermelin, Leonardo da Vinci, 1489-1491
Dame mit dem Hermelin, Leonardo da Vinci, 1489-1491
Cecilia Gallerani war die vorherige Mätresse des Mailänder Herzogs und Mutter seines Sohnes. Um 1800 erwarb das Bild eine polnische Fürstin, die darin die legendäre Belle Ferronnière zu erkennen glaubte. Sie ließ in der linken oberen Ecke eine Inschrift anbringen: LA BELE FERONIERE / LEONARD DAWINCI. Das zeigt, wie präsent die Legende um 1800 war

Fazit zur Identität der Belle Ferronnière

Es ist deutlich geworden, wie schwierig es ist, die Identität der Belle Ferronnière zweifelsfrei zu bestimmen.

Das Gemälde ist nun entweder in Mailand zwischen 1495 und 1499 gemalt worden und zeigt Lucrezia Crivelli, die um 1495 als Hofdame der Beatrice d’Este an den Mailänder Hof kam. Mit dem Einfall der Franzosen 1499 endete die Herrschaft des Mailänder Herzogs – spätestens zu diesem Zeitpunkt war das Porträt vollendet. Insgesamt erscheint diese Theorie am plausibelsten. Lucrezia Crivelli war die letzte Mätresse des Herzogs und – ebenso wie Cecilia Gallerani, die Dame mit dem Hermelin – Mutter eines seiner Söhne. Der zeitgenössische Dichter Antonio Tebaldeo widmet ihr ein Gedicht und erwähnt darin ein Porträt Leonardos. Auch der Louvre als ausstellendes Museum vertritt die Ansicht, dass es sich bei der Dargestellten um Lucrezia Crivelli handelt.

Alternativ könnte das Gemälde am französischen Hof zwischen 1516 und 1519 entstanden sein und eine heute unbekannte Mätresse des Königs zeigen – entweder Madame Ferron oder eine Dame aus dem Kreis der „Petite Bande“. Aufgrund des Mangels historischer Belege für die Existenz dieser Frauen erscheint diese Theorie jedoch wenig überzeugend. Die Hauptquellen stammen von Autoren, die für Skandalgeschichten bekannt waren und während der Regentschaft von Franz’ I. noch sehr jung waren, sodass ihre Angaben eher auf Hörensagen beruhen dürften, wenn sie nicht sogar komplett erfunden waren.

Symbolik

Auch wenn das Gemälde auf den ersten Blick schlicht wirkt und keine offensichtlichen Hinweise auf eine symbolische Bedeutung zu geben scheint, ist es doch reich an subtilen Verweisen. Sie lassen erkennen, dass Leonardo sowohl den Auftraggeber Ludovico Sforza als auch seine Mätresse Lucrezia Crivelli durch Anspielungen auf ihre Namen im Bild gegenwärtig gemacht hat – und vielleicht sogar auch sich selbst.

Das Stirnband

Die Belle Ferronnière trägt ein schmales schwarzes Stirnband, um das dekorative Haarnetz am Hinterkopf zu halten. Ein Stirnband dieser Art wird Lenza genannt (ital. “Linie, Schnur”). Es ist sicher kein Zufall, dass Leonardo das Lenza beinah absolut gerade, also wie eine Linie, malte. Schließlich hätte er die Linie auch stärker krümmen können, um die Rundung des Kopfes zu betonen.

Leonardo setzt den Schmuck in seinen Porträts gezielt ein, um Akzente zu setzen. So trägt die Dame mit dem Hermelin lediglich eine Kette aus schwarzen Perlen, die jedoch äußerst selten und damit besonders wertvoll waren. Bei der Mona Lisa verzichtet Leonardo ganz auf die Darstellung von Schmuck. Umso charakteristischer ist der Stirnschmuck für die Belle Ferronnière. Er bildet einen Gegenpunkt zu der dekorativen Kette, die zwar modisch, aber nicht besonders kostbar zu sein scheint. Das Stirnjuwel hingegen ist dezent und nicht übertrieben groß, aber so platziert, dass es nicht übersehen werden kann. Es lässt sich als Anspielung auf den materiellen Gewinn verstehen, den Lucrezia aus der Beziehung mit dem Herzog schöpfte, so wurde sie beispielsweise mit Ländereien rund um den Comer See beschenkt. Der italienische Vorname Lucrezia ist lateinischen Ursprungs (von Lucretia) und leitet sich ab von lucrum, was „Gewinn, Profit, Vermögen“ bedeutet.

La Belle Ferronnière – Detail Gesicht
La Belle Ferronnière (Detail des Stirnbands)
An dem schmalen schwarzen Stirnband ist ein Schmuckstück befestigt. Es besteht aus einem mittig platzierten rechteckigen Edelstein und sechs ovalen Edelsteinen, die in regelmäßigen Abständen darum angeordnet sind. Das Stirnband, an dem das Juwel befestigt ist, hat den Zweck, das Haarnetz an ihrem Hinterkopf festzuhalten, mit dem es eine Einheit bildet

Das Haarnetz

Lucrezia Crivelli trägt ein zunächst unauffälliges Haarnetz, das sehr schlicht erscheint. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch eine Struktur aus vollkommen kreisrunden Elementen, zu starr, um genäht oder geflochten zu sein. Es wirkt, als wäre das kreisrunde Haarnetz aus goldfarbenen Ringen zusammengesetzt, die gleichmäßig miteinander verflochten wurden. Im Unterschied zu den deutlich vielgliedrigeren Haarnetzen, wie sie von Darstellungen der Beatrice d’Este bekannt sind, wirkt das Haarnetz der Lucrezia ungewöhnlich einförmig, beinahe wie ein Netz.

Ein Netz dient dazu, etwas zu sieben – sei es beim Fangen von Fischen oder beim Trennen von Klumpen aus Mehl. Ein Sieb heißt im Italienischen crivello, die Pluralform lautet crivelli. Daher führten die Crivellis ein goldenes Sieb im Wappen. Das Haarnetz der Lucrezia kann in diesem Zusammenhang als subtiler Hinweis auf ihre familiäre Herkunft verstanden werden. Es ist bemerkenswert, dass das crivello mit dem Stirnband eine Einheit bildet, dessen Juwel mit ihrem Vornamen in Verbindung gebracht werden kann (Lucretia, vom lateinischen lucrum für Profit, Gewinn, Vermögen). Die Namen Lucretia und Crivelli wären dann durch eine Schnur miteinander verbunden. 

La Belle Ferronnière – Detail
La Belle Ferronnière (Detail des Haarnetzes)
Das kreisrunde Haarnetz besteht aus zahllosen aneinandergereihten kleinen Ringen in einer netzartigen Struktur
Wappen der Crivelli Familie
Wappen der Crivelli Familie
Das Wappen zeigt ein goldenes Sieb

Die Mauer

Leonardos Auftraggeber liebten Wortspiele, sie waren eine Mode der Zeit. Er fertigte daher Bilderrätsel an und ließ solche Ideen in seine Gemälde einfließen. Einige Beispiele:

  • die Felsgrottenmadonna zeigt die Jungfrau Maria als zentrale Figur des Gemäldes in einer Grotte, links hinter ihr ist das Ufer des Meeres zu erkennen. Meer heißt im Italienischen mare
  • Cecilia Gallerani ist bekannt als Dame mit dem Hermelin. Das Hermelin zählt zu den Wieseln. Das altgriechische Wort für Wiesel lautet galê bzw. galéē
  • das Porträt der Lisa del Giocondo, bekannt als Mona Lisa, zeigt eine heiter lächelnde Dame. Die “Heitere” heißt im Italienischen gioconda
  • ein Leonardo zugeschriebenes Porträt zeigt Ginevra de’ Benci vor einem Wacholderstrauch. Wacholder heißt im Italienischen ginepro

Vermutlich malte Leonardo drei Gemälde im Auftrag des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza: Er porträtierte seine zwei Mätressen und malte das Letzte Abendmahl in einer Mailänder Kirche. Überraschenderweise hat Leonardo den Herzog nie direkt porträtiert – und doch ist Ludovico in diesen drei Gemälden stets präsent. Dass das Hermelin in den Armen der Cecilia Gallerani den Herzog symbolisiert, ist in der Forschung unbestritten. Auch das Letzte Abendmahl ist mit dem Herzog verbunden, denn direkt über dem Wandbild hat Leonardo Wappen der Sforza abgebildet.

Es liegt nun nahe, die Anwesenheit des Herzogs auch im Bildnis der Lucrezia Crivelli zu vermuten. Das Hermelin ist im Porträt der Cecilia ein dominanter Blickfang – ebenso wie die Mauer im Porträt der Lucrezia. Mauer heißt im Italienischen muro. Il Moro war seit seiner Kindheit der Beiname Ludovicos, den er von seinem Vater erhielt und den er später kultivierte. Der Herzog hatte einen dunkleren Teint und schwarzes Haar, was seinen Vater wohl an einen Mauren (ital. moro) erinnerte – also an jemanden aus Mauretanien bzw. Nordafrika. 

In Anbetracht der oben dargestellten Vorliebe Leonardos für semantische Anspielungen liegt es nahe, die Mauer (muro) als Wortspiel auf il Moro zu verstehen. Die Entscheidung, dieses dominante Architekturelement zu platzieren, war somit kaum zufällig. Leonardo hätte, wie die Dame mit dem Hermelin und die Mona Lisa zeigen, ebenso gut auf ein solches Motiv verzichten können.

Castello Sforza, Mailand
Castello Sforza, Mailand
Das Schloss im Zentrum von Mailand war die Residenz der Herzöge von Mailand. Das Anwesen wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut. Historisch erhalten ist der charakteristische, annähernd quadratische Grundriss, der von monumentalen Mauern markiert wird. Im Südosten des Kastells (rechts oben) befindet sich das historische Haupttor: der „Torre del Filarete“, benannt nach seinem Architekten Filarete aus Florenz. Der Turm wurde 1521 bei einer Pulverexplosion zerstört und später wieder aufgebaut

Die Lilien

Der rechteckige Halsausschnitt von Lucrezias Kleid zeigt einen grünen Saum, der mit goldenen Lilien bestickt ist. Die sogenannte „Florentiner Lilie“ ist das Stadtwappen von Florenz und somit ein Symbol für jene Stadt, in der Leonardo aufgewachsen und ausgebildet worden ist. Da sich ein offensichtlicher Bezug zu Lucrezia Crivelli oder Ludovico Sforza nicht aufdrängt, könnte die Lilie als Ausdruck von Leonardos Verbundenheit mit seiner Heimatstadt gedeutet werden.

Diejenigen, die in dem Porträt ein Bildnis der legendären Madame Ferron, der angeblichen Geliebten des französischen Königs Franz I., sehen, fühlen sich in ihrer Vermutung bestätigt. Denn die goldene Lilie war das Wappen der französischen Könige. Daher führte die französische Nationalflagge bis zur Französischen Revolution von 1789 goldene Lilien auf weißem Grund.

Leonardo setzte Lilien gezielt als Symbol ein. Überliefert ist, dass er für eine Vorführung am Hof des französischen Königs einen mechanischen Löwen konstruierte, der einige Schritte gehen konnte. Öffnete das Tier schließlich sein Maul, kamen zahlreiche Lilien zum Vorschein. In diesem Kontext standen die Lilien für die Verbundenheit Frankreichs mit Florenz.

La Belle Ferronnière – Detail Kleid
La Belle Ferronnière (Detail des Kleides)
Die goldenen Stickereien am grünen Saum lassen sich als stilisierte Lilien interpretieren. Sie sind abwechselnd aufrecht und kopfüber dargestellt
Die Florentiner Lilie, das Wappen von Florenz. Leonardo da Vinci ist in Florenz aufgewachsen
Flagge des königlichen Frankreichs
Nationalflagge des königlichen Frankreichs bis 1789
Die Lilie ist seit dem frühen Mittelalter das Symbol der französischen Monarchie

Die Kette

In der Antike galten Arithmetik (Zahlen, Mengen, Rechnen) und Geometrie (Raum, Figuren, Formen) als die beiden Hauptsäulen der Mathematik. Sie bildeten zusammen mit Musik und Astronomie das mathematisch-naturwissenschaftliche Quadrivium (lat. „Vier Wege“), das gemeinsam mit dem sprachlich ausgerichteten Trivium (lat. „Drei Wege“: Grammatik, Rhetorik, Logik) die sieben freien Künste formte. Diese sieben Disziplinen galten als das, was ein gebildeter Mensch wissen sollte. In der Renaissance wurde diese Bildungstradition wiederentdeckt und lebt in den USA bis heute in der Studienform der sogenannten Liberal Arts fort (z. B. am Amherst College, Williams College, Wellesley College u. a.).

Leonardo komponierte seine Gemälde stets vor dem Hintergrund von Arithmetik und Geometrie. Seine Werke lassen sich daher auch als Ausdruck seiner mathematischen Interessen verstehen. Das wird deutlich in den Proportionen, Konstruktionslinien und besonderen geometrischen Figuren, die als Verbindungslinien zwischen wichtigen Bildelementen entstehen. Ein Beispiel dafür ist die vierfach gewickelte Kette am Hals der Porträtierten. Der gleichmäßige Rhythmus ihres schwarz-weißen Musters erinnert an einen Maßstab, ein Lineal oder allgemein ein Werkzeug, das sich zum Zählen, Messen und Summieren von Zahlen und Abständen eignet – und kann somit als Verweis auf Arithmetik verstanden werden. 

Auffällig ist auch, dass die beiden vom Hals herabhängenden Kettenteile in Winkeln von etwa 45° und 72° dargestellt sind. Der 45°-Winkel (rechts) entspricht der Diagonale eines Quadrats, der 72°-Winkel (links) dem Mittelpunktwinkel eines regelmäßigen Fünfecks (Pentagons). Quadrat und regelmäßiges Fünfeck – das auf Basis des goldenen Schnitts konstruiert wird – sind neben Kreis und gleichseitigen Dreieck charakteristische geometrische Symbole der Renaissance. Es wird sich zeigen, dass beide Figuren – und die mit ihnen verbundenen Winkel – elementar für die Konstruktion des Gemäldes sind.

Die Kette wird dadurch zu einem Symbol der Mathematik, da sie die beiden Hauptausrichtungen der damaligen Mathematik – Arithmetik und Geometrie – sichtbar miteinander verbindet.

La Belle Ferronnière – Detail
La Belle Ferronnière (Detail des Kleides)
Die regelmäßig angeordneten Glieder der Kette lassen an ein Instrument zum Zählen oder Summieren denken, auch an ein Hilfsmittel zum Messen von Abständen
La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci – Winkel der Halskette
Die herabhängenden Glieder der Kette sind so ausgerichtet, dass sie in Winkeln von etwa 72° (links) und 45° (rechts) verlaufen. Sie verweisen damit auf den goldenen Schnitt und auf das Quadrat, die für die Bildkomposition elementar sind

Ist das Ferronnière eine ikonografische Erfindung Leonardos?

Ein schmales Stirnband mit einem kleinen, mittig getragenen Juwel wird seit dem frühen 19. Jahrhundert nach diesem Gemälde Ferronnière genannt. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht war das Ferronnière zur Zeit Leonardos keine Mode der Zeit. Es existieren weder Beschreibungen noch Abbildungen von Damen, die ein Schmuckstück dieser Art an ihrer Stirn trugen. Überhaupt ist mit Elisabetta Gonzaga nur eine italienische Adelige bekannt, die ein ähnliches Schmuckstück trug.

Eine Mode der Zeit waren kleine, meist gestickte Hauben, die beinahe senkrecht auf dem Hinterkopf getragen wurden. Damit sie nicht herunterfielen, wurden sie von einem schmalen Band, manchmal auch einem ledernen Riemen, festgehalten, der um den Kopf herum gebunden wurde. War das Band sehr schmal und einfach, wurde es Lenza genannt (ital. Linie, Schnur), war es etwas breiter oder bestickt bzw. verziert, handelte es sich um ein Frennello (ital. Band, Riemen). Das Frennello wurde häufiger mit Juwelen besetzt, die allerdings nicht mittig, sondern in gleichmäßigen Abständen um den Kopf herum befestigt wurden. Das schmalere Lenza war dafür weniger geeignet.

Eine Ausnahme macht Elisabetta Gonzaga. Sie war seit 1489 die Herzogin von Urbino, einem bedeutenden Herzogtum im Osten der Republik Florenz, das selbst zu einer Kunstmetropole und Heimat zahlreicher Künstler wurde (u. a. Piero della Francesca, Raffael u. w.). Elisabettas Bruder war verheiratet mit Isabella d'Este, der Schwester von Beatrice d'Este. Elisabetta war die einzige Zeitgenossin Leonardos, von der bekannt ist, dass sie ein kleines Schmuckstück am Lenza trug. Es hatte die Form des Buchstabens S, dem 18. Buchstaben des Alphabets (J war damals noch nicht Teil des Alphabets). Es ist nicht überliefert, wofür der Buchstabe stand. Dass sie dieses Schmuckstück regelmäßig trug, berichtet Baldassare Castiglione in seinem berühmten Werk Il libro del cortegiano (Das Buch vom Hofmann). Es wurde allerdings erst ab 1508 geschrieben (1528 veröffentlicht), sodass nicht sicher belegt ist, ab wann genau sie das Schmuckstück trug.

Ein Porträt von Raffael zeigt Elisabetta Gonzaga jedoch mit einem Skorpion statt eines „S“ am Lenza. Kunsthistoriker sind uneins über die Bedeutung. Diskutiert wird, ob es sich dabei um ein Fruchtbarkeitssymbol handelt, denn Elisabetta und ihr Mann blieben kinderlos, was schließlich zum Aussterben der Dynastie führte. Der Skorpion, italienisch scorpio, würde durch seinen Anfangsbuchstaben zugleich auf das „S“ hinweisen, das sie statt des Skorpions an dieser Stelle trug.

Da Raffael das Porträt in einer Zeit malte, in der der noch junge Maler erstmals persönlich auf Leonardo traf und nachweislich zahlreiche Gemälde Leonardos imitierte, liegt der Gedanke nahe, Raffael könnte die Belle Ferronière entweder selbst in Leonardos Werkstatt gesehen haben – beide hielten sich zwischen 1504 und 1508 häufig in Florenz auf und kannten einander persönlich – oder aber Skizzen gesehen haben und auf dieser Grundlage ein Porträt der Elisabetta angefertigt haben, was diese dazu veranlasst haben könnte, fortan ein „S“ an der Stirn zu tragen.

Festzuhalten bleibt, dass es bis heute keinen früheren zwingenden Nachweis eines Ferronnières vor Leonardos Porträt der Lucrezia Crivelli gibt. Leonardo könnte daher das mittige Stirnschmuckstück als bildnerische Idee eingeführt haben. Es wäre damit ein Beispiel dafür, wie ein imaginäres Bild reale Modevorstellungen prägen kann – sogar noch Jahrhunderte später.

Büste der Beatrice d'Este, Gian Cristoforo Romano, um 1491
Büste der Beatrice d'Este, Gian Cristoforo Romano, um 1491
Beatrice d'Este war Herzogin von Mailand.
Das Stirnband - Lenza (ital. Linie, Schnur) oder Frennello (ital. Band, Riemen) - hatte stets den Zweck ein Haarnetz am Hinterkopf zu halten. Das Haar selbst war meist zu einem sehr langen Zopf gebunden
Porträt einer Dame, Giovanni Ambrogio de Predis, um 1490
Porträt einer Dame (Ausschnitt), Giovanni Ambrogio de Predis, um 1490
Am Frennello sind mehrere Juwelen in gleichmäßigem Abstand angebracht. Auch hier hält es ein Haarnetz in Position. Die Identität der Dame ist unbekannt, vermutlich eine Mailänder Hofdame, denn de Predis war Hofmaler Ludovicos in Mailand. Außerdem war er an den Malerarbeiten für den Altar beteiligt, in dessen Zentrum sich Leonardos Felsgrottenmadonna befand
Büste einer Frau (Isabella von Aragon?), Francesco Laurana, 1487-1488
Büste einer Frau (Isabella von Aragon?), Francesco Laurana, 1487-1488
Isabella von Aragon war die Gemahlin von Ludovicos Neffen, dem Thronfolger Mailands und zugleich Ludovicos Nichte. Die halbkreisförmige Verfärbung auf der oberen Stirn verweist auf ein nicht mehr erhaltenes breites Stirnband, an dem mittig ein Juwel angebracht war, erkennbar an einem nagelgroßen Loch. Die Haube der Königstochter aus Neapel ist auffallend größer und bedeckt fast das gesamte Haar. Das Band mit dem Juwel diente vermutlich dazu, die Haube durch sein Gewicht nach vorn zu ziehen
Dame mit dem Hermelin, Leonardo da Vinci, 1489-1491
Dame mit dem Hermelin (Ausschnitt), Leonardo da Vinci, 1489-1491
Das Gemälde zeigt die Mailänder Hofdame Cecilia Gallerani, Vorgängerin von Lucrezia Crivelli als Mätresse von Ludovico Sforza. Sie trägt ein einfaches schwarzes Stirnband, gerade noch schmal genug, um es als Lenza zu bezeichnen
Bronzemedaille der Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino (Vorderseite), Adriano Fiorentino, Entstehungszeit unbekannt, Victoria and Albert Museum
Bronzemedaille der Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino (Vorderseite), Adriano Fiorentino, Entstehungszeit unbekannt (um 1500?), Victoria and Albert Museum
Die Medaille zeigt, dass Elisabetta ein Schmuckelement mittig auf ihrer Stirn trug. Die genaue Form ist aufgrund des Vollprofils jedoch nicht erkennbar
Porträt der Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino, Raffael, 1504-1505
Porträt der Elisabetta Gonzaga (Ausschnitt), Herzogin von Urbino, Raffael, 1504-1505
Der Skorpion (ital. Scorpio, mit "S" beginnend) galt als Fruchtbarkeitssymbol. Es ist nicht überliefert, dass Elisabetta ihn so getragen hätte, es handelt sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ikonografische Erfindung Raffaels

Bildkomposition

Das zunächst unscheinbare Porträt der La Belle Ferronnière kann als eines der klarsten Beispiele für Leonardos geometrisch konstruierten Bildaufbau gelten. Die folgende Analyse zeigt, wie Quadrat, Goldener Schnitt und Dreiecksformen nicht nur den Aufbau der Figur bestimmen, sondern auch die inhaltliche und symbolische Ordnung des Gemäldes prägen.

Bildvorlage für diese Analyse

Das Gemälde wird in der gängigen Literatur meist angeschnitten dargestellt. Das ausstellende Louvre Museum in Paris zeigt das Gemälde auf seiner Website zwar vollständig und ohne Rahmen, jedoch mit einer leichten perspektivischen Verzerrung. Aus dieser Fotografie wurden die fehlenden Bereiche für die vorliegende Analyse rekonstruiert, dies ist an einem leichten Farbunterschied an den Rändern der Mauer erkennbar.

Das Gemälde hat in der hier gezeigten Darstellung die originalen Proportionen von Breite zu Höhe. Die ursprüngliche Höhe lässt sich allerdings nicht mit absoluter Gewissheit bestimmen, da das Porträt am oberen linken Rand heute leicht nach oben gewölbt ist. Für diese Analyse wurde der gewölbte Teil entfernt, um ein rechtwinkliges Bild zu erhalten. Die Differenz ist minimal (<1 %) und verändert die geometrischen Beziehungen in Bezug auf die Bildhöhe nicht wesentlich.

I Das Quadrat

Das Gemälde nimmt in Aufbau und Proportionen deutlich Bezug auf das Quadrat I.

  • das Format des Gemäldes ist 1 : 2 (entspricht 1 : 1,41) und ist damit identisch mit dem heutigen DIN-A4-Format. Die Wurzel aus 2 lässt sich geometrisch darstellen als die Länge der Diagonale eines Quadrats mit der Seitenlänge 1
  • die oberste Kante der Mauer, der höchste Punkt des Kopfes sowie die linken und rechten Bildränder bilden ein Quadrat
  • bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der zentrale Edelstein im Stirnband unten mittig durch einen feinen Strich geteilt ist. So entstehen zwei direkt nebeneinanderliegende Quadrate

Zusammengenommen bilden alle drei Bezüge auf das Quadrat eine Einheit, die sich vom größten – dem Bildrahmen – über die dargestellte Figur im quadratischen Ausschnitt bis hin zum kleinsten Detail erstreckt: dem Juwel am Stirnband, das so charakteristisch für das Gemälde ist. 

Dieses Prinzip der gestuften Betrachtung hat Leonardo bereits in zwei weiteren Meisterwerken gezeigt, die zuvor ebenfalls in Mailand entstanden sind. In der Felsgrottenmadonna trägt Maria eine nur wenige Zentimeter groß gemalte Brosche, die bei genauerem Hinsehen das Atelier des Malers reflektiert. Und in den Pupillen der Dame mit dem Hermelin spiegelt sich, was sie sieht.

La Belle Ferronnière – Detail Gesicht
La Belle Ferronnière (Detail des Stirnjuwels)
Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der rechteckige Edelstein in der unteren Hälfte mittig durch einen kurzen schwarzen Strich markiert ist. Er teilt das Rechteck in zwei nebeneinanderliegende Quadrate
Felsgrottenmadonna (Detail), Leonardo da Vinci, 1483-1486
Maria trägt am Hals eine glasklare Brosche, die ihren Mantel zusammenhält. Die leichte Reflexion erscheint zunächst unauffällig
Felsgrottenmadonna (Detail der Brosche)
Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die Brosche ein Fenster reflektiert, das sich links hinter Betrachtenden befindet. Das ist bemerkenswert, weil die dargestellte Szene ausschließlich in einer Höhle spielt
Dame mit dem Hermelin, Leonardo da Vinci, 1489-1491
Dame mit dem Hermelin (Detail), Leonardo da Vinci, 1489-1491
Die Dargestellte blickt in einem ansonsten völlig dunklen Raum in Richtung des Lichts und erblickt dort etwas außerhalb des Bildraums
Dame mit dem Hermelin, Bildanalyse - Rechtes Auge
Dame mit dem Hermelin (Detail des linken Auges)
In den Pupillen spiegelt sich, was die Dame sieht. Die Augen sind im Gemälde nur etwa einen Zentimeter groß
Dame mit dem Hermelin, Bildanalyse - Linkes Auge
Dame mit dem Hermelin (Detail des rechten Auges)
Im rechten Auge zeigt sich dieselbe Spiegelung wie im linken. Nur bei der Dame mit dem Hermelin gestaltet Leonardo die Pupillen so detailliert – bei der Belle Ferronnière erscheinen lediglich zwei horizontale Striche als Reflexion, bei der Mona Lisa keine

II Die Quadranten

Leonardo gibt Hinweise darauf, dass das Quadrat erneut in kleinere Quadrate unterteilt werden kann II.

  • die Mittelsenkrechte des Quadrats – beziehungsweise des Gemäldes – verläuft genau durch das linke Auge der Belle Ferronnière (vertikale Linie, oberer blauer Punkt))
  • die Kopfstücke der Bänder sind in Dreiecksformen gruppiert (rosa Ellipsen), die sich jeweils links und rechts der Bildmitte befinden. Das oberste Kopfstück liegt genau unterhalb der Mittellinie des Quadrats (mittlere horizontale Linie)
  • Das rote Kleid zeigt in der linken Bildhälfte ein anderes Nahtmuster als in der rechten: Im linken Teil dominiert ein waagerecht-senkrechtes Linienmuster, im rechten Teil hingegen wird die Schulterpartie mit einem runden Bogenmuster dargestellt.
    Dort, wo der obere Rundbogen der Schulternaht auf die oberste waagerechte Naht des Dekolletés trifft, befindet sich die untere Ecke des grünen Saums, die von der Mittelsenkrechten genau getroffen wird (unterer blauer Punkt).
  • Auf der rechten Bildhälfte wiederum führt das Kleid bis knapp unterhalb der Mittellinie des Quadrats hoch zum Hals

Im Zusammenspiel dieser einzelnen Komponenten entsteht der Eindruck, Leonardo habe bewusst die beiden unteren Quadranten in einen linken und einen rechten Bereich gegliedert.

La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci
La Belle Ferronnière (Detail)
Die beiden oberen Quadranten lassen sich nicht sinnvoll als getrennte Teile darstellen – sie bilden eine Einheit. Es entsteht ein Rechteck aus zwei Quadraten
La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci
La Belle Ferronnière (Detail)
Der linke Teil des Kleides zeigt ein charakteristisches Kreuzmuster und erscheint dadurch sehr strukturiert. Das Band der Halskette bildet mit seinen weichen Formen einen bewussten Gegenpunkt zu den harten geometrischen Linien
La Belle Ferronnière – Detail Gesicht
La Belle Ferronnière (Detail des Stirnbands)
Beinahe wirkt es, als hätte Leonardo die Grundstruktur des Gemäldes im Juwel des Stirnbands verdichtet. Das Schmuckstück zeigt im Zentrum ein Rechteck, das aus zwei nebeneinanderliegenden Quadraten besteht. Dieses Rechteck würde dann dem oberen Teil mit der Büste der Ferronnière entsprechen, die beiden Quadrate den beiden unteren Hälften
La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci
La Belle Ferronnière (Detail)
Auf der rechten Seite überwiegen runde, organische Formen, die sich über mehrere Bögen bis zum Hals hinaufziehen

Geometrischer Zusammenhang von Quadrat und Goldener Schnitt

Das Quadrat steht in engem Zusammenhang mit der verbreitetsten Methode zur Konstruktion des Goldenen Schnitts. Sie geht auf den antiken Mathematiker Euklid (3. Jahrhundert v. Chr.) zurück, der sie in seinem Hauptwerk “Elemente” beschrieb. Das Buch galt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts als das Standardwerk der Geometrie. Geometrische Zeichnungen Leonardos zeigen, dass er die darin erklärten mathematischen Herleitungen und Regeln nachvollzog.

Konstruktion des Goldenen Schnitts nach Euklid (3. Jahrhundert v. Chr.)
Konstruktion des Goldenen Schnitts nach Euklid (3. Jahrhundert v. Chr.)
Basis der Konstruktion des Goldenen Schnitts der Strecke AB ist ein Rechteck aus zwei nebeneinanderliegenden Quadraten mit den Seiten AB und BC.
1) Einzeichnen der Diagonale AC des Rechtecks
2) Kreis um C mit dem Radius CB. Markieren des Schnittpunkts mit der Diagonale AC (blauer Punkt)
3) Kreis um A mit dem Radius von A und dem Schnittpunkt aus 2) (blauer Punkt)
Da wo dieser Kreis die Strecke AB trifft befindet sich der Goldene Schnitt der Strecke AB (gelber Punkt)

III Goldener Schnitt

Leonardo verwendete für La Belle Ferronnière den Goldenen Schnitt, um das Kopfstück des Bandes an der Halskette, sowie das Juwel an der Stirn zu betonen III.

  • der Goldene Schnitt der Bildhöhe trifft das Kopfstück des Bandes an der Halskette (untere orange  horizontale Linie), ebenso die Kopfstücke zweier Bänder an ihrer linken Schulter (rosa Ellipsen)
  • der Goldene Schnitt der Bildbreite trifft das Kopfstück des Bandes ebenfalls an der Halskette (Mouseover)
  • wir der Major des Goldenen Schnitts der Bildhöhe erneut im Goldenen Schnitt geteilt, trifft der Goldene Schnitt das Juwel an der Stirn exakt (obere orange horizontale Linie)

Leonardo spielte mit dem Goldenen Schnitt in seinen Porträts, um den Blick auf die Augen zu lenken. Für ihn waren sie das „Fenster der Seele“ und zugleich ein Werkzeug der Erkenntnis – Sehen bedeutete für ihn Verstehen. Besonders bemerkenswert ist das auffällige Muster, mit dem er den Goldenen Schnitt auf stets gleiche Weise in seine Porträts einband.

Dame mit dem Hermelin (digital bearbeitet), Leonardo da Vinci, 1489-1491
Der Goldene Schnitt der Bildbreite trifft exakt das linke Auge des Hermelins (orange vertikale Linie), ebenso präzise schneidet der Goldene Schnitt der Bildhöhe das rechte Auge des Tieres (untere horizontale Linie). Bei einer erneuten Teilung des Goldenen Schnitts der Bildhöhe werden die Augen der Dame hingegen knapp verfehlt (obere horizontale Linie)
La Belle Ferronnière (digital bearbeitet)
Der Goldene Schnitt von Breite und Höhe des Bildes schneidet sich im Kopfstück des Bandes an ihrer Halskette und tangiert das linke Auge exakt (vertikale und untere horizontale Linie). Wird der Goldene Schnitt der Bildhöhe erneut im Goldenen Schnitt geteilt, verläuft er exakt durch das Stirnjuwel der Dame (obere horizontale Linie)
Mona Lisa (digital bearbeitet), Leonardo da Vinci, 1503-1519
Der Goldene Schnitt liegt auf der Höhe der Säulenfüße am Bildrand (untere horizontale Linie). Bei einer erneuten Teilung des Goldenen Schnitts der Bildhöhe werden beide Augen der Mona Lisa exakt getroffen (obere horizontale Linie). Zusätzlich verläuft die Mittelsenkrechte präzise durch ihr linkes Auge (vertikale Linie)

IV Der linke untere Quadrant

Vom Stirnschmuck der jungen Frau führt der Blick herunter zur Kette an ihrem Hals. Sie besteht aus gleich großen schwarzen und weißen Gliedern. Die Kette und das an ihr befestigte Band führt zum linken unteren Quadranten IV

  • der linke Teil der Kette hängt etwa im Winkel von 72°
  • der rechte Teil der Kette hängt etwa im Winkel von 45°
  • links und rechts an ihrem Dekolleté sind zwei kreuzförmige Nähte zu erkennen (orange Kreuze)
  • das Kopfstück des Bandes am Dekolleté befindet sich leicht erhöht über diesen Kreuzen am grünen Saum des Kleides. Der Saum ist im 18° Winkel geneigt (grüne horizontale Linie). Ein 18° Winkel entsteht wenn von einem rechten Winkel (90°) ein 72° Winkel abgezogen wird. Der 72° Winkel ist der Mittelpunktwinkel eines regelmäßigen 5-Ecks (Pentagon), das nur mit dem Goldenen Schnitt konstruiert werden kann. Auch hier wird die absichtliche Verbindung von Quadrat (Mittelpunktwinkel 90°) und Pentagon (Mittelpunktwinkel 72°) deutlich

Kreuzigungsymbolik

Links und rechts des Halskettenbandes befinden sich je zwei sich schneidende Linien, die von Zeitgenossen als Symbole des christlichen Glaubens verstanden werden konnten, da sie ihrer Form nach an Kreuze erinnern. Der Eindruck wird verstärkt durch das lose herabhängende Band der Halskette, dass menschliche Proportionen zeigt:

  • Ein “Kopf” oberhalb des Knotens an dem das Band befestigt ist
  • darüber zwei “Arme”, die beiden Glieder der Kette
  • unterhalb des Kopfstücks wird das Band etwas schmaler bevor es an der "Hüfte" etwas weiter auseinandergeht
  • unterhalb der Hüfte markieren zwei helle Linien am linken und rechten Rand des Bandes die "Beine", tatsächlich handelt es sich um die beiden Ränder des Bandes 

Insgesamt betrachtet erinnert das Zusammenspiel der beiden Kreuzlinien und das vermenschlicht herabhängende Band an der Halskette an eine stilisierte Kreuzigungsszene. Demnach hänge der jungen Dame ein Kruzifix am Hals. Die beiden Kreuze links und rechts würden dann die zwei in der Bibel erwähnten Schächer symbolisieren, die zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden (Lk 23,39). In der Ikonographie wird der reuige Sünder, der erlöst wird, zu seiner Rechten dargestellt, zur Linken ein überzeugter Krimineller. 

Wird der Ansicht einer Kreuzigung gefolgt, beginnen auch die zwei Kopfstücke der anderen beiden Halsbänder links darüber vermenschlicht zu wirken, wenn sie zum Halsband "blicken" (braune transparente Ellipsen). Auch sie scheinen um die Ecke herum an Kreuze geschlagen worden zu sein. Die nun fünf “Gekreuzigten” würden aber nicht mehr der christlichen Ikonographie entsprechen, die stets nur den gekreuzigten Jesu allein oder zusammen mit den beiden Schächern darstellt.

Die historisch bekannteste Kreuzigungsszene steht im Zusammenhang mit dem Spartacus-Aufstand. Der ehemalige Sklave Spartacus hatte um 73 v. Chr. im antiken Italien ein Heer aus entflohenen Sklaven um sich geschart und zum Kampf gegen Rom aufgerufen. Nach anfänglichen Erfolgen verlor er die entscheidende Schlacht und fiel. Als Zeichen des Sieges und zur Abschreckung vor Nachahmung wurden die etwa 6000 überlebenden Sklaven im Jahr 71 v. Chr. auf dem Rückweg nach Rom entlang der Via Appia gekreuzigt. Es gibt jedoch keine Berichte über gekreuzigte Frauen. Nach römischem Recht konnten nur kämpfende Personen hingerichtet werden. Frauen waren in der Sklavenarmee lediglich im Gefolge, meist als Begleiterinnen ihrer kämpfenden Männer. Gegen die Darstellung der Gekreuzigten der Via Appia spricht daher das weibliche Erscheinungsbild der hängenden Figur am Halsband (schmale Taille, breite Hüfte).

Vor dem Hintergrund der Ereignisse am Mailänder Hof eröffnet sich jedoch eine plausible biografische Deutung. Häufig wird übersehen, dass Lucrezia bereits von Ludovico schwanger war, als dessen Ehefrau Beatrice d’Este 1497 im Kindbett starb – gemeinsam mit dem dritten Kind des Herzogs. Wird das zentrale Band an der Halskette nun als weibliche Figur verstanden, mit betontem Becken, aber leblos vom Kreuz herabhängend, so liegt es nahe, darin einen Hinweis auf die besonderen Umstände zu sehen, die diese Liebschaft des Herzogs mit sich brachte – und zugleich auf die Gefahren, die eine Geburt zu einer Zeit mit sich brachte, als die Medizin sich noch in ihren Anfängen befand.

La Belle Ferronnière – Detail Kleid
La Belle Ferronnière (Detail)
Das Band an der Halskette wirkt seltsam vermenschlicht. Im Zusammenspiel mit den beiden Kreuzen links und rechts entsteht der Eindruck einer Kreuzigungszene. Gegen den Eindruck einer Kreuzigung Jesu spricht die schmale "Taille" und breite "Hüfte" des lose herabhängenden Bandes
San-Zeno-Altar, Andrea Mantegna, 1457–1460, Tempera auf Holz, San Zeno Maggiore in Verona
San-Zeno-Altar (Ausschnitt), Andrea Mantegna, 1457–1460, Tempera auf Holz, San Zeno Maggiore in Verona
Eine typische Darstellung der Kreuzigung Jesu mit den zwei Schächern. Zur Rechten Jesu der reuige Sünder im Licht, zu seiner Linken der überzeugte Kriminelle im Halbdunkel
Die gekreuzigten Sklaven, Fyodor Andreyevich Bronnikov, 1878, Tretyakov Galerie, Moskau
Die gekreuzigten Sklaven (Ausschnitt), Fyodor Andreyevich Bronnikov, 1878, Tretyakov Galerie, Moskau
Die Darstellung gibt einen Eindruck vom Schicksal der etwa 6000 Überlebenden der finalen Schlacht des Spartacus-Aufstandes. Sie wurden entlang der Via Appia an Kreuze geschlagen, etwa alle 30 Meter

Zeitlicher Zusammenhang von Abendmahl, Kreuzigung und La Belle Ferronnière

Lucrezia Crivelli wurde um 1495 zur Mätresse des Mailänder Herzogs. Leonardo hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr am Abendmahl gearbeitet und beendete die Arbeit etwa drei Jahre später, also um 1498. Das Abendmahl befindet sich in einem ehemaligen Speisesaal eines Klosters, das direkt an die bedeutende Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie angrenzt. Die Kirche wurde zur selben Zeit vom späteren Architekten des Petersdoms, Bramante, umgebaut. Sie sollte die Begräbnisstätte der Mailänder Herrscherfamilie Sforza werden. So wurde Beatrice d’Este nach ihrem frühen Tod in einer prachtvollen Zeremonie in Santa Maria delle Grazie bestattet.

Gegenüber von Leonardos Abendmahl war bereits 1495 ein Werk vollendet worden, das die Kreuzigung Jesu zeigt. Beide Gemälde stehen damit in einem inhaltlichen Zusammenhang: Der von Leonardo dargestellte Jesus blickt – gleichsam in einer Vision – über den Raum hinweg auf sein zukünftiges Schicksal. Die Kreuzigungsszene veranschaulicht so die Bedeutung der Worte Jesu, auf die die Jünger beim Abendmahl reagieren.

Das genaue Entstehungsdatum des Porträts der Lucrezia Crivelli ist unklar. Es kann jedoch angenommen werden, dass es – ebenso wie das Porträt der Dame mit dem Hermelin – als Geschenk des Herzogs an seine Mätresse gedacht war, und vermutlich ebenso anlässlich der Geburt eines Kindes. Lucrezia Crivelli gebar Ludovico 1497 einen Sohn. Demnach wäre ihr Porträt zeitgleich zum „Abendmahl“ entstanden – und zugleich unter dem Eindruck des tragischen Todes von Beatrice d’Este, die im Kindbett starb, während Lucrezia von Ludovico schwanger war.

Das letzte Abendmahl, Leonardo da Vinci, 1494-1498
Das letzte Abendmahl, Leonardo da Vinci, 1494-1498
Das monumentale Wandgemälde – Leonardos Hauptwerk – entstand über mehrere Jahre hinweg, genau in jener Zeit, als Lucrezia Crivelli die Mätresse von Ludovico Sforza war
Kreuzigung, Giovanni Donato da Montorfano, 1495
Kreuzigung, Giovanni Donato da Montorfano, 1495
Das nahezu zeitgleich entstandene Gemälde befindet sich an der gegenüberliegenden Wand desselben Raumes

V Der rechte untere Quadrant

An den Bändern der linken Schulter sind klar Knoten auszumachen V, mit denen diese am Kleid befestigt wurden. 

  • werden die Knoten miteinander verbunden, entsteht ein gleichschenkliges Dreieck, d.h. die linke und rechte Seite sind genau gleich lang (weiße Linien)
  • die beiden Basiswinkel messen jeweils 30°, der obere Winkel beträgt 120°
  • die Länge der beiden Seiten entspricht genau einem Achtel der Bildbreite
  • die Basis des Dreiecks teilt den rechten unteren Quadranten der Höhe nach im Goldenen Schnitt (orange Linie, nicht zu verwechseln mit dem Goldenen Schnitt der Gemäldehöhe, der sich knapp darüber befindet, Mouseover)

Damit besteht ein Zusammenhang zur Dame mit dem Hermelin, denn dasselbe Dreieck wurde dort ebenso prominent verwendet – für die Positionierung der Augen des Hermelins sowie des rechten Ohrs.

La Belle Ferronnière – Detail Kleid
La Belle Ferronnière (Detail der Schulter)
Die drei sichtbaren Bänder ihrer linken Schulter sind halbkreisförmig entlang der Schulter an einem weißen Band mit Knoten befestigt. Diese Knoten bilden ein nach oben gerichtetes gleichschenkliges Dreieck mit Innenwinkeln von 30°, 30° und 120°
Dame mit dem Hermelin (digital bearbeitet)
Die beiden Augen und das rechte Ohr des Hermelins bilden ein nach unten gerichtetes gleichschenkliges Dreieck mit Innenwinkeln von 30°, 30° und 120°. Sie liegen außerdem auf der Mittelsenkrechten (rote Linie), dem Goldenen Schnitt der Bildhöhe (orange Horizontale) und dem Goldenen Schnitt der Bildbreite (orange Vertikale)

Verwendung des Dreiecks von 45°, 60° und 75°

Leonardo verwendete häufig ein spezielles, symbolisches Dreieck mit Innenwinkeln von genau 45°, 60° und 75° (die Reihenfolge kann variieren), mit dem er wesentliche Bildelemente miteinander verband. Auch bei der Belle Ferronnière lässt sich dieses Dreieck nachweisen:

  • vom oberen Knoten des Schulterdreiecks kann ein 60°-Winkel zum Ansatz des Mittelscheitels der Dame gezogen werden (rechte gelbe Linie)
  • von dort führt ein 45°-Winkel zum Mittelpunkt des linken unteren Quadranten (linke gelbe Linie)
  • werden alle drei Punkte miteinander verbunden, entsteht ein Dreieck mit Innenwinkeln von 45°, 75° und 60° (gelb transparentes Dreieck)

Die linke und rechte Seite des so entstandenen Dreiecks tangieren beide Augen – jeweils am linken Rand der Pupille. Zudem befindet sich das Stirnjuwel nun in der obersten Spitze dieses Dreiecks. Der in zwei Quadrate unterteilte rechteckige Edelstein im Stirnjuwel lässt sich dadurch als Symbol für die beiden unteren Quadranten deuten (rotes und grünes Quadrat im rechteckigen Edelstein).

Felsgrottemandonna – Dreieck mit den Innenwinkeln von 45°, 60° und 75°
Felsgrottenmadonna (Ausschnitt, bearbeitet), Leonardo da Vinci, 1483-1486
Die drei rechten Augen und das linke Auge des Jesusknaben (unten rechts) liegen auf einem Kreis. Die drei Augen auf der linken Seite sind durch ein Dreieck mit Innenwinkeln von 45°, 60° und 75° verbunden. Die Spitze des Zeigefingers des Engels trifft exakt auf die rechte Seite dieses Dreiecks
Dame mit dem Hermelin - Symbolische Dreiecke
Dame mit dem Hermelin (digital bearbeitet)
Das Dreieck verbindet hier die beiden Ohren und das linke Auge des Hermelins (grün transparente Fläche). Wie oben bereits gezeigt, befindet sich direkt darunter ein weiteres Dreieck mit Innenwinkeln von 30°, 120° und 30°, das die beiden Augen und das rechte Ohr des Hermelins verbindet
Leonardo da Vinci – Ginevra de Benci, Dreieck auf der Rückseite mit den Innenwinkeln von 45°,50° und 75°
Ginevra de’ Benci (Rückseite, bearbeitet), Leonardo da Vinci zugeschrieben
Hier zeigt sich dasselbe Dreieck durch die Verbindung der Spitze des Gebindes mit den Mittelpunkten der Spiralen an den Enden des Spruchbandes

Familienszenen

Mit Blick auf die benachbarte Kreuzigungsszene im linken unteren Quadranten, wirken die von der Schulter herabhängenden Bänder auch hier vermenschlicht. Eine größere Figur (das mittlere Band) streckt die Arme nach zwei kleineren Figuren aus (linkes und rechtes Band) und scheint sie am Kragen zu packen und zu sich zu ziehen – so, wie es Mütter mit ihren Kindern bisweilen tun. Das linke Band „schaut“ dabei wehmütig nach links, das rechte Band ist in der Dunkelheit kaum auszumachen.

Durch den faltig liegenden Stoff des Kleides ergeben sich beim linken Band zudem Assoziationen zu einer älteren, schlafenden männlichen Person, die unter einer schweren Decke in einem Bett liegt. Ihr rechter Arm hängt über die Bettkante herab. Das mittlere Band wird nun zu einer Figur, die neben dem Bett steht und ihre rechte Hand auf die Stirn der liegenden Person legt, während sie mit der anderen Hand vom rechten Band gezogen wird.

Es fällt nicht schwer, in der Szene eine Projektion der Beziehungen innerhalb der Mailänder Herzogsfamilie zu sehen. Ludovico Sforzas Liebesleben zeichnet sich dadurch aus, dass er sich – unabhängig von seinem eigenen Alter – stets nur sehr junge Frauen nahm. Cecilia Gallerani – bekannt als die Dame mit dem Hermelin – war erst 16 Jahre alt, möglicherweise auch nur 14 Jahre, als sie die Mätresse des Herzogs wurde. Er selbst war zu dem Zeitpunkt bereits 37. Im Alter von 39 Jahren heiratete er dann Beatrice d'Este, die mit 16 Jahren ebenfalls noch sehr jung war. Nach ihrem frühen Tod im Alter von 22 Jahren nahm er sich mit 43 Jahren Lucrezia Crivelli zur Mätresse, zu dem Zeitpunkt etwa 24 Jahre alt.

Dass Leonardo diese Altersunterschiede möglicherweise in seinen Gemälden thematisierte, könnte er bereits in der Dame mit dem Hermelin angedeutet haben. Dass das Hermelin fast doppelt so groß wie in Wirklichkeit dargestellt ist, wird häufig mit seiner Eigenschaft als Symboltier des Herzogs gedeutet. Umgekehrt wäre es aber auch möglich festzustellen, dass nicht das Hermelin zu groß, sondern Cecilia zu klein dargestellt wäre. Es könnte dann als subtiler Hinweis auf Ludovicos Vorliebe für sehr junge Frauen verstanden werden.

In einem ähnlichen Zusammenhang kann die versteckte Bettszene an der Schulter der Belle Ferronnière verstanden werden. Es könnte sich um eine Projektion der Zukunft handeln, die die Folgen eines großen Altersunterschieds im hohen Alter mit sich bringt. Der ältliche Ludovico liegt (sterbend?) in seinem Bett, während Lucrezia ihn vom Fußende her betrachtet. Wenn er so viele Jahre älter ist als sie, wie viele Jahre hat sie dann noch zu leben, wenn er stirbt? Fühlt sie sich dann noch attraktiv genug für eine neue Liebe? Wenn sie in späten Jahren noch gemeinsame Kinder hätten, wären sie alt genug, um ihren Vater aktiv wahrzunehmen? Wird das versteckte Motiv als eine solche Familienszene verstanden, dann sind es Fragen wie diese, die den Betrachtenden in den Sinn kommen.

La Belle Ferronnière (radiologische Untersuchung des Kupferanteils)
La Belle Ferronnière (radiologische Untersuchung des Kupferanteils)
Es wird deutlich, dass vor allem die drei Bänder auf der rechten Seite geisterhaft vermenschlicht wirken. Das linke Band scheint eine kleinere Person darzustellen, die am Kragen nach rechts gezogen wird, das mittlere Band blickt nach links unten, und das rechte Band scheint ebenfalls am Kragen nach links gezogen zu werden
La Belle Ferronnière – Detail Schulter
La Belle Ferronnière (Detail der Schulter)
Das mittlere Band – „die Mutter“ – scheint die beiden Bänder links und rechts, „die Kinder“, am Kragen zu packen und zu sich zu ziehen. Die Köpfe der Bänder sind so gestaltet, dass sie wie menschliche Köpfe wirken und Kapuzen zu tragen scheinen
La Belle Ferronnière – Detail Kleid
La Belle Ferronnière (Detail der Schulter)
Werden nur die beiden linken Bänder in einem engeren Bildausschnitt betrachtet, ergibt sich der Eindruck eines schlafenden älteren Mannes in seinem Bett: weißes Kopfkissen, schwere rote Bettdecke. Er trägt eine Kapuze auf dem nach links geneigten Kopf, sein rechter Arm hängt erschlafft über die Bettkante herab. Rechts im Vordergrund wendet sich im Vorübergehen eine Person am Fußende des Bettes ihm zu

VI Die beiden oberen Quadranten

Im Gegensatz zur unteren Hälfte des großen Quadrats lässt sich für die beiden oberen Quadranten keine beabsichtigte Unterteilung in eine linke und rechte Hälfte erkennen A. Stattdessen können die beiden oberen Quadranten als ein Rechteck aus zwei Quadraten verstanden werden. Es erscheint nicht zufällig, dass das optische Zentrum dieses Bereichs ein rechteckiger Edelstein am Stirnjuwel ist, der unten mittig durch einen kurzen schwarzen Strich horizontal in zwei Quadrate geteilt wird.

La Belle Ferronnière – Detail Gesicht
La Belle Ferronnière (Detail der Stirn)
  • bei genauerer Betrachtung hat der zentrale Edelstein des Stirnjuwels die Form eines Rechtecks aus zwei Quadraten und wurde unten mittig mit einem kurzen schwarzen Strich markiert. Es ist umgeben von sechs gleich großen, kreisrunden Edelsteinen, die in der Form eines regelmäßigen Sechsecks auf einem Umkreis angeordnet sind VI. Der Umkreis erscheint elliptisch, weil er um exakt 30° in den Raum gekippt wurde – messbar am Verhältnis von Breite zu Höhe, das dem Sinus von 60° entspricht
  • das Stirnband ist um 3,5° nach links geneigt (weiße schräge Linie), ebenso wie der Kopf der Dame, erkennbar an der Verbindungslinie durch die Mittelpunkte ihrer Pupillen (blaue Linie). Derselbe Winkel wird auch für die Position der Pupillen der Dame mit dem Hermelin verwendet und auch das letzte Gemälde Leonardos zeigt diesen in der Form des leicht zur Seite geneigten Kreuzes
Dame mit dem Hermelin (digital bearbeitet), 1491
Cecilia Galerani, Mätresse des Mailänder Herzogs. Die Achse zwischen den Pupillen (blaue Linie) ist um genau 3,5° nach rechts oben geneigt
La Belle Ferronnière von Leonardo da Vinci – Achse der Pupillen
La Belle Ferronnière (digital bearbeitet), Leonardo da Vinci, 1497
Lucrezia Crivelli, Cecilias Nachfolgerin als Mätresse des Mailänder Herzogs und ebenfalls Mutter seines Sohnes. Die Achse zwischen den Pupillen (blaue Linie) ist um genau 3,5° nach rechts oben geneigt und verläuft parallel zum Stirnband, das dieselbe Neigung aufweist
Johannes der Täufer, Leonardo da Vinci, 1513-1519
Leonardos letztes Gemälde zeigt den Johannes, erkennbar an seinen Hauptattributen: Fellumhang und Johannestab (ein längliches Kreuz, blaue vertikale Linie). Das Kreuz oberhalb der Hand ist um genau 3,5° nach rechts geneigt, darunter um etwa die Hälfte, also ~1,7°
  • an der Stelle, an der die Augachse (blaue Linie) auf die Mittelsenkrechte trifft, lässt sich ein Winkel von 60° zu ihrem Mittelscheitel ziehen. Von dort trifft eine Tangente am Stirnjuwel im Winkel von 45° wieder auf die Augachse. Es entsteht erneut das bereits bekannte Dreieck mit den Winkeln von 45°, 60° und 75° (V). Beide Dreiecke haben einen gemeinsamen Eckpunkt im Mittelscheitel
  • von den beiden Zentren der Quadrate des rechteckigen Edelsteins am Stirnjuwel lassen sich jeweils Linien zu den Pupillen ziehen (innere weiße Linien). Der linke Winkel beträgt 72°, der rechte 45° (Mittelpunktwinkel eines regelmäßigen Fünfecks und Diagonalwinkel eines Quadrats). Die beiden Winkel entsprechen damit den Winkeln der beiden Glieder der Halskette, die sich direkt darunter befinden, auch sie sind entlang von 72° bzw. 45° Winkel ausgerichtet
  • die Mauer im Bildvordergrund besteht aus drei gleich großen Teilen. Zu sehen ist ein Schlussstein, der auf einen zweiten, gleich hohen Stein aufgesetzt wurde. Der untere ist von einer starken Maserung durchzogen. Darunter ist eine leicht nach hinten versetzte Mauer zu erkennen, die sich durch stärkere Schattierung deutlich von den beiden darüberliegenden Steinen abhebt.

Werden nun lediglich die so entstandenen horizontalen Linien betrachtet, ergibt sich ein universales Schlussbild. Das Wort Geometrie leitet sich ab von den altgriechischen Wörtern für Erde und Messen (geo und metron). Mithilfe der Geometrie war es den antiken Naturwissenschaftlern bereits möglich, den Erdumfang zu bestimmen, aber auch etwa die Größe und Entfernung des Mondes zu berechnen. Leonardo selbst hatte bereits ein heliozentrisches Weltbild, das heißt er nahm nicht an, dass sich die Himmelkörper um die Erde drehten, sondern sah die Sonne als Mittelpunkt der Planetenbewegungen. Er notierte sich dazu in Großbuchstaben: “Die Sonne bewegt sich nicht” (Codex Windsor, folio 127).

Bis zur Entdeckung des Uranus im Jahr 1781 waren seit der Antike nur die sechs inneren Planeten unseres Sonnensystems bekannt, weil nur sie mit bloßem Auge bzw. mit den ersten Fernrohren (ab 1609) sichtbar waren. Vor diesem Hintergrund erscheinen in dieser Szene die von Leonardo konstruierten sechs horizontalen Linien als stilisiertes Sonnensystem, in dessen Mittelpunkt das Stirnjuwel der Belle Ferronnière gesetzt wurde (VI + Mouseover). Das Stirnjuwel wiederum besteht ebenfalls aus sechs gleichmäßig im Kreis angeordneten Edelsteinen und greift damit das Thema der gestuften Betrachtung erneut auf – wie bereits eingangs festgestellt bei dem Format des Gemäldes (2), dem Quadrat der Porträtierten und der Einteilung des rechteckigen Edelsteins am Stirnjuwel in zwei Quadrate.

Wie zuvor bereits erwähnt, kann die schwarz-weiß gegliederte Kette als Anspielung auf Arithmetik und Geometrie verstanden werden. Wenn nun auch wesentliche Konstruktionslinien des Gemäldes die Astronomie versinnbildlichen, fehlt nur noch ein Hinweis auf die Musik, um das Quadrivium der sieben antiken Künste zu vervollständigen.

Da-Vinci-Glow, Astronomische Studie, Leonardo da Vinci, Codex Leicester, folio 2
Astronomische Studie, Leonardo da Vinci, Codex Leicester, folio 2
Leonardo hatte ein heliozentrisches Weltbild. Er zeigt hier, dass bei Neumond die der Erde zugewandte Seite des Mondes das auf die Erde treffende Sonnenlicht reflektiert. Daher erscheint der eigentlich dunkle Neumond (Mitte) von der Erde (links) aus gesehen in einem blassen Licht. Der Effekt ist heute als Da-Vinci-Glow bekannt
Zwei Takte mit Noten und Bilderrätsel, Leonardo da Vinci, Codex Arundel
Zwei Takte mit Noten und Bilderrätsel, Leonardo da Vinci, Codex Arundel
Es wird hier ein System aus fünf Notenlinien verwendet. Leonardo hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Musik. Einerseits spielte er mehrere Instrumente und sang dazu, andererseits bevorzugte er die Malerei, weil sie alle Informationen gleichzeitig sichtbar macht und nicht – wie die Musik – im Moment ihres Erklingens zugleich wieder vergeht

Fazit zur Bildkomposition

Leonardos Porträtkompositionen beruhen auf einem streng geometrischen Aufbau, in dem Quadrat, Goldener Schnitt und symbolische Dreiecke eine übergeordnete Ordnung bilden. In La Belle Ferronnière zeigt sich dieses Prinzip in besonderer Klarheit: Die Gesamtform des Gemäldes, die Struktur der Figur und kleinste Schmuckdetails sind aufeinander abgestimmt und folgen denselben Proportionsregeln. Klassische geometrische Figuren wie das gleichseitige Dreieck und das Quadrat kreisen um den Goldenen Schnitt, der als wichtigste Proportion das charakteristische Stirnjuwel betont. Diese Formen erscheinen in mehrfacher Variation – direkt sichtbar oder angedeutet als Winkel von 45°, 60° oder 72°, als Proportionen wie 2 oder sin 60°, oder in der strukturellen Gliederung des Stirnjuwels selbst, das unmittelbar auf die Konstruktion des Goldenen Schnitts verweist.

Leonardo verbindet diese geometrische Präzision mit einer subtilen psychologischen Wirkung, die sich in den thematisch gegliederten Quadranten des Gemäldes zeigt. Karierte Muster werden unterbrochen und durch Dekor überlagert, sodass sie Kreuze bilden. Bänder, die in geometrischer Harmonie an Dreiecke geknüpft sind, verwandeln sich in menschliche Gestalten. Linien und Schnittpunkte fügen sich zu einem Muster, das an eine astronomische Skizze erinnert – mit genau jener Zahl an Achsen und Verbindungen, die der Anzahl der damals bekannten Planeten entspricht und die alle um das Stirnjuwel kreisen.

Zudem lässt sich zeigen, dass Leonardo seine Gemälde durch wiederkehrende geometrische Motive miteinander verknüpft – etwa durch den 3,5°-Winkel, den er zur Anordnung der Pupillen in den Porträts der Mätressen des Mailänder Herzogs verwendet, oder durch charakteristische Dreiecke mit den Innenwinkeln von 30°, 30° und 120° oder 45°, 60° und 75°, mit denen er zentrale Bildpunkte strukturell verbindet.

All dies spiegelt Leonardos Streben nach Einheit zwischen Maß, Zahl und Ausdruck. In der Gesamtschau offenbart sich die Komposition als vielschichtiges System – mathematisch konstruiert, symbolisch aufgeladen und zugleich von menschlicher Präsenz erfüllt. Damit bildet sie den Übergang von der mittelalterlichen Symbolordnung zur neuzeitlichen Idee eines rationalen, harmonischen Bildraums – ein Grundprinzip, das Leonardos Werk in seiner Tiefe kennzeichnet.

Provenienz

Zu dem Porträt La Belle Ferronnière sind keine Auftragsunterlagen, Notizen oder Studien Leonardos bekannt. Das Gemälde entstand zwischen 1495 und 1519, vermutlich um 1497 am Mailänder Hof, und zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit Lucrezia Crivelli – nach Cecilia Gallerani, der Dame mit dem Hermelin, die zweite Mätresse des Herzogs von Mailand, die ihm 1497 ebenfalls einen Sohn gebar. Beiden Porträts widmete der zeitgenössische Dichter Tebaldeo jeweils ein Gedicht, in dem er die beiden Damen namentlich nennt und Leonardo als ihren Maler lobt. Mitunter wurde behauptet, das für die Belle Ferronnière verwendete Walnussholz sei identisch mit dem der Dame mit dem Hermelin, was eine Entstehung am Mailänder Hof nahelege. Diese Annahme konnte jedoch durch Materialanalysen des Louvre widerlegt werden. 

Alternativ wurde vorgeschlagen, das Gemälde sei erst während Leonardos späterer Jahre am französischen Hof in Amboise entstanden und zeige eine heute unbekannte Mätresse von König Franz I. In diesem Fall wäre es zwischen 1516 und 1519 zu datieren. Doch erwähnt keine historische Quelle eine solche Mätresse oder ein entsprechendes Porträt Leonardos.

Der Weg nach Frankreich

Was nach der Entstehung des Gemäldes geschah, ist unklar. Sicher ist nur, dass es irgendwann nach Frankreich gelangte. Einen wichtigen Hinweis liefert der Reisebericht des Antonio de Beatis, der 1517 als Sekretär des Kardinals Luigi d’Aragona die Werkstatt Leonardos im Schloss Cloux bei Amboise besuchte. Dort sah er mehrere Gemälde des Meisters und erwähnte ausdrücklich „ein Bildnis einer Dame aus Mailand“:

Es gab auch ein Gemälde, auf dem eine gewisse Dame aus Mailand nach der Natur in Öl gemalt wurde, das sehr schön ist, aber meiner Meinung nach nicht so schön wie Signora Isabella Gualanda.

Die Bemerkung richtet sich an das zeitgenössische Publikum in Neapel: Isabella Gualanda war dort für ihre Schönheit berühmt, und der Kardinal selbst stammte aus dieser Stadt. Zwar lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, dass die beschriebene „Dame aus Mailand“ tatsächlich La Belle Ferronnière meint, doch angesichts der wenigen authentischen Gemälde Leonardos ist dies wahrscheinlich. De Beatis nennt in demselben Bericht auch die Dame aus Florenz (vermutlich die Mona Lisa), die Anna Selbdritt und den Johannes der Täufer – also genau jene vier zweifelsfrei echten Werke Leonardos, die sich auch heute noch im Louvre befinden.

Wie das Porträt nach Frankreich gelangte und weshalb es sich nicht im Eigentum der Lucrezia Crivelli befand, während Cecilia Gallerani ihr eigenes Porträt als Dame mit dem Hermelin bis zu ihrem Tod behielt, bleibt ungeklärt. Hierüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise gelangte es 1499 als Beutekunst in französische Hände, als König Ludwig XII. Mailand eroberte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Franz I. von Frankreich das Bild direkt von Leonardo erhielt bzw. nach dessen Tod 1519 übernahm, da Leonardo seine letzten Lebensjahre in Frankreich verbrachte.

In der königlichen Sammlung

Das Porträt wird 1642 erstmals in der Sammlung von Fontainebleau erwähnt.

  • 1642 veröffentlicht Pater Dan sein Werk „Trésor des merveilles de la maison royale de Fontainebleau“ (frz. "Schatzkammer der Wunder des Königshauses von Fontainebleau"). Es werden dort vier Gemälde Leonardos aufgelistet, eines als "ein Porträt einer Herzogin von Mantua" (damit könnte die Isabella d'Este gemeint sein). Von den bekannten Leonardo Porträts befanden sich nur die Mona Lisa und eben dieses Porträt in der Sammlung, es muss sich dabei um die Belle Ferronnière handeln. Warum Pater Dan sie als Herzogin von Mantua bezeichnet, ist unklar: Weder Beatrice d'Este noch ihre Schwester Isabella waren Herzoginnen von Mantua. Beatrice starb als Herzogin von Mailand und Isabella d'Este war Markgräfin von Mantua. Erst ihr Sohn wurde zum Herzog erhoben. Pater Dan muss sie daher rückblickend fälschlich als Isabella d’Este, bzw. Herzogin von Mantua bezeichnet haben und kann sein Wissen nicht aus einer Quelle zu Leonardos oder Isabellas Lebzeiten gewonnen haben
  • 1651 übernahm Raphaël Trichet du Fresne die Bezeichnung "Herzogin von Mantua" in seiner Leonardo-Biografie. 

Kunsthistoriker, die die Belle Ferronnière als Isabella d'Este identifizieren, die "Herzogin von Mantua", stützen sich auf diese beiden Quellen.

1682 lässt Ludwig XIV. die königliche Sammlung zum Schloss Versailles überführen.

  • 1683 verfasste der Maler Charles Le Brun einen Bestandskatalog der königlichen Sammlung und bezeichnete das Gemälde dort nur noch als Portrait d’une femme (frz. „Porträt einer Frau“) – nicht mehr als Porträt einer „Herzogin von Mantua"
  • Diese Bezeichnung wird 1709 von Nicolas Bailly und 1752 von François Bernard Lépicié übernommen, die erneut Kataloge der Sammlung verfassen
  • 1784 wird das Gemälde dann vom Autor Durameau in einem weiteren Katalog als Bildnis der englischen Königin Anne Boleyn (1507–1536) identifiziert, jedoch ohne Gründe für diese Zuordnung zu nennen. Das zeigt, mit welcher Beharrlichkeit versucht wurde, der Belle Ferronnière eine Identität zu geben

Öffentliche Ausstellung im Pariser Louvre

Als eine Folge der Französischen Revolution von 1789 geht die königliche Sammlung 1793 in den Besitz des französischen Staates über, der sie im neueröffneten Louvre-Museum öffentlich ausstellt.

  • 1796 schlug der italienische Gelehrte Giovanni Battista Venturi, der in Paris Leonardos Manuskripte studierte, erstmals Lucrezia Crivelli als dargestellte Person vor. Er hatte in Leonardos Notizbüchern das Gedicht von Tebaldeo entdeckt, das eine Lucrezia rühmt, die von Leonardo für ihren Geliebten “Il Moro” gemalt wurde. Diese Deutung fand in der Folge großen Anklang und gilt bis heute als die wahrscheinlichste
  • 1802–1806 fertigten die Maler Ingres und Lefèvre einen sich schnell verbreitenden Kupferstich an, der das Gemälde irrtümlich als La Belle Ferronnière betitelte. In der Folge entstand die bis heute anhaltende Namensverwirrung. Der Louvre bezeichnet das Gemälde daher als “Porträt einer Frau, fälschlicherweise als La Belle Ferronnière bezeichnet”

Das Gemälde befindet sich heute im Saal 710 der Grande Galerie des Louvre.

Kunsthistorische Bedeutung

Obwohl La Belle Ferronnière technisch makellos ausgeführt ist, wirkt sie im Vergleich zu Leonardos zuvor entstandener Dame mit dem Hermelin auf den ersten Blick wenig innovativ. Das Gemälde ist ungewöhnlich streng komponiert und zurückhaltend modelliert. Diese scheinbar einfallsarme Gestaltung lässt den Eindruck entstehen, Leonardo habe hier eine bereits erprobte Porträtform lediglich variiert, nicht jedoch weiterentwickelt. In diesem Sinn erscheint das Gemälde fast wie ein Nebenwerk, das mehr von technischer Meisterschaft als von innerer Anteilnahme geprägt ist.

In Werkbetrachtungen zu Leonardo steht La Belle Ferronnière deshalb auch selten im Vordergrund. Unter den zweifelsfrei echten Gemälden Leonardos gehört dieses unauffällige Porträt zu den am wenigsten beachteten – gerade weil es im Vergleich zur Dame mit dem Hermelin leicht wie „mehr vom Gleichen“ wirkt.

Doch dieser Eindruck täuscht. Leonardo hat mit der Belle Ferronnière ein Meisterwerk geschaffen, das seine Vorstellung von der Anlage eines Porträts exemplarisch vorführt. Wie oben gezeigt, ließ er im Prozess der Auswahl jedes Details nur solche zu, die sich unmittelbar auf die Biografie der Porträtierten beziehen. Gewissermaßen hat er eine nackte Büste der Dargestellten mit Symbolen aus ihrem Leben „dekoriert“, die in der Gesamtschau das vollendete Porträt der Lucrezia Crivelli bilden. Bei der Dame mit dem Hermelin waren diese persönlichen Bezüge nicht in dieser Form deutlich. Der Fokus des Gemäldes lag weniger auf ihrer Person als auf der Darstellung ihrer Beziehung zum Herzog. La Belle Ferronnière hingegen rückt die Dargestellte als selbstbewusste Person in den Mittelpunkt. Obwohl sie im Grunde ebenfalls die Mätresse des Herzogs ist, sind die Symbole des Porträts nun ihre eigenen und nicht mehr die des Herzogs. Gänzlich frei von fremder Symbolik ist jedoch auch sie nicht, denn ihre Person bleibt nach wie vor hinter der den Herzog symbolisierenden Mauer verborgen. Erst die Mona Lisa wird diese Mauer hinter sich lassen.

Wie gut entspricht hier die hohe Kunst der Natur! Da Vinci hätte, wie so oft, die Seele abbilden können. Aber er tat es nicht, damit das Bild ein gutes Abbild sei. Denn il Moro* allein besaß ihre Seele in seiner Liebe.
Sie, die gemeint ist, heißt Lucrezia, und ihr haben die Götter alles geschenkt mit reicher Hand. Wie selten ihre Gestalt! Leonardo malte sie, il Moro liebte sie: Der eine der Erste unter den Malern, der andere der Erste unter den Fürsten.
Sicherlich hat der Maler die Natur und die hohen Göttinnen beleidigt mit seinem Bild. Es ärgert sie zuletzt, dass die menschliche Hand zu so viel fähig ist. Eher noch, dass einem Wesen, das schnell vergehen sollte, Unsterblichkeit verliehen wurde. Er tat es aus Liebe für il Moro, wofür il Moro ihn beschützt. Beide, Götter und Menschen, fürchten sich, il Moro zu verärgern. 

* il Moro (ital. "der Maure"), war der Beiname von Ludovico Sforza, Herzog von Mailand

Antonio Tebaldeo (1463-1537) Erzieher der Isabella d’Este, Markgräfin von Mantua und Schwägerin des Mailänder Herzogs

Literatur

Website des ausstellenden Museums: Louvre-Museum, Paris

Frank Zöllner, Leonardo, Taschen (2019)

Martin Kemp, Leonardo, C.H. Beck (2008)

Charles Niccholl, Leonardo da Vinci: Die Biographie, Fischer (2019)

Johannes Itten, Bildanalysen, Ravensburger (1988)

Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums - Vollständige Ausgabe, Anaconda Verlag (2011)

Die Bibel, Einheitsübersetzung, Altes und Neues Testament, Pattloch Verlag (1992)

Besonders empfehlenswert

Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch – Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten, Schirmer/ Mosel (2019)

Leonardo da Vinci, Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, Schirmer/ Mosel (2011)