Der Bildhauer Leonardo da Vinci

Eine wenig beachtete Tatsache von Leonardos Lebenswerk ist seine Tätigkeit als Bildhauer. Leonardo fertigte dabei aber nicht mit Hammer und Meißel Marmorstatuen oder anderem Gestein, dies erschien ihm als eine zu staubige Angelegenheit. Vielmehr bevorzugte er den Bronzeguss. Dieses Verfahren hatte er bei seinem Lehrmeister Verrocchio in Florenz gelernt. Dabei interessierte ihn vor allem der technische Aspekt. Die Gussform musste erdacht, konstruiert und schließlich realisiert werden, was mit zunehmender Größe der Skulpturen enorme technische Schwierigkeiten mit sich bringt. Vor allem musste dabei beachtet werden, dass das fertige Modell nicht unter dem eigenen Gewicht zusammenstürzt. Da meist mit Bronze gegossen wurde, ein zu der Zeit recht teures Material, brauchte der jeweilige Künstler oftmals reiche Gönner, die ihm das Material zur Verfügung stellten.

Dadurch, und weil Leonardo die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten der Bildhauerei im Vergleich zur Malerei als geringer betrachtete, erklärt sich, dass von Leonardo kaum bildhauerische Werke bekannt sind. Heute ist lediglich ein Werk bekannt, dass ihm eindeutig zugeschrieben werden kann, das monumentale Reiterstandbild für den Mailänder Herzog Ludovico Sforza.

Der Herzog verlor die Macht, sein Hab und Gut und die Freiheit. Und kein Werk für ihn wurde zu Ende geführt.

Leonardo da Vinci nach der Vertreibung des Mailänder Herzogs durch die Franzosen

Das Reiterdenkmal für Ludovico Sforza

Franceso Sforza (1401-1466) war der erste Herzog aus dem Haus der Sforzas, der in der Hochadel aufgenommen wurde, als ihm das Herzogtum Mailand verliehen wurde. Sein Sohn Ludovico Sforza, Herzog von Mailand und Leonardos Dienstherr in seiner Mailänder Zeit (1482-1499), wollte ihm zu Ehren ein gewaltiges bronzenes Reiterstandbild in Mailand errichten. Die Statue sollte über sieben Meter hoch werden. Entwurf, Konstruktion des Gussmodells und der Guss selbst waren in der Dimension bisher nicht durchgeführt worden. Das Vorhaben war für die Bildhauer jener Zeit eine große technische Herausforderung. So fanden bereits seit den 1470er Jahren öffentliche Ausschreibungen statt, doch gelang es keinem ein solches Werk durchzuführen.

Leonardo da Vinci bewarb sich 1482 mit seinem berühmten Brief an Ludovico Sforza als Hofingenieur und Hofkünstler für den Mailänder Hof. Darin empfahl er sich unter anderem ein solches Reiterstandbild realisieren zu können.

Ich beschäftige mich auch mit Skulpturen in Marmor, in Bronze und in Erden; ebenso fertige ich Gemälde, alles was man will. Ich würde auch an einer Reiterstatue in Bronze arbeiten können, welche zum unsterblichen Ruhme und ewiger Ehre, also auch zur glücklichen Erinnerung Eurer Herrlichkeit Vaters und des fürstlichen Hauses Sforza errichtet werden soll.

Leonardo da Vinci in seinem berühmten Brief an den Mailänder Herzog Ludovico Sforza (1482)

Die Planungen zu der Statue wurden immer konkreter und der Herzog erteilte Leonardo um 1488 den Auftrag. Ihm kamen jedoch kurz darauf Zweifel an Leonardos Qualifikationen auf, und er ließ ein geheimes Schreiben an Lorenzo de' Medici aufsetzen, Leonardos ehemaligen Mäzen in Florenz.

[...] Herr Ludovico will seinem Vater ein würdiges Grabmal bereiten und hat in der Zwischenzeit Leonardo da Vinci beauftragt, ein Modell anzufertigen. Es handelt sich um ein überdimensional großes Bronzepferd, auf dem Herzog Francesco in voller Rüstung sitzt. Und da Seine Durchlaucht, der Herzog, eine Sache von höchstem Rang ausführen will, hat er mir aufgetragen, Euch in seinem Namen zu schreiben, dass er wünscht, dass Ihr einen oder zwei Meister schickt, die für diese Arbeit geeignet wären. Und obwohl Seine Durchlaucht den Auftrag bereits an Leonardo da Vinci vergeben hat, scheint es mir nicht so, dass er sich für die Ausführung besonders empfiehlt [...]

Petrus Alemannus (im Namen von Ludovico Sforza) an Lorenzo de' Medici, den Prächtigen, den Herrn von Florenz, Juli 1489

Doch es fand sich kein anderer für das Projekt, zumindest behielt Leonardo den Auftrag. Aufgrund ihrer enormen Höhe von 7m stellte die Statue allein wegen der tragenden Konstruktion eine Herausforderung dar. Leonardo fertigte mehrere Entwürfe an. Eine erste Version mit einem sich aufbäumenden Pferd wurde wegen der schwierigen Konstruktion verworfen. Eine zweite Version zeigte nur noch ein trabendes Pferd. Leonardo erarbeitete konkrete Pläne zur Durchführung des Projekts. 1494 schließlich wurde ein vorbereitendes Gipsmodell in Originalgröße angefertigt und öffentlich ausgestellt.

Zerstörung des Gipsmodells und Repliken

Für die finale Umsetzung der gewaltigen Skulptur wurde dann die enorme Menge von 70t Bronze herbeigeschafft, die allerdings 1495 kurzfristig für den Bau von Kanonen zweckentfremdet wurde. Der Mailänder Herzog brauchte Waffen für einen Krieg mit den Franzosen. Nach kurzfristigen Erfolgen verlor der Herzog den Krieg mit Frankreich und wurde 1499 durch den Einmarsch der Franzosen aus Mailand vertrieben.

Das bestehende Gipsmodell wurde nach der Eroberung Mailands 1499 durch französische Soldaten vollständig zerstört. Anhand von Zeichnungen Leonardos wurde der Versuch unternommen, die von ihm geplante Statue zu rekonstuieren. So sind zwei moderne Nachbildungen entstanden. Eine "American Horse" genannte Replik in den USA und eine weitere "Cavallo Leonardo" genannte in Mailand. Beide wurden maßstabsgetreu rekonstruiert und sind wie das originale Gipsmodell ca. 7m hoch. Es versteht sich von selbst, dass diese Modelle nicht exakt Leonardos Entwurf entsprechen können, zumal beiden Modellen der Reiter – also Franceso Sforza – fehlt, dennoch können sie heute eine Vorstellung von der monumentalen Größe des Projekts vermitteln.

Wäre das Reiterstandbild wie ursprünglich beabsichtigt im Zentrum von Mailand aufgestellt worden, hätte das gewaltige bronzene Pferd zu Ehren von Il Moro (Der Schwarze), wie Ludovico Sforza auch genannt wurde, sicherlich auch heute noch von seiner Imposanz gezeugt.

Die "Cavallo Leonardo" genannte Mailänder Replik befindet sich heute im Stadtteil San Siro, wenige Meter entfernt vom Mailander Fußballstadion an der Pferderennbahn, dem "Hippodrome de San Siro".

Paragone – Wettstreit der Künste

Warum Leonardo kaum als Bildhauer bekannt ist

Die Debatte darüber welches die höchste Form der Künste sei, wird Paragone genannt, es handelt sich dabei um einen jahrhundertealten Disput unter Gelehrten, der bis in die Antike zurückreicht. Leonardo hat die Malerei stets als höchste Form der Künste betrachtet und beteiligte sich mit einigen Schriften aktiv am Paragone.

Dabei ging es nicht nur um eine geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern auch um die Frage der gesellschaftlichen Anerkennung der Malerei als freie Kunstform mit allen damit verbundenen Privilegien für die Maler. Dies waren zum Beispiel Forderungen nach eigenen Zünften, Steuernachlässen, bis hin zur Berechtigung zum Führen von Adelstiteln. Der Disput wurde schriftlich und mit öffentlichen Diskussionen geführt, teils mit heftigen rhetorischen Anfeindungen zwischen den Künstlern der verschiedenen Gattungen. Vermutlich liegt hierin auch der Grund, warum es zu dem Zerwürfnis mit dem berühmten Bildhauer und Maler Michelangelo kam, der der Bildhauerei den Vorzug gab und für diese argumentierte. Zwischen Leonardo und Michelangelo soll eine legendäre Feindschaft bestanden haben.

Ein Vergleich Leonardos von Bildhauerei und Malerei

Arbeitet der Bildhauer an seinem Werk, so entfernt er durch die Anstrengung von Arm und Hammer Marmor und anderes Gestein, die die innen eingeschlossene Gestalt in Übermaß verdecken, was eine durchaus mechanische Tätigkeit ist und oft mit viel Schweiß und Staub, die einander zu Schlamm mischen, einhergeht. Mit seinem über und über von Marmorstaub bedecktem Gesicht sieht er aus, als ob es auf seinen Rücken geschneit hätte, und sein Haus ist dreckig, voller Steinsplitter und Staub.

Leonardo da Vinci über die Bildhauerei

Ganz im Gegenteil zum Maler (ich spreche hier ausschließlich von hervorragenden Malern und Bildhauern), weil der Maler bequem und wohlbekleidet vor seinem Werk sitzend den leichtesten Pinsel mit entzückenden Farben schwingt. Seine Kleidung folgt ganz seinem Geschmack und sein Haus, geschmückt mit reizenden Gemälden, bleibt sauber, oft lässt er sich begleiten von Musik oder wechselreichen, angenehmen Lektüren, denen er freudig folgt ohne lautes Hämmern und sonstigen Lärm.

Leonardo da Vinci über die Malerei
Leonardo malt die Mona Lisa – Cesare Maccari
Leonardo malt die Mona Lisa, 1863, Cesare Maccari