Nico Franz
1981 Cottbus, DE
Wortfeld cardinalis

Nico Franz

1981 Cottbus, DE

Wortfeld Cardinalis (Votivtafel Belsazars), 2026

CSS und SVG Filter auf HTML und Pixel auf Canvas

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam’s hervor wie Menschenhand
Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand

Heinrich Heine Belsazar, 1820

Wortfeld Cardinalis

Votivtafel Belsazars, 2026

Wortfeld Cardinalis ist ein kopistisches Gemälde, das im Jahr 2026 von Nico Franz erschaffen wurde. Es zeigt eine Museumslandschaft mit einem dominanten großformatigen Binärbild in der rechten Bildhälfte. Das Binärbild bezieht sich auf eine bekannte Zeichnung Leonardo da Vincis ("Ein von Zigeunern überlisteter Mann", um 1500). Die Besonderheit des Binärbildes liegt darin, dass es aus zufällig ausgewählten Wörtern besteht, deren schwarz hervorgehobene Buchstaben “A” und “a” das Gesicht aus Leonardos Zeichnung formen.

Technik, Komposition und Perspektive

Das Gemälde verwendet Webtechnologien, um Raum, Farbe und Struktur zu erzeugen (HTML, CSS, SVG-Filter, Javascript und WebGL). Dabei unterliegen einzelne Bildelemente dem Konzept des beschränkten Zufalls, das heißt innerhalb eines definierten Rahmens werden sie zufällig erzeugt, positioniert oder gefärbt. Ein streng geometrisches Konstruktionssystem klassisch-antiker Proportionen liegt dem Werk zugrunde. Besonders deutlich wird das an der Aufteilung der Bildzonen.

Das Gemälde wurde proportional unterteilt in fünf Bildzonen (schwarze Linien). Die linke Bildhälfte zeigt die vier gleich hohen Etagen des Gebäudes. Eine Treppe dient als Brücke zur rechten Bildhälfte mit dem Hauptmotiv: eine überdimensionale Texttafel, bei der einzelne Buchstaben hervorgehoben wurden, um als Binärbild zu erscheinen
Wird der Bildraum leicht gedreht, wird deutlich, dass das Gemälde mit der Perspektive spielt. Die hölzerne Treppe endet nicht auf derselben Höhe wie das Parkett des rechten Bildraums und zwischen der Wandtafel und der dekorativen Treppe davor befindet sich ein unüberwindbarer Abgrund
Am Horizont ist eine Pyramide zu erkennen. Am Himmel sind sieben Kondensstreifen zu erkennen. Ein winterlicher Nebel legt sich kreisförmig um das Gebäude
Das Oberste Stockwerk zeigt eine dekorative Lichtöffnung durch die ein Lichtstrahl in den Raum eintritt und dort reflektiert wird. An der dunklen Wand eine Umrissfigur im ägyptischen Stil. Auf der linken Seite hinter einer Glaswand eine Plastik aus gestapelten Quadern klassischer Proportionen, die in ihren Maßen auf biblische Heiligtümer verweisen
Die mittlere Etage ist nur von außen zu sehen. Sie zeigt eine massive Betonstruktur, in die auf der rechten Seite ein kubischer Block eingesetzt wurde, der offensichtlich einer starken mechanischen Belastung ausgesetzt war. Darunter die Schatten einer alten Wegmarkierung (MM) und ein Hinweisschild für einen Fluchtweg. Im linken Bereich zeichnen sich kreisrunde Schatten von früher aufgebrachten Elementen ab, sowie von Handwerkern aufgetragene Linienmarkierungen. Vermutlich sollte das mittlere Licht um zwei weitere kleinere ergänzt werden
Im Untergeschoss des Museums wurde ein Raum im Stil einer Wüstenlandschaft bei Nacht dekoriert. Er zeigt 19 Blöcke, die jeweils aus sechs kubischen Steinen bestehen. Die Proportion und Position der Blöcke wird für die zwölf ganz linken Blocke zufällig bestimmt, wobei einer eine auffällig andere Form zeigt als die anderen. Die drei ganz rechten Blöcke ändern ihre Form nie. Die vier dazwischen nach dem vorgegebenen Muster ABAA oder AABA, bzw. BABB oder BBAB. Der dunkle Nachthimmel im Hintergrund zeigt einen teils verdeckten Mond und 97 Sterne
Die Maße der Quader sind nicht zufällig gewählt. Sie sind eine maßstabgetreue Nachbildung der in der Bibel genannten äußeren Proportionen der Bauwerke. Von unten nach oben: Arche Noah (5:3:30), Stiftszelt des Mose (1:1:3), Tempel Salomos (2:3:6) und schließlich das Allerheiligste (1:1:1, hier in der Proportion des Stiftzelts, das es zu einem Drittel ausfüllte). Am gegenüberliegenden Ende der Arche zeigen maßstabgetreue Nachbildungen die in der Bibel genannten äußeren Proportionen der Zeremonialgegenstände (Brandopferaltar (jeweils für Salomos Tempel und Stiftzelt), Schaubrottisch und Bundeslade)
Es ist bemerkenswert, dass die römischen Buchstaben M M L I den traditionellen Anfangsbuchstaben der Evangelien in römischer Schreibweise entsprechen (Matthaeus, Marcus, Lucas, Iohannes). Dass der Bezug beabsichtigt ist, wird daran deutlich, dass das Verhältnis der Durchmesser der vier Kreise links von den Buchstaben dem Verhältnis der Wortanzahl der Evangelien entspricht (je nach Übersetzung etwa 18.300 (Mt), 11.300 (Mk), 19.500 (Lk), 15.600 (Joh))
Einer der Blöcke wird zufällig senkrecht aufgestellt. Seine Proportion von 1:6 Steinen entspricht der einer aufgerichteten Arche Noah (1 breit und 6 lang). Insgesamt formen 114 Steine 19 Blöcke zu je sechs Steinen

Das Wortfeld

Das Wortfeld ist das Hauptelement des Gemäldes. Der Begriff bezieht sich auf das in der Linguistik gebräuchliche Verfahren der Wortfeldanalyse. Hierbei werden Wörter nach ihrer inhaltlichen Verwandtschaft gruppiert, um den Informationstyp sowie den Informationsgehalt eines Textes zu bestimmen.

Ein von Zigeunern überlisteter Mann (Auschnitt), um 1500, Leonardo da Vinci (RCIN 912495)
Diese bekannte Zeichnung Leonardos diente als Vorlage für die Form des Gesichts
Wortfeld Cardinalis (Detail), Nico Franz, 2026
Leonardos Zeichnung wurde programmatisch in ein Binärbild überführt. Die Matrix besteht aus 90 Spalten und 113 Reihen. Sie wird zufällig mit Wörtern aus einer Liste mit ca. 160 Wörtern befüllt
Wörter, die die Buchstaben "A" oder "a" enthalten, sind so gesetzt, dass sie das Gesicht aus Leonardos Zeichnung nachformen. A und a sind schwarz hervorgehoben. Lücken werden mit Wörtern gebildet, die den Buchstaben A nicht enthalten. Auch wenn die Wörter stets zufällig eingefügt werden, beginnt das Wortfeld links oben stets mit: "Und als ich mich daran erinnerte, wie ich durch die Wortfelder streifte, da kamen mir diese Worte in den Sinn"

Die Figuren

Die Figurengruppe in der rechten Bildhälfte besteht aus bläulich schimmernden Silhouetten, deren Struktur und Kontur aufgelöst (oder neu zusammengesetzt) zu sein scheint. Es handelt sich im Ursprung um KI-generierte Fotos männlicher Personen, die bezüglich der Posen nach strikten Vorgaben erstellt wurden. Sie wurden danach programmatisch in Silhouetten umgewandelt (Sonderform eines Binärbildes). Diese Silhouetten werden beim Laden des Gemäldes eingelesen, programmatisch in Pixel zerlegt, in zufälligen Blautönen eingefärbt und mit zufälliger Transparenz versehen, um schließlich neu zusammengesetzt in jene blau-transzendent schimmernde Erscheinung überzugehen. Die Halle in der die Gruppe steht, erinnert durch die typische Treppe an die Sixtinische Kapelle, in der die Kardinäle unter dem mächtigen Eindruck von Michelangelos Wandgemälde “Das jüngste Gericht” ihren Papst wählen. Die Sixtinische Kapelle selbst entspricht in ihren äußeren Proportionen den biblischen Angaben zum Tempel Salomos.

Ein Spaziergänger im Anzug mit Sonnenbrille
Ein Mann in kurzen Hosen verschnauft nach einer Anstrengung
Ein Mann in der Betrachtung
Ein Kind berührt die Hand seiner Mutter
Die transzendent blau schimmernden Figuren befinden sich in einem Raum, der der sixtinischen Kapelle nachempfunden ist. Die Skulptur im Hintergrund rechts setzt sich zusammen aus vier klassischen Grundkörpern der Geometrie: Zylinder, Kugel, Würfel und Pyramide

Dieses Werk meine Freunde ist Vernunft und Weisheit

Nico Franz